Fragmente zu einer Soziologie der weiblichen Stimme(n)Mythos und Realexistenz

Die singende Frau wird vergöttert oder verflucht. Ihr Stimmorgan, die Glottis, gilt als Doppel der Vagina. Bürgerliche Geschlechterentwürfe haben "Weiblichkeit" lange diskreditiert, bestenfalls war sie Faszinosum. Gleichwertigkeit erfahren Frauen in der Musik, wenn überhaupt, erst allmählich heute.

Von Frank Kämpfer | 02.02.2021

Eine grafische Darstellung der Stimmbänder.
Die Stimmbänder sind zwei Membranen, die beim Atmen schwingen. (imago/ stock&people)
Auf der Bühne zu singen war für reale Frauen oft die einzige Möglichkeit eines eigenen gehobenen Lebenserwerbs. Jacques Offenbachs berühmte Opernfigur der Antonia ist eine Metapher dafür, dass es für die selbstschaffende Musikerin in der Öffentlichkeit lange Zeit keine Spielräume gab.
Das Verhältnis von Stimme und Körper, Geschlecht und Gesellschaft hat viele Aspekte, die kaum zu trennen sind. Autor Frank Kämpfer spannt den Bogen assoziationsreich von der Stimme als menschlichem Ur-Instrument bis zum politischen Statement der Avantgardekünstlerin. Er entwirft eine Art Topographie der weiblichen Stimme(n) als soziokulturellem Phänomen.
Beim Wiederhören heute, 20 Jahre nach der Erstsendung, wird überdeutlich, wie aktuell die hier nur angerissenen Themen und Fragen heute nach wie vor sind. Wo sich die Gesellschaft inzwischen vor- oder rückwärts entwickelte.