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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Fortschritte im Dialog der einst verfeindeten Parteien18.09.2006

Fortschritte im Dialog der einst verfeindeten Parteien

Erich Rathfelder: "Schnittpunkt Sarajevo"

Ex-Jugoslawien ist seit Ende der Balkankriege weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung in Westeuropa verschwunden. Der Journalist Erich Rathfelder hat dort den größten Teil seiner journalistisch aktiven Zeit verbracht und rückt es jetzt mit einer sehr persönlichen Bestandsaufnahme wieder ins Licht.

Von Rüdiger Rossig

Sarajevo im April 1996 (AP Archiv)
Sarajevo im April 1996 (AP Archiv)

Erich Rathfelder lebt seit 14 Jahren in Ex-Jugoslawien. Die meiste Zeit verbrachte er dort als Berichterstatter für die Berliner Tageszeitung taz. In Bosnien und Herzegowina kamen von 1992 bis 1995 Hunderttausende Menschen ums Leben. Zehntausende Frauen wurden vergewaltigt. Ein Drittel der Bevölkerung musste fliehen oder wurde vertrieben. Rathfelder berichtete von vor Ort über ethnische Säuberungen und Massaker. Er sprach mit Politikern, Offizieren, Mitarbeitern von Hilfsorganisationen. Mit Opfern und Hinterbliebenen. Mit einheimischen Wissenschaftlern, Journalisten, Musikern und Schriftstellern. Mit Lehrern, Angestellten, Taxifahrern, Rentnern, Studierenden, Ex-Soldaten und anderen ganz normalen Menschen auf allen Seiten. Auch als der Krieg zu Ende ging, blieb Erich Rathfelder auf dem Balkan. Sein Buch Schnittpunkt Sarajevo ist eine Bestandsaufnahme: Welche Chancen hat eine Versöhnung in Bosnien im Jahre elf nach dem Frieden von Dayton? Und: Rathfelders Grundthese ist positiv:

Natürlich ist noch nicht alles in trockene Tücher gewickelt. Noch gibt es Probleme und Konflikte, auch Gefahren. Deshalb muss die internationale Gemeinschaft mit ihren Institutionen, auch den militärischen, bis auf weiteres vor Ort bleiben. Aber wenn jetzt die Leute aus Europa hierher nach Bosnien und Herzegowina kommen und sagen, nach zehn Jahren sind die immer noch nicht versöhnt, der Balkan ist eben doch eine unbelehrbare Region, dann halte ich dies für ungerecht. In anderen Ländern Europas haben wir Jahrzehnte für solche Prozesse gebraucht.

In Schnittpunkt Sarajevo führt Erich Rathfelder seine Leser auf 250 Seiten durch die komplizierte Realität Bosniens. Mit Hilfe von zahlreichen Reportagen und Personen-Portraits stellt er Land und Leute im Jahr elf nach Kriegsende vor - und berichtet von den Konflikten, die den Alltag der vier Millionen Einwohner Bosniens bis heute beherrschen: Nach wie vor ist ihr Staat in eine kroatisch-muslimische und eine serbische Verwaltungseinheit geteilt. Das winzige Land leistet sich 180 Minister - und deren Bürokratien konkurrieren, anstatt zusammenzuarbeiten. Kroatisch-katholische und serbisch-orthodoxe Nationalisten verhindern weiterhin erfolgreich eine echte Re-Integration der bosnischen Gesellschaft. Auch islamistische Kräfte bekämpfen offen die Idee eines multi-religiösen Staates, den die internationale Gemeinschaft seit Ende des Krieges 1995 zu errichten versucht. Erich Rathfelder ist der Ansicht, dass die ausländischen Verwalter Bosniens an diesem Zustand Mitschuld tragen:

1995 diskutierte und analysierte man das Problem in Bosnien in fast allen internationalen Organisationen allein in nationalistischen Kategorien. In diesem Denkmuster existierten eben nur "Croats, Serbs and Muslims", nicht Menschen, nicht Individuen mit unterschiedlichen Handlungen, Geschichten und Kenntnissen.

Schnittpunkt Sarajevo bleibt nicht bei der Kritik. Erich Rathfelder beschreibt plastisch, wie die internationale Verwaltung Bosniens im Laufe der Jahre dazulernte, dass Maßnahmen, wie die Einführung einheitlicher Pässe für beide Entitäten, einer Währung und einer Staatsflagge, tatsächlich begannen, Wirkung zu zeigen und wie sich das Leben der Bosnierinnen und Bosnier dadurch zum Besseren veränderte:

Zuvor hatten die einzelnen Teile Bosniens jeweils eigene Autokennzeichen herausgegeben. So konnte jeder erkennen, ob sich in dem Wagen ein Serbe, ein Kroate oder ein Muslim befand, was in den ersten Nachkriegsjahren bei Fahrten in die von "den anderen" kontrollierten Gebiete natürlich zu Schikanen oder sogar zu Übergriffen führte. Gemeinsame Autokennzeichen machten die in Dayton versprochene Bewegungsfreiheit erst möglich.

Rathfelders Buch belegt: Bewegungsfreiheit ist im heutigen Bosnien kein Thema mehr. Der Autor von Schnittpunkt Sarajevo fährt ungehindert durch das Land, trifft Serben auf muslimischem, Kroaten auf serbischem und Muslime auf kroatischem Territorium. Seine Gesprächspartner machen deutlich: In Bosnien ist im Jahre elf nach Kriegsende einiges besser geworden - aber es gibt weiterhin viele Probleme. Die Suche nach den Haupt-Kriegsverbrechern Radovan Karadzic und Ratko Mladic versandet im Gewirr von Diplomatie, Militär und Geheimdiensten eigentlich verbündeter Länder. Nach wie vor bestimmen nationalistische Parteien die bosnische Politik. Weiterhin bemühen sich Menschen, die zahlreichen Morde und Massaker der Kriegszeit aufzuarbeiten. Rathfelder hält sich an keiner Stelle mit politischen Bewertungen zurück. Über das Massaker von Srebrenica im Sommer 1995 etwa schreibt er:

Srebrenica wird heute so oft von westlichen Politikern diskutiert, weil sie dann nicht über ihre Untätigkeit angesichts der ethnischen Säuberungen 1992/93 reden müssen. Dabei gab es damals viel mehr Tote.

Gerade angesichts von Rathfelders genauer Kenntnis der Grauen der Kriegszeit und der zahlreichen politischen Fehler, die seitdem in Bosnien gemacht wurden, verwundert sein Optimismus bezüglich der Zukunft des Landes. Der Autor von Schnittpunkt Sarajevo meint gar zu bemerken, dass sich die Konturen des für seine Toleranz berühmten Vorkriegs-Bosniens heute wieder zeigen. Kann das stimmen? Rathfelder zitiert - neben vielen anderen - einen Muslim, der 1993 knapp einem Massaker entging:

Wir leben im 21., nicht im 15. Jahrhundert. Was sollen Hass und Rache bringen? Allah weiß, was geschehen ist. Der Hass würde uns nur selbst zerstören.

Schnittpunkt Sarajevo zeigt, viele der Bosnier, die Rathfelder befragt, sind willens und fähig zur Versöhnung - und sei es, weil sie darin ihren einzigen Weg in das vereinte Europa sehen. Aber dem Leser wird auch recht schnell klar, dass auch für Autor Erich Rathfelder ein geeintes, multi-nationales und multi-religiöses Bosnien ohne Alternative ist. Er selbst macht das mehr als deutlich - und begründet seine Haltung zum einen mit den blutigen Folgen, die der Nationalismus in der jüngsten europäischen und der jüngsten bosnischen Geschichte hatte. Andererseits warnt Rathfelder davor, dass das Fehlen von Perspektiven und das Gefühl, vom Rest Europas abgelehnt zu werden, die bosnischen Muslime in die Arme des Fundamentalismus treiben könnte:

Die islamischen Länder der Welt haben registriert, dass es europäische Muslime gibt und versuchen, in Bosnien Einfluss zu gewinnen. Bisher wollen bis auf die wenigen Wahabiten alle Bosnier nach Europa, wollen eine moderne Demokratie, der es gelingt, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Sie wollen nicht in einem religiös geprägten und durch ethnische Linien geprägten Staat leben. Aber heute wächst eine neue Generation heran, die das alte Bosnien gar nicht mehr kennt.

Mit Schnittpunkt Sarajevo hat Erich Rathfelder Bosnien und Herzegowina und seinen Bewohnern eine Liebeserklärung gemacht. Das Buch berührt auf 250 Seiten, weil der Autor von seinem Sujet berührt ist. Aber wie alle Liebenden gelingt es Rathfelder oft nicht, Distanz zu seinem Gegenstand zu halten. Seine Hoffnungen bezüglich der Perspektiven der bosnischen Wirtschaft dürfen als überhöht bezeichnet werden. Und ob der so genannte "vierte Block" derjenigen Bosnier, die sich nicht national aufspalten lassen wollen, es tatsächlich schafft, sich aus der Umklammerung durch die Nationalisten zu lösen, muss sich erst noch zeigen. Die tiefe Sympathie, die der Autor für das kleine Land auf dem Balkan und seine Menschen hegt, treibt gelegentlich stilistische Blüten, etwa, wenn Rathfelder akribisch die kyrillischen und lateinischen Zeichen auf den bosnischen Autokennzeichen erläutert. Derartige Detailverliebtheit mag manche Lesenden langweilen - aber es entspricht Rathfelders Anspruch: Er will darstellen, wie außerordentlich kompliziert die bosnische Gesellschaft elf Jahre nach dem Friedensschluss von Dayton ist. Wem das zu dröge ist, für den ist Schnittpunkt Sarajevo nichts. Aber wer sich auf Bosnien und Herzegowina einlassen will, wird um das Buch nicht herumkommen.

Erich Rathfelder: Schnittpunkt Sarajevo
Bosnien und Herzegowina zehn Jahre nach Dayton: Muslime, Orthodoxe, Katholiken und Juden bauen einen gemeinsamen Staat.
Verlag Hans Schiler, Berlin 2006,
256 Seiten, 18,- Euro

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