Zweite Diskussionsrunde
Forum für Journalismuskritik: „Demokratie- und Medienkrise – Was kann die Gesellschaft tun?“

Welche Werte verbinden uns? Wie kann man in der Gesellschaft etwas bewegen, gerade in Zeiten der Krise? Um diese Fragen drehte sich die zweite Diskussionsrunde beim „Forum für Journalismuskritik“ in Köln.

    Das Foto zeigt Moderatorin Sina Fröhndrich, Schwester Emmanuela Kohlhaas, Ewald Lienen und Juri Rother auf der Bühne im Kölner Funkhaus.
    Was kann die Gesellschaft in Zeiten der Krise tun? Darum ging es in der zweiten Gesprächsrunde beim "Forum für Journalismuskritik". (Thomas Kujawinski)

    Kirche, Karneval und Fußball

    Drei Gäste waren eingeladen, aus drei unterschiedlichen Bereichen, die am Ende doch viel miteinander zu tun hatten: Kirche, Fußball, Karneval. Für die Kirche stand Schwester Emmanuela Kohlhaas, die nicht nur Benediktinerin, sondern auch Autorin und Coach ist. Für den Fußball stand Ewald Lienen, langjähriger Spieler und Trainer und überdies engagiert für den Klimaschutz. Und im Karneval ist Juri Rother zu Hause, Sänger der Kölsch-Band „Planschemalör“.

    Schwester Emmanuela Kohlhaas: "Sehnsucht nach positivem Lebensgefühl ist noch da"

    In der von Sina Fröhndrich moderierten Runde ging es zunächst um eine Bestandsaufnahme: Wo steht unsere Gesellschaft? Schwester Emmanuela beobachtet „mit einem gewissen Erschrecken“ eine wachsende Eskalation zwischen Konfliktparteien – und das weltweit. Sicher geglaubte Begriffe wie „Friedensethik“ seien verschwunden. Sie denke, dass sich zwar die meisten Menschen noch immer nach einem positiven Lebensgefühl sehnten, dass aber die Angst zunehme. Die Frage sei, ob Politik und Journalismus noch gestalten könnten - oder ob sie Spielbälle seien und Entwicklungen hinterherhinkten.
    Das Foto zeigt Schwester Emmanuela Kohlhaas, die Benediktinerin und Autorin ist.
    Schwester Emmanuela Kohlhaas wirbt für eine "Kultur der Wertschätzung". (Thomas Kujawinski)

    Ewald Lienen: "Krisen kann man nicht von Gesellschaftsstrukturen trennen"

    Für Ewald Lienen lassen sich die weltweiten Krisen nicht trennen von grundlegenden Organisationsstrukturen der Gesellschaft, Stichwort Arbeitswelt, Bildungsangebot, Umgang mit Natur und Mensch. „Alles ist mit allem verbunden“, betonte Lienen. Ohne die gesellschaftlichen Strukturen anzupassen, werde man die diskutierten Probleme nicht lösen: „Woher kommt der Stress, der individuelle und der kollektive? Welche Ansatzpunkte haben wir da?“

    Juri Rother: "Rechte Parteien prägen schon sehr junge Leute in sozialen Medien"

    Juri Rother sieht vor allem die sozialen Medien durchaus kritisch: „Ich habe Angst, dass da zuviel gestaltet wird.“ So schafften es rechte Parteien dort, schon sehr junge Leute zu prägen. Er vermisse da eine härtere Gegenwehr. Er selbst sei eher ein weicher Typ und auf Harmonie ausgerichtet, aber „wenn ich mich online so umgucke, dann hab ich schon fast manchmal den Drang, mich zu radikalisieren.“
    Das Foto zeigt Juri Rother, den Sänger der Band "Planschemalör".
    Juri Rother sorgt sich, dass soziale Medien zuviel Gestaltungsmacht haben - gerade, was junge Leute angeht. (Thomas Kujawinski)

    Für Ewald Lienen reicht die "rein kognitive" Bildung nicht aus

    Wie kann man in der Gesellschaft nun umgehen mit diesem Krisenbefund? Was kann jeder einzelne tun? Ewald Lienen nennt Begriffe wie Glaube, Hoffnung und Liebe als „uralten Dreiklang“. Und er nennt als ein Beispiel die Schule. Dort reiche die „rein kognitive“ Bildung eben nicht aus. Es müssten auch Persönlichkeitsbildung und Charakterschulung hinzukommen. Ein großer Player sei hier auch der Sport. Es gebe allein 24.500 Fußballvereine im DFB, hinzu kämen zehntausende in anderen Sportarten. Hier könne man so viel lernen: Gesundheit, Regeln, Charakterstärken – immer vorausgesetzt, man finde auch Trainer, denen das wichtig sei.

    "Politik braucht engagierte Menschen"

    Da konnte Schwester Emmanuela nur zustimmen: „Das passt zum klösterlichen Leben“, sagt sie: Glaube, Liebe, Hoffnung – da sei man in einem ganz zentralen spirituellen Bereich, und in ihrem Leben spielten daneben auch Training und Formung eine ganz große Rolle. Für sie ist ganz zentral: „Politik braucht engagierte Menschen.“ Aus ihrer Sicht seien die Gründerväter und -mütter der Demokratie solche Menschen gewesen. Demokratie lebe davon, dass man sich immer auch für das Ganze und für den Anderen interessiere – und nicht nur den eigenen Vorteil suche.
    Das Foto zeigt Schwester Emmanuela Kohlhaas und Ewald Lienen beim "Forum für Journalismuskritik.
    Ewald Lienen plädiert für faktenbasierte Diskussionen. (Thomas Kujawinski)

    Juri Rother übt sich in Toleranz

    Juri Rother bringt seine Sicht mithilfe des Begriffs der Toleranz auf den Punkt. Im Karneval, sagt er, träfen sehr unterschiedliche Menschen aufeinander. Er selbst sei wenig konservativ und traditionell – aber beim Karneval bewege er sich in genau diesem Feld, in konservativen Strukturen. Und das sei eine Bereicherung für ihn – und hoffentlich auch für die Leute, „die mich ertragen müssen“. Sein Credo, auch unabhängig vom Karneval: „Ich übe mich in Toleranz. Die brauchst Du oft, sonst ist ein Gespräch schnell beendet. Noch habe ich die Kraft.

    Faktenbasiert diskutieren

    Hier setzt auch Ewald Lienen an: Es gehe darum, faktenbasiert zu diskutieren. Man müsse ehrlich bereit dazu sein, gemeinsam eine Lösung hinzubekommen. Bei faktenfreien Diskussionen – mitunter etwa in Talkshows – höre es für ihn auf. Politik sei die Vertretung von Interessen der Allgemeinheit. Oft aber gehe es Politikern nur um ihre Wiederwahl. Oft seien sie, wie auch mancher Trainer, einfach zu jung, hätten noch keine „Feindberührung“ gehabt und würden schließlich viermal Minister, ohne in ihrem Fachgebiet tätig gewesen zu sein.

    "Themen vom Gipfel der Intellektualität herunterholen"

    Schwester Emmanuela und Juri Rother gingen auch noch konkret auf den Journalismus ein. Die Ordensfrau betonte, sie sehe das „Haschen nach Sensation“. Sie sei aber auch schon tollen Journalisten begegnet, die engagiert und reflektiert aufgetreten seien. Insgesamt gehe es wohl vor allem darum, einfach Verantwortung zu übernehmen – und die Dinge nicht nur schlechtzureden. Eine Kultur der Wertschätzung: das ist ihr Wunsch, auch für die ganze Gesellschaft. Einwurf von Ewald Lienen: „Ich bin begeistert.“
    Und Juri Rother wird noch konkreter: „Man muss den richtigen Leuten das Mikro geben. Nicht den lauten Leuten, sondern denen, die komplexe Dinge nicht komplett vereinfachen.“ Er fände es überdies hilfreich, wenn die Medien bestimmte Themen „vom Gipfel der Intellektualität“ herunterholten und zugänglich machten. Viele Menschen arbeiteten von 6 bis 17 Uhr, hätten danach noch die Kinder zu versorgen und dann abends keine Lust, auch noch zwei Stunden eine intellektuelle Sendung zu schauen. Und, vielleicht ebenso wichtig wäre es, wenn sich die Journalisten auch mit der Sprache so umgingen, dass viele Menschen eben einfach etwas mitnehmen könnten von den Berichten.
    Das Kölner Forum für Journalismuskritik fand dieses Jahr erneut als Kooperation der Deutschlandfunk-Redaktionen Nachrichten sowie Meinung & Diskurs mit der Initiative Nachrichtenaufklärung statt. Es ist eine Veranstaltung der Deutschlandradio-Denkfabrik. Das Forum 2026 war die 10. Ausgabe der Veranstaltungsreihe, die es nun seit 2015 gibt.