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StartseiteAus Religion und GesellschaftWie das Fleisch zur Sünde wurde16.10.2019

Foucault und die christliche SexualmoralWie das Fleisch zur Sünde wurde

Michel Foucault zählt zu den einflussreichsten Philosophen der Gegenwart, auch 35 Jahre nach seinem Tod. Kürzlich erschien erstmals der vierte Teil seiner Abhandlung "Sexualität und Wahrheit". Darin fragt er, warum die christliche Religion Sexualität kontrollieren will.

Von Klaus Englert

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Buchstabensteine mit dem Wort "Sex" (picture alliance / Romain Fellens)
Es bleibt Foucaults entscheidende Einsicht, dass sich im frühen Christentum Techniken zur systematischen Selbstkontrolle der Sexualität herausbildeten. (picture alliance / Romain Fellens)
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Der französische Philosoph und Psychologe publizierte "Die Ordnung der Dinge", ein umfangreiches und schwieriges Werk, von dem sich auf Anhieb 10.000 Exemplare verkauften.

Wenig später zeichnete ihn der Karikaturist Maurice Henry als Mitglied des "déjeuner structuraliste", einer Lagerfeuer-Runde, zu der die strukturalistischen Häuptlinge Jacques Lacan, Claude Lévi-Strauss und Roland Barthes im adretten Lendenschurz erschienen.  

Noch heute, 35 Jahre nach Foucaults Tod, ebbt die Begeisterung für seine Schriften keineswegs ab. Man erinnert sich daran, dass Foucault bis kurz vor seinem Tod an einer vierbändigen Ausgabe über "Sexualität und Wahrheit" arbeitete. Die ersten drei Bände kamen zu Lebzeiten Foucaults heraus, nur der vierte Band, ein Buch über "Sexualität und frühes Christentum", das er noch am Krankenbett redigierte, konnte niemals publiziert werden.

Endlich, nach Jahrzehnten des Wartens ist der Band, der den Titel "Die Geständnisse des Fleisches" trägt, jetzt erschienen. 'Wie ging das Christentum mit der Sexualität um?' - damit beschäftigte sich Foucault bereits in den siebziger Jahren. Damals bekannte er:

"Ich habe mich immer gefragt, wie es dazu kam, dass sich die Menschen im Westen so sehr Illusionen über sich machten. Wir gehen davon aus, dass wir eine sehr tolerante Zivilisation haben, dass wir in der Sexualität jedes mögliche Fehlverhalten tolerieren. Um die nicht-westlichen Kulturen kennenzulernen, haben wir sie allerdings zum Schweigen gebracht. Offenbar haben wir gewartet, bis sich im 19. Jahrhundert der Puritanismus ausgebreitet hatte, um dann besser die Sexualität zum Schweigen zu bringen – um sie schließlich in Psychologie und Psychopathologie kennenzulernen."

In der Familie kreist alles um Sexualität

Das Verschweigen der Sexualität, von dem Foucault spricht, wurde in den siebziger Jahren von einer rebellischen Jugend- und Studentengeneration attackiert. Man studierte damals die Psychoanalyse von Sigmund Freud und amalgamierte seine Ideen mit der revolutionären Theorie eines Karl Marx. Sexualität sollte befreiend wirken, sie sollte Bestandteil einer sozialen Revolution sein.

Das war die Zeit, in der auch Michel Foucault begann, sich mit Sexualität zu beschäftigen. Allerdings unterschied sich sein Interesse von dem der revoltierenden Jugend in Paris, Berlin oder Frankfurt. Foucault interessierte sich vielmehr dafür, wie die Sexualität ein Ort der Kontrolle wurde – zunächst in der Familie, dann in der Medizin und Psychiatrie, schließlich in den pädagogischen Einrichtungen.

1978 kommt Michel Foucault in einem Interview auf die christliche Sexualmoral zurück. Er beschreibt nicht, wie sie durch repressive Kontrollen gebändigt wird. Stattdessen analysiert er, wie in der Familie alles um die Sexualität kreist:

"Die Sexualität des Kindes sollte so mächtig und erregt gemacht werden, dass jedermann gezwungen war, sich damit zu befassen. Die Mutter sollte ununterbrochen über das Kind wachen, beobachten, was es tut, was sein Verhalten ist, was nachts geschieht. Der Vater überwachte die Familie. Um die Familie kreisten der Arzt und der Pädagoge. In allen Institutionen hatten sie die Pyramide von Aufsehern, Lehrern, Direktoren und Präfekten. All das um den Körper des Kindes herum, um seine gefährliche Sexualität. Diese Sexualität – ich würde nicht sagen, dass sie verdrängt worden wäre –, sie wurde angeheizt, um einem ganzen Netz von Machtstrukturen als Rechtfertigung zu dienen. Die europäische Familie ist buchstäblich sexualisiert worden, durch die Sorge um die Sexualität. Man hat nicht aufgehört, sie der Familie aufzudrängen, seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Die Familie ist keineswegs der Ort der Verdrängung der Sexualität. Sie ist der Ort der Ausübung der Sexualität. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, die Rationalität europäischen Typs sei irrational. Und ich glaube nicht, dass man sagen kann, ihre Hauptfunktion sei die Repression, die Zensur der Triebe."

Repression versus Emanzipation - ein falscher Gegensatz

Sexualität wird also zum Ort allgemeinen Interesses, nicht der Unterdrückung. Das hat Foucault in den Bänden zu Sexualität und Wahrheit immer wieder betont. Er hat seine Theorie als Gegenposition eines an Herbert Marcuse geschulten Freudo-Marxismus formuliert, dessen Bücher in den siebziger Jahren von den rebellischen Studenten begierig aufgesogen wurden. Lothar Müller, Kultur-Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung", kommentiert:

"Diese Repressionshypothese, der ja große Emanzipationshoffnungen entsprungen sind, dass, wenn man die Repression lockert, eine befreite Welt entsteht. Das war die Lebensumgebung der sechziger und siebziger Jahre, in der Foucault selbst gelebt und gelehrt hat. Da hat er eigentlich seinem eigenen Milieu die Leviten gelesen, indem er die Repressionshypothese gleich im ersten Band zurückgewiesen hat. Statt das weiterzuzeichnen und zu sagen, wie war das im 15., 16. und 17. Jahrhundert, als die bürgerliche Gesellschaft aufkam und die Prüderie entstand und das viktorianische Zeitalter, ist er ganz zurückgegangen. Er hat einen richtigen Bruch gemacht. Das sagt er auch, dass er zu einem Neuansatz gekommen ist. Dieser Neuansatz bestand in einem historischen Rückgang auf die frühen Zeugnisse der Antike und des frühen Christentums. Er sagt: Das ist mein Versuch, einen ganz neuen Ansatz zu entwickeln und positiv zu zeigen, was an die Stelle der Repressionshypothese treten soll."

Der französische Philosoph Michel Foucault schaut aus den Augenwinkel an der Kamera vorbei. Er trägt eine große Brille. (Imago / Mario Dondero Leemage )Michel Foucault hat nicht nur über Sachen nachgedacht, die zu seinen Lebzeiten interessant waren. (Imago / Mario Dondero Leemage )

Michel Foucault versteht seine Forschungen als genealogisch, gleichgültig ob er über unser Verhältnis zum Wahnsinn, zur Erziehung, zu den Gefängnisstrafen oder zur Sexualität schreibt.

Und das bedeutet: Er ist nicht so sehr an einer Kritik gegenwärtiger Institutionen interessiert, stattdessen möchte er aufweisen, wie bestimmte Machtverhältnisse überhaupt erst entstehen konnten. Wenn Foucault die antiken Philosophen und Historiker, die frühchristlichen Theologen und Kirchenväter liest, möchte er die Wurzeln unseres heutigen Verständnisses von Sexualität aufdecken.

Sexualität, Selbstkontrolle und Sünde

Christoph Markschies, Professor für Antikes Christentum an der Berliner Humboldt Universität, fragt sich, warum Foucault ausgerechnet die Texte der spätantiken Christen herangezogen hat:

"Wenn man sich fragt, warum sich Foucault mit Christentum beschäftigt – und das am Ende seines Lebens – muss man sagen: Weil er die Geschichte der Sexualität studiert hat und – wie ich denke – mit Recht davon überzeugt war, dass für unsere heutige Einstellung zur Sexualität das Christentum eine schlechterdings zentrale Bedeutung hat. Deswegen hat er es sehr gründlich, sehr sehr sorgfältig analysiert."

Markschies fasst den Ausgangspunkt von Foucaults Geständnisse des Fleisches zusammen:

"Religion ist – da hat er völlig recht – zumindest in der jüdisch-christlichen Tradition ein zentraler Faktor für die Einstellung eines Individuums zur Sexualität."

Der Berliner Religionswissenschaftler warnt davor, bei der Lektüre von Foucaults Buch allzu sehr von der heute gängigen Vorstellung von Sexualität auszugehen. Ihn interessiert vielmehr, wie sich in der christlichen Spätantike ein Diskurs über die Sexualität entwickeln konnte – ein Diskurs, den es unter den griechisch-römischen Denkern nicht gegeben habe:

"Der Ausgangspunkt ist Sexualität, wobei man sich klarmachen muss, der versteht ja, wenn er Sexualität sagt, darunter nicht Praktiken, Stellungskrieg sozusagen, sondern der versteht Sexualität als Sammelbegriff für die Einstellung zum Geschlechterverhältnis – zur Sexualität eher als einer Frage der mentalen Einstellung des – wie er sagt – Selbstverhältnisses."

Michel Foucault entdeckt in Geständnisse des Fleisches, dass das Selbstverhältnis und die Willenskontrolle, die bei den frühchristlichen Autoren aufkamen, zu neuen Praktiken in den sexuellen Beziehungen führten: Buße, Selbstbeschämung, Jungfräulichkeit sowie permanente Selbstkontrolle gehören zu den Formen einer sich herausbildenden Subjektivität. Wenn Foucault vom christlichen Sexualitäts-Dispositiv spricht, dann berichtet er von Techniken der Selbstkontrolle, die die neue Erfahrung von Sexualität prägen.

Den Christen im dritten, vierten und fünften Jahrhundert trieben folgende Fragen um: Welches Bild von mir selbst, welche Wahrheit suche ich in meiner sexuellen Begierde? Das sind die Leitthemen im vierten Band von Sexualität und Wahrheit, in dem Foucault neben den nicht-christlichen Philosophen vor allem die Kirchenväter Clemens von Alexandrien und Augustinus analysiert. Dabei verdeutlicht er, dass die antiken Autoren und die frühchristlichen Theologen ein völlig anderes Bild von Sexualität hatten. Die alten Griechen sprachen von aphrodisia, dagegen Theologen wie Augustinus von "libido".

Über die Lüste herrschen

In einem Interview, das Foucault 1981 der niederländischen Philosophiezeitschrift "Krisis" gab, macht er deutlich, dass die Verwendung dieser Begriffe ganz unterschiedliche Lebenswelten voraussetzte:

"In der griechischen Kultur, in der die aphrodisia vorherrschten, war es undenkbar, dass jemand eine homosexuelle Identität verliehen wurde. Es gab Menschen, die die aphrodisia gemäß den vorherrschenden Gewohnheiten praktizierten und andere, die es nicht taten. Den Menschen eine ganz bestimmte sexuelle Identität zu verleihen, kam den Griechen nicht in den Sinn. Das änderte sich völlig, als das Sexualitäts-Dispositiv aufkam und das frühere Verhalten verdrängte: Die Sexualität wurde überformt von einem Ensemble von Praktiken, Institutionen und Kenntnissen, die aus ihr einen klar umrissenen und fundamentalen Bereich machte. Dem Individuum stellte sich die Frage: ‚Welches sexuelle Wesen bin ich?"

Der Buchtitel "Geständnisse des Fleisches" führt mitten hinein in die Geisteswelt des Kirchenvaters Augustinus: Der Mensch muss seine Sünden bekennen, weil sein Fleisch schwach geworden ist. Nachdem er gegen die göttliche Ordnung revoltiert hatte, wurde er aus dem Paradies verstoßen. Seither ist der Mensch mit dem Makel der Sünde behaftet: getrieben von seinen fleischlichen Begierden und dem Wunsch, Herr über sich selbst zu sein.

Skulptur des Heiligen Augustinus am evangelischen Augustinerkloster in Erfurt in Thüringen (dpa / picture alliance / Rainer Oettel)Skulptur des Heiligen Augustinus am evangelischen Augustinerkloster in Erfurt in Thüringen (dpa / picture alliance / Rainer Oettel)

Augustinus geißelt Maßlosigkeit und Exzess, weil sie für die Abkehr vom geregelten Leben stehen. Ähnliches gilt für Clemens von Alexandrien. Den Christen empfahl er zur Mäßigung die folgende Lebensregel:

"Über die Lüste herrschen und über den Bauch und über das, was unter dem Bauch ist, Herr sein".

"Der Mönch misstraut dem eigenen Ich" 

Die frühchristlichen Autoren entwerfen einen Kodex der Mäßigung, einen Kodex, der aufzeigt, wie ein christliches Leben durch Schamgefühl, Respekt und sexuelle Zurückhaltung zu führen ist. Michel Foucault beschreibt in seiner nachgelassenen Publikation, dass das christliche Ideal der Sittsamkeit von den Mönchen vorgelebt wurde: Bußdisziplin und klösterliche Askese galten plötzlich als Leitbilder.

Christoph Markschies meint dazu: "Wenn man auf den Untertitel des Buches guckt, merkt man, Foucault hat etwas wunderbar und sehr präzise beschrieben – Geständnisse des Fleisches. Damit ist gemeint, dass ein zentrales Element des Gottesdienstes, sowohl des Gottesdienstes der Mönche wie der Laien, das Sündenbekenntnis ist. Jeder Gottesdienst hat das Sündenbekenntnis. Wenn man an die katholische Beichte denkt, ist es mehr als die im evangelischen Gottesdienst verbreitete rituelle Formel. Das heißt, vor dem Sakrament steht der Blick auf die eigenen Sünden und ihr öffentliches Bekenntnis."

In der Tat macht Michel Foucault die "Geständnisse des Fleisches" zu einem Merkmal, das die Christen von der heidnischen Antike klar unterscheidet. Das ist die Kernthese, die er 1981 gegenüber den holländischen Interviewpartnern verdeutlicht:

"Ich möchte betonen, dass es das Geständnis bereits in der Antike gab. Seneca beschreibt die Gewissensprüfung, allerdings als Verpflichtung gegenüber einem geistigen Führer, die im Verlauf des Tages begangenen Fehler zu bekennen. Dabei handelt es sich bei Seneca eher um eine Gedächtnisübung, die an den Grundsätzen eines gerechten Lebens orientiert ist. Bei der Gewissensprüfung geht es also keineswegs um eine im Ich verborgene Wahrheit. Erst die Mönche haben die Situation radikal geändert und dabei das Mittel des Geständnisses verwandelt. Denn sie machten aus ihm ein Instrument der Selbstbefragung und –kontrolle. ... Sie setzen nicht nur durch, dass man die begangenen Fehler gesteht, nein, man muss alles gestehen, bis in die innersten Windungen der Gedanken. Es gilt, alles auszusprechen. Der Mönch misstraut nicht allein dem Fleisch, er misstraut dem eigenen Ich. Die Führung des Mönchs durch das geistige Oberhaupt bleibt dauerhaft bestehen. Sie erweist sich als autoritär, insofern sie sich unterscheidet von der persön­lichen Entwicklung hin zu einem bestimmten Ziel, das ihm ein geistiger Führer weist" (Foucault, Dits et écrits, IV., S.659).

Michel Foucault hat sich am ausführlichsten mit Bischof Augustinus auseinandergesetzt, der den Menschen als Subjekt des Begehrens beschreibt, als sündiges Wesen, das von seinem sexuellen Verlangen nicht ablassen kann. Augustinus, der weitab von den theologischen Zentren Rom und Mailand in der Provinz Nordafrika lehrte, war zutiefst von der Mangel- und Sündhaftigkeit des Menschen überzeugt, den selbst der rechtliche Stand der Ehe nur wenig auszugleichen vermag.

Ehe als Gegenmittel zur Ausschweifung

Anders Clemens von Alexandrien, ein griechischer Theologe. Er war wesentlich mehr vom hellenistischen Weltbild geprägt und glaubte, dass eine christliche Ehe das beste Mittel gegen Ausschweifung und Maßlosigkeit ist. Clemens war davon überzeugt, dass die Ehepartner einer von den griechischen Philosophen geforderten Ethik des Maßes folgen sollten. Verstanden als eine Ethik, die dem Gesetz des göttlichen Logos entspricht, eines Logos, der sich in der gesamten Natur offenbart.

In der Spätphase des Römischen Reichs haben die Lehrmeinungen der antiken Philosophen noch immer einen großen Einfluss. Foucault ist auch bewusst, dass der Einfluss beim später geborenen Augustinus bereits deutlich abgenommen hat:

"Das Christentum von Clemens ist noch stark vom Hellenismus und der Stoa beeinflusst, es zeichnet sich dadurch aus, die Ethik der sexuellen Beziehungen zu übernehmen. Augustinus entwickelt ein strengeres, pessimistischeres Christentum, das die menschliche Natur nur über den Sündenfall denkt und die sexuellen Beziehungen folglich mit einem negativen Vorzeichen versieht (Foucault, Geständnisse des Fleisches, S.74-5).

Über Jahrhunderte hinweg war der Einfluss von Augustinus bedeutend. Selbst Luther gehörte dem Augustinerorden an, bevor er die Reformation begründete. Die Bekanntheit des Augustinus ist bis in die heutige Zeit geblieben. Doch es bleibt die Frage, ob Foucault dessen Einfluss auf die Christen seiner Zeit nicht stark überschätzte. Darauf möchte Markschies hinweisen:

"Die christliche Mehrheitstheologie wird nicht von Augustinus geprägt. Die wird von Gestalten wie Clemens von Alexan­drien geprägt, der aus einer antiken Bildungsmetropole stammt. Da wollen die Christen in den Bildungseinrichtungen mitreden, die wollen unter den Philosophen sitzen. Und insofern ist es nicht überraschend, dass sie sehr viel stärker die Einstellung der Nicht-Christen zur Sexualität übernehmen."

Sozialverhalten wichtiger als Selbstkontrolle

Die Kulturmetropole Alexandria, seinerzeit Sitz der weltweit größten Bibliothek, war ein antiker 'melting pot': Hier kamen unterschiedliche Religionen und Ethnien zusammen. Und die hier verkündeten theologischen Lehren hatten großen Einfluss auf die frühchristlichen Gemeinden. Die waren aber weniger von Augustinus geprägt, sie verkündeten keine mönchische Askese, keine permanente Selbstkontrolle. Sie predigten keine "Geständnisse des Fleisches", sondern wiesen die Gläubigen an, soziales Fehlverhalten zu vermeiden: Nicht den falschen Zins zu geben und nicht den heidnischen Göttern zu opfern.

Und trotzdem: Es bleibt Foucaults entscheidende Einsicht, dass sich im frühen Christentum Techniken zur systematischen Selbstkontrolle der Sexualität herausbildeten. Natürlich sprach schon Aristoteles von den "Erschütterungen der Seele". Aber erst die christliche Antike entwickelte Formen, um diese Erschütterungen zu beherrschen. Gegenüber den heidnischen Denktraditionen setzte sich auf diese Weise langsam die neue christliche Sexualmoral durch. Sie sollte in den folgenden Jahrhunderten das westliche Verständnis von Sexualität tief greifend prägen.

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