Kultur heute 20.08.2019

Frank Schneider über DDR-Orchester nach der Wende"Orchester waren Heimat"Sommerreihe "Wendepunkte: Vorher - Nachher"Frank Schneider im Gespräch mit Karin Fischer

Beitrag hören Das Orchester steht auf der Bühne der Philharmonie Berlin (Deutsches Symphonie-Orchester Berlin / Kai Bienert)Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin konzertiert in der Philharmonie (Deutsches Symphonie-Orchester Berlin / Kai Bienert)

Weniger Orchester, weniger Besucher- nach der Wende erlebten viele Klangkörper im Osten zunächst harte Zeiten. Jetzt habe sich die Situation beruhigt, aber man müsse sich dennoch anstrengen, um die Zuschauer bei der Stange zu halten, sagte Musikwissenschaftler Frank Schneider im Dlf.

In der ehemaligen DDR konzentrierte sich die Freizeit häufig auf kulturelle Angebote, sagte der Musikwissenschaftler und ehemalige Intendant des Berliner Sinfonieorchesters, Frank Schneider und so gab es Orchester in vielen kleinen Städten.

Osten schrumpfen - Westen erhalten

In seiner Zeit in Berlin habe er immer wieder Fusionsvorschläge diskutieren müssen. Von den acht Kultursenatoren hätte jeder andere Ideen gehabt, nur in einem waren sich alle einig: "Der Westen bleibt erhalten, der Osten kann schrumpfen". Dabei hätten gerade die ostdeutschen Orchester lange ein sehr spezielles Publikum gehabt und die hohe Abonnentenzahl habe unter anderem das Berliner Symphonieorchester gerettet. 16.000 Abonnenten habe kein Politiker so einfach in die Wüste schicken wollen, so Schneider. 

In der DDR sei die Orchesterlandschaft auch deshalb so reichhaltig gewesen, weil man einerseits das kulturelle Erbe habe pflegen wollen und andererseits eine neue proletarisch- sozialistische Schicht an klassische Kunst heranführen.

Frank Schneider, ehem. Intendant des Konzerthauses Berlin, aufgenommen am 08.02.2005 am Rande der rbb-Sendung "Im Palais".  (dpa-Zentralbild / Karlheinz Schindler)Der Musikwissenschaftler Frank Schneider (dpa-Zentralbild / Karlheinz Schindler)

Im Rahmen der Komponistenzunft habe man am Ende ostdeutsche und westdeutsche Komponisten neuer Musik nicht unterscheiden können: "Bei den Komponisten war Deutschland wiedervereinigt, bevor das politisch passierte. "

Neue Unterhaltungsformen statt Neuer Musik

In den Konzerthäusern hätte jedoch die Neue Musik nach der Wende nur mühevoll Platz gehabt. "DDR-Komponisten wurden gleichnishaft verbrannt." Die ostdeutschen Orchester hätten weder Kompositionen aktueller ostdeutscher Komponisten spielen wollen, noch hätten sie Interesse an westdeutschen Komponisten wie Stockhause gehabt.

"Der westdeutsche Prozess war auch schmerzhaft." Das habe aber nach der Wende kaum jemand sehen wollen im ostdeutschen Konzertbetrieb. "Die DDR Orchersterlandschaft war überorganisiert."

Außerdem sei nach der Wende zunächst das Publikumsinteresse im Osten zurückgegangen, da die Menschen andere Sorgen gehabt hätten und zunächst auch neue, westdeutsche Unterhaltungsformen ausprobieren wollten. Jetzt müsse man sich ständig neue Dinge überlegen und man komme wohl auch nicht umhin weiter zu schrumpfen, fürchtet Schneider.

Frank Schneider wurde 1942 geboren und studierte unter anderem Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war Mitarbeiter am Zentralinstitut für Musikforschung beim Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR, ab 1971 wechselte er als Assistent an die Humboldt-Universität. Mitte der 1970er-Jahre arbeitete er als Dramaturg an der Komischen Oper in Berlin und von 1992 bis 2009 war er unter anderem Intendant des Berliner Sinfonie-Orchesters. Frank Schneider lebt und arbeitet in Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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