Erste Diskussionsrunde
Forum für Journalismuskritik: „Ratlose Politik, mutlose Medien? Was wir jetzt tun können“

Welche Möglichkeiten gibt es, in Krisenzeiten noch Kompromisse zu finden? Und wie sollten Medien auf diese Krisen reagieren, die sie auch selbst betreffen? Das waren nur einige der Fragen in der ersten Diskussionsrunde beim "Forum für Journalismuskritik" im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunks.

    Das Foto zeigt Moderator Christoph Schäfer, den Newsfluencer Fabian Grischkat, die Journalistin Dagmar Rosenfeld, den früheren luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn und die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan auf der Bühne.
    Beim 10. Kölner Forum für Journalismuskritik ging es um die Frage, wie die Medien und die Politik in Zeiten der Krise ihren Platz behaupten und neu definieren können. (Thomas Kujawinski)
    Vier Gäste waren eingeladen zu der Diskussion, die von Deutschlandfunk-Redakteur Christoph Schäfer moderiert wurde. Dabei waren: zwei Politiker – beide nicht mehr im aktiven Politikgeschäft, aber mit jahrzehntelanger Erfahrung, und zwei Journalisten, die neue Wege im Mediengeschäft beschreiten.

    Fabian Grischkat: "Wofür kämpfen wir eigentlich?"

    Zunächst ging es um die Analyse des Status Quo. Den Auftakt machte der Moderator und 25-jährige „Newsfluencer“ Fabian Grischkat, der mit kurzen Videos über politische Inhalte bei Instagram bekannt ist. Er sieht die Welt in einer Zeit multipler Krisen, die auf junge Menschen einprasseln. Nach seinem Dafürhalten aber fehlt den jungen Menschen das Vertrauen, dass die Politik die Krisen wirklich „adressieren“ könne. Ein Großteil seiner Generation, so Grischkats Überzeugung, sehe etwa klar die Notwendigkeit, dass man als Land verteidigungsfähig sein müsse. Wenn es aus der „Gen Z“ dann trotzdem Proteste gebe – etwa gegen das neue Wehrdienstgesetz – dann liege das daran, dass die Politik die wichtige Frage offenlasse: „Wofür kämpfen wir eigentlich? Was verteidigen wir hier?“ Das müsse man erklären, und hier gebe es eine echte Lücke. Wörtlich nannte Grischkat die Koalition aus Union und SPD „unehrlich“.
    Das Foto zeigt Moderator Christoph Schäfer, den Newsfluencer Fabian Grischkat und die Podcasterin Dagmar Rosenfeld.
    Der Newsfluencer Fabian Grischkat findet, dass die Politik die aktuellen Krisen nicht angemessen "adressiert", vor allem mit Blick auf junge Leute. (Thomas Kujawinski)

    Annette Schavan: Die Politik tritt an mit "der Verachtung des Kompromisses"

    Die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan, die heute Vorsitzende der gemeinnützigen Hertie-Stiftung ist, setzt angesichts der vielen Krisen vor allem auf eines: auf Kompromissfähigkeit. In jedem Jahrzehnt habe es auf der Welt katastrophale Erfahrungen gegeben. Heute aber heute erlebe man eine Zeit, in der Illusionen platzten – etwa die, dass Freiheit so attraktiv sei, dass sie überall auf der Welt funktionieren könne. Das Streiten, etwa in der Politik, gehört nach ihrem Dafürhalten zwar dazu, aber eher „in die innere Kommunikation“. Stattdessen trete die Politik heute zu sehr an mit „der Verachtung des Kompromisses“ – anstatt anzuerkennen, dass es mit Blick auf die sich verändernden Mehrheitsverhältnisse „Quatsch“ sei zu sagen: „Wir wollen CDU pur, wir wollen SPD pur.“
    Das Foto zeigt Annette Schavan beim Forum für Journalismuskritik in Köln.
    Annette Schavan wünscht sich mehr Leidenschaft für die Demokratie. (Thomas Kujawinski)

    Dagmar Rosenfeld: "Was ist die Erzählung, was Deutschland sein kann?"

    Auch die Journalistin und Podcasterin Dagmar Rosenfeld hält den Begriff des Kompromisses für ganz zentral. Die Herausforderungen an die Bundesregierung seien „immens“, in der Außen- wie in der Innenpolitik. Der Sozialstaat sei „massiv reformbedürftig“ – aber statt zu handeln, streite die Regierung. Die Parteien, die um Selbstbehauptung kämpften, seien zu Kompromissen nicht in der Lage. Es fehle das Einstehen der Politik dafür, dass Veränderung nicht nur Bedrohung und Verzicht bedeute: „Was ist die Erzählung, was Deutschland sein kann?“ Als positives Beispiel für Kompromissfähigkeit verwies sie auf die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder, die mit der Agenda 2010 eine Arbeitsmarktreform geschafft habe, die gegen die Parteiprogrammatik gegangen sei.

    Jean Asselborn: Freiheit und Demokratie gegen die "Raubtiere" USA, Russland, China

    Der frühere luxemburgische Außenminister Jean Asselborn verwies darauf, dass Europa nie eine krisenfreie Zone gewesen sei - was man an Begriffen wie Finanzkrise und Migrationskrise ablesen könne. Sorgen bereitet ihm vor allem die Lage in Frankreich, wo die politischen Lager noch nie so weit nach links und rechts auseinandergedriftet seien wie heute – und das bei einem Präsidenten Macron, der angetreten sei, den Extremismus abzuschaffen. Asselborn nutzte seine Redezeit mehrfach zu einem Plädoyer für die Rechtsstaatlichkeit.  Wichtig sei es angesichts der Weltlage, die Werte der EU hochzuhalten und die europäische Lebensweise und das europäische Friedensprojekt zu verteidigen. Asselborns Schlagworte: Freiheit und Demokratie, denn beide seien das Gegenteil dessen, wofür die „drei Raubtiere“ auf der Welt stünden – nämlich Russland, die USA unter Trump und China.
    Das Foto zeigt den früheren luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn.
    Jean Asselborn hat beim "Forum für Journalismuskritik" ein Plädoyer für die europäischen Werte gehalten. (Thomas Kujawinski)

    Fabian Grischkat fordert Offenlegung der Algorithmen

    Was kann man nun ganz konkret tun gegen die Krisen? Fabian Grischkat sieht zweierlei Aufgaben. Zum einen fehlen ihm bei den klassischen Medien die Einordnungen mit Blick auf die Lebensrealität junger Leute. Man müsse zudem schneller werden, um Fakten zu checken. Zum anderen sieht er aber auch die großen Digitalkonzerne in der Pflicht. Sie müssten endlich ihre Algorithmen offenlegen. Denn dann könnten Journalisten und Newsfluencer wie er besser einschätzen, wie man Beiträge machen müsse. Solange nur Empörungsmeldungen „algorithmisch getrieben“ nach vorne gebracht würden, sei das Ganze ein Kampf von David gegen Goliath. Und Goliath seien die Tech-Konzerne.

    Dagmar Rosenfeld: "Der Meinungsjournalismus hat überhandgenommen"

    Dagmar Rosenfeld kann dem nur zustimmen. Sie findet: „Der Algorithmus belohnt das Schrille und das Laute“. Und dieser Algorithmus schiebe sich geradezu zwischen die Journalisten und die Leser und Nutzerinnen. Rosenfeld kritisiert zudem ganz offen: „Ich finde, dass der Meinungsjournalismus überhandgenommen hat.“ Aufgabe von Journalismus ist nach ihrem Dafürhalten aber die Recherche. Sie mache gemeinsam mit Robin Alexander in ihrem Podcast „Machtwechsel“ das Angebot, tief einzutauchen in politische Mechanismen. Ziel sei zu berichten, „was ist“. Falsch sei sich zu fragen, ob man über etwas berichten dürfe, wenn das vielleicht der AfD nütze.
    Das Foto zeigt die Podcasterin Dagmar Rosenfeld (rechts) und den Newsfluencer Fabian Grischkat.
    Dagmar Rosenfeld kritisiert, dass Algorithmen oft "das Laute und das Schrille" belohnen. (Thomas Kujawinski)

    "Wir brauchen mehr Leidenschaft für Demokratie"

    Jean Asselborn brachte vor allem seine Sorge um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Ausdruck. Er hoffe, dass dieser nicht zerschlagen werde – und bekam dafür Applaus aus dem Saal. Die öffentlich-rechtlichen Medien dürften sich nicht von der AfD „in die Falle locken lassen“. Er hoffe, dass die AfD nicht die Macht bekomme, ARD, ZDF und Deutschlandradio „kaputtzumachen“.
    Und Annette Schavan griff noch einmal ein Leitmotiv der Debatte auf. Sie findet: Es wird viel zu viel schlechtgeredet in Deutschland. Ihr Wunsch – selbst wenn die Bahn nicht kommt und die Brücken marode sind: „Wir brauchen mehr Leidenschaft für Demokratie“.
    Das Kölner Forum für Journalismuskritik fand dieses Jahr erneut als Kooperation der Deutschlandfunk-Redaktionen Nachrichten sowie Meinung & Diskurs mit der Initiative Nachrichtenaufklärung statt. Es ist eine Veranstaltung der Deutschlandradio-Denkfabrik. Das Forum 2026 war die 10. Ausgabe der Veranstaltungsreihe, die es nun seit 2015 gibt.