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StartseiteBüchermarkt"Alles, was sich zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie"24.05.2018

Frankfurter Poetikvorlesung von Christian Kracht"Alles, was sich zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie"

Für sehr viel Aufregung hat die Frankfurter Poetikvorlesung des Raabe-Preisträgers Christian Kracht gesorgt. Die Veranstaltungsreihe ging nun mit einer Abschlusslesung zu Ende. Was bleibt von ihr übrig?

Miriam Zeh im Gespräch mit Jan Drees

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Der Schriftsteller Christian Kracht (Deutschlandradio / Jelina Berzkalns)
Der Schriftsteller Christian Kracht hat seine Poetikvorlesungen abgeschlossen. (Deutschlandradio / Jelina Berzkalns)
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Jan Drees: Frau Zeh, Sie haben alle drei Poetik-Vorlesungen und auch die gestrige Veranstaltung von Christian Kracht besucht – in welcher Weise kann man sprechen von einer Art Inszenierung in drei Akten, wie sie auch der "Büchermarkt"-Kollege Hubert Winkels antizipiert hat?

Miriam Zeh: Ich würde doch von einer Inszenierung in drei Akten sprechen. Denn die drei Poetikvorlesungen, die Kracht seit Dienstag letzter Woche an der Goethe-Universität gehalten hat, hatten eine Art abfallende Dramaturgie. Es war besonders die erste Vorlesung und die Missbrauchserzählung, die Kracht eine enorme Aufmerksamkeit in Feuilleton und literaturinteressierter Öffentlichkeit beschert haben. Die Wiener Literaturwissenschaftlerin Claudia Dürr hat zur Rezeption der Frankfurter Poetikvorlesung am Innsbrucker Zeitungsarchiv geforscht. Und sie twitterte im Anschluss daran, dass Kracht mit seiner ersten Vorlesung bereits mehr Besprechungen im Feuilleton erhalten hatte, als ein durchschnittlicher Poetikdozent mit allen drei Vorträgen.

Krachts zweite Poetikvorlesung war dann nach diesem Medienecho auch am besten besucht. Sie fiel auch noch auf einen Samstag. Viele Gäste hatten also die Möglichkeit nach Frankfurt zu reisen. Kracht enttäuschte sie nicht. Er nutzte diese Aufmerksamkeit, um seine Missbrauchserzählung noch einmal neu zu rahmen. Die dritte Vorlesung am vergangenen Dienstag war dann im Vergleich sicher die unaufgeregteste. Es wurden noch einmal Motive verhandelt, die wir aus den ersten beiden Vorträgen bereits kannten. Krachts Lesung im Frankfurter Literaturhaus würde ich von diesen drei Poetikvorlesungen doch absetzen. Nach seinen biografischen und poetologischen Offenbarungen ging es hier zurück zum Text – was übrigens nicht ungewöhnlich ist. Die meisten Frankfurter Poetikdozenten handhaben das so. Auch wenn Kracht "zurück zum Text" sehr wörtlich und sehr sportlich nahm. Er las gestern ganze 90 Minuten ohne Unterbrechung aus seinem letzten Roman "Die Toten".

Der Selbstekel der Figuren, ihre Unfähigkeit zu menschlichen Bindungen

Drees: Zeitgleich fand am Freitag und Samstag der vergangenen Woche eine wissenschaftliche Fachtagung statt zu Christian Krachts Ästhetik – und auch diese haben Sie beobachtet. Welche Fragen wurden während der Tagung von wem diskutiert?

Zeh: Auf dieser internationalen Tagung haben sich Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler auf ganz unterschiedliche Weise den Texten von Christian Kracht genähert. Es ging tatsächlich hauptsächlich um den Text, also um Krachts Romane, um seine Reisereportagen und Zeitungsartikel. Denn – das muss man bei aller Aufregung um seine biografischen Erzählungen doch noch einmal betonen – an den Texten hat sich schließlich seit letzter Woche nichts verändert. Wir können immer noch die narratologischen Verfahren oder textinternen Ästhetiken analysieren. Und tatsächlich sind ja viele psychologische Charakterkennzeichen von Christian Krachts Figuren, die der Autor mit seinem Missbrauch erklärt hat, von der Forschung längst festgestellt worden – der Selbstekel der Figuren, ihre Unfähigkeit zu menschlichen Bindungen oder ihr oft objektbezogenes Begehren. In den verschiedenen Vorträgen auf der Tagung hat dann zum Beispiel der Tübinger Germanist Christoph Kleinschmidt, der letztes Jahr den "Text + Kritik"-Band zu Christian Kracht herausgegeben, Krachts Mikroästhetik analysiert. Er markierte vor allem einzelne Sätze, die immer wieder aus den Texten herausragen und verstören. Marvin Baudisch aus Frankfurt näherte sich über Friedrich Schlegels ästhetische Kategorie des Interessanten dem Werk von Christian Kracht, insbes. seinem letzten Roman "Die Toten".

Und die Inszenierung und Selbstpositionierung Christian Krachts im literarischen Feld wurde natürlich auch in einem Panel diskutiert. Hierzu sprachen Christine Riniker und Matthias Lorenz aus Bern. Dort fördert der Schweizerische Nationalfonds ein ganzes Forschungsprojekt zu Christian Kracht als Störer im literarischen Feld.  Christine Riniker zeigte an Autorenfotos von Kracht, wie sich dessen Inszenierung über die Jahre verändert hat. Das war nicht nur sehr interessant, sondern auch unterhaltsam. Es gab ganz frühe Fotos von Kracht aus seiner Abizeitung aus Schloss Salem. Diese Fotos orientierten sich stilistisch eher an Fotografien von New-Wave-Bands. Berühmte frühe Autorenfotos zeigen Kracht dann etwa mit Kalaschnikow oder mit Zithar. Im Laufe seiner schriftstellerischen Karriere verschwinden dann aber diese verstörenden oder unkonventionellen Details und der Autor taucht auf Fotografien eher mit den klassischen Insignien des Schriftstellers auf, mit Büchern und auf Lesungen. Und es wird oft auch eine optischer Nähe zwischen dem Autor und seinen Protagonisten inszeniert.

Eine Besonderheit der Tagung war dann tatsächlich noch, dass sie spontan mit lebendem Autor stattfand. Christian Kracht befand sich ja letztes Wochenende in Frankfurt und erschien dann also auch am Freitagvormittag zur Tagung, was natürlich die Stimmung einer solchen Veranstaltung beeinflusst. Kracht saß dann zwar relativ regungslos im Publikum und beteiligte sich nicht an den Diskussionen. Aber ich glaube, alle Wissenschaftler schielten doch das ein oder andere mal zu ihm herüber, ob es vielleicht nicht doch eine Reaktion auf den eigenen Vortrag oder die eigene Äußerung gäbe. Aber dazu hat sich Kracht wirklich kaum hinreißen lassen.

Das methodologische Kernproblem der Gegenwartsliteraturwissenschaft

Drees: Derzeit werden viele Literaturwissenschaftler befragt nach Äußerungen, die der Schriftsteller Christian Kracht getätigt hat – und eine für die Germanistik untypische Vermischung wird hier provoziert von Leben und Werk, von Autor- und Textinszenierung; in welcher Weise steht das Fach selbst vor einer besonderen Herausforderung?

Zeh: Ich würde sagen: Am Fall von Krachts Poetikvorlesungen zeigt sich ein, wenn nicht das methodologische Kernproblem von Gegenwartsliteraturwissenschaft. Das wird allerdings in der Germanistik schon länger diskutiert. Es stellt sich nämlich allen Wissenschaftler, die die Gegenwart erforschen wollen. Immer dann sind wir nämlich unglaublich dicht an unserem Forschungsgegenstand. Wir leben mitten in der Gegenwart, über die wir Urteile treffen wollen. Es fällt uns also einmal schwer, einen distanzierten Blick darauf zu richten. Und: Die Gegenwart ist ja noch kein abgeschlossenes Projekt. Wir können das Gesamtwerk eines lebenden Autors noch nicht überblicken. Wir operieren da also mit einem beweglichen und sich immer noch verändernden Gegenstand, der uns natürlich auch widersprechen kann. All das kann jemandem, der sich mit Literatur von Goethe oder mit Literatur des Barock beschäftigt, nicht passieren. Eine Frage, die sich dann natürlich – so auch bei Kracht – immer stellt ist: Wie gehen wir mit Selbstaussagen und Selbstdeutungen des Autors um? Da hat sich in den letzten Jahren und in der im Vergleich doch relativ jungen Gegenwartsliteraturwissenschaft eine rege Forschung zu Inszenierungspraktiken und zu Interviewtechniken entwickelt. Sozialwissenschaftliche Methoden werden in die Germanistik übernommen und es hat sich doch die Überzeugung durchgesetzt, dass diese Selbstaussagen – wie auch die Missbrauchserzählung von Christian Kracht – eben auch als Text behandelt und mit derselben Distanz wie seiner Romane gelesen werden müssen.

Drees: Die germanistische Kracht-Forschung, so wirkt es, steht in ihrer Blüte – im vergangenen Jahr ist ein "Text & Kritik"-Band zu Leben und Werk des Schriftstellers erschienen, es gibt aktuell einen fast 1000-seitigen Sammelband zu Kracht und in wenigen Wochen soll eine weitere Arbeit erscheinen unter dem Titel "Christian Krachts Weltliteratur – Eine Topographie". Warum stürzen sich Germanisten im Jahr 2018 auf einen Autor, der bereits im Zuge der sogenannten Popliteraturforschung umfangreich beobachtet worden ist? 

Zeh: Krachts Texte selbst sind an ihrer Popularität in der Literaturwissenschaft nicht ganz unschuldig, denke ich. Der Autor schreibt wirklich diese unglaublich selbstreferentiellen und geradezu überdeterminierten Texte. Sie sind voller Anspielungen und Verweise. Sie sind komplex und ambivalent. Das ist natürlich wie eine Einladung an Philologen, die Anspielungen aus dem Text sinnhaft zu machen, zu verbinden und einheitliche Lesart aufzustellen. Gleichzeitig sind diese überdeterminierten Texte natürlich auch eine Art hermeneutische Falle. Sie provozieren nämlich geradezu, genau und nur den Hinweisen nachzugehen, die uns der Autor ausgelegt hat und damit genau die Lesart zu bedienen, die Kracht antizipiert hat. Im Extremfall wäre das ja eine Instrumentalisierung der Germanistik.  Die sehe ich aktuell zwar nicht gegeben, aber es scheint doch wichtig zu betonen, dass Kracht auf jeden Fall ein Autor ist, der den Akteuren im Literaturbetrieb, den Lesern, Kritikern, Wissenschaftlern, immer schon einen Schritt voraus ist. Während wir alle zum Beispiel noch ganz überrumpelt von seiner ersten Poetikvorlesung waren, hatte Kracht unsere Reaktionen längst antizipiert. Da bin ich mir sicher.

Einfluss auf Rezeption?

Drees: Frau Zeh, Sie als Kracht-Kennerin: Gibt es über die Frankfurter Poetikvorlesung hinaus Hinweise darauf, dass der Schriftsteller Christian Kracht Einfluss nimmt auf die Rezeption seiner Texte? 

Zeh: Ja. Christian Kracht ist in der Germanistik tatsächlich dafür bekannt, dass er die Forschung über ihn so akribisch und ausdauernd verfolgt wie kaum ein anderer Autor der Gegenwart. Ich habe zum Beispiel schon von vielen Kollegen gehört, dass Kracht ihnen E-Mails schreibt und Artikel, die sie über ihn geschrieben haben, kommentiert. Andererseits verschickt Kracht anscheinend auch Lektürehinweise an Wissenschaftler, die gerade an Forschungsprojekten zu ihm arbeiten. Der Autor versucht da doch immer wieder – unter vier Augen allerdings bevorzugt – Einfluss auf die Rezeption und Forschung zu nehmen.

Drees: Das Subjekt und die Transzendierung von eben diesem war auf besondere Weise Thema von Christian Krachts gestern gehaltenen Abschlussvorlesung. So beschrieb der Schweizer Schriftsteller Momente der Vereinsamung als elfjähriger Internatsschüler in Kanada – er sagte: "Das Kind Christian war in Kanada zum Subjekt geworden." Er verknüpfte diese Erfahrung mit theologisch-spirituellen Konzepten. Wie stehen sich denn das Ich und die religiöse Gemeinschaft bei Christian Kracht gegenüber? 

Zeh: In seiner dritten Vorlesung hat Kracht tatsächlich von dem großen Eindruck berichtet, die der wöchentliche Empfang der Heiligen Kommunion auf ihn ausgeübt hat. Das war auch in dem kanadischen Internat, in dem Kracht seinen Missbrauch verortet hatte und die Messe wurde dort eben von dem besagten Pastor Keith Gleed abgehalten, der ihn missbraucht haben soll.

Kracht beschrieb diese Erfahrung als eine "Erfahrung der Transzendenz" und betonte vor allem seine heutige Faszination für die anglikanische Kirche. Ja, und da bin ich gar nicht so sicher, welche Funktion diese Erzählung dann hatte. Ich muss sagen, für mich hat dieser Wunsch, zur anglikanischen Kirche zu konvertieren, doch eher nach Selbstkanonisierung ausgesehen. Denn ein berühmter Schriftsteller, der ebenfalls zur anglikanischen Kirche konvertiert ist und den Kracht als prägende Figur immer wieder erwähnt und zitiert hat, ist T. S. Eliot. Und ich las diese Ausführungen über Religion doch auch unter dem Vorzeichen, es auch da dem großen Vorbildung T. S. Eliot nachzutun und - in seinen Fußstapfen sozusagen – eben auch zur anglikanischen Kirche zu konvertieren.

Rezeptionssteuerung durch technische Restriktionen

Drees: Viel diskutiert wurde auch darüber, dass Ton- und Videoaufnahmen der Poetikvorlesung verboten waren. Auch ist bislang unklar, ob Christian Krachts Hausverlag Kiepenheuer & Witsch die drei Vorlesungen als Buch veröffentlichen wird. Die in Frankfurt vorgetragenen Texte wurden vorab niemandem vorgelegt, nicht einmal der germanistischen Fakultät, was ansonsten üblich ist bei derartigen Veranstaltungen. Es gibt nur die drei Abende selbst, und wer nicht dabeigewesen ist kann – unüblich für unsere von Speichermedien bestimme Zeit – nichts von dem, was Kracht vorgetragen hat nachhören, wiederlesen oder dergleichen. Wie ist mit dieser an ein Happening erinnernden Situation umzugehen?

Zeh: Ja, ich würde ihnen da unbedingt zustimmen. Krachts Poetikvorlesungen hatten tatsächlich einen starken Eventcharakter, wie ich es nennen würde. Besonders also zur zweiten Vorlesung waren also noch einmal sehr viele Akteure aus dem Literaturbetrieb angereist. Unglaublich viel Presse war da, aber auch viele Germanisten und eben befreundete oder interessierte Schriftstellerkollegen. Clemens Setz, den Christian Kracht also in seiner ersten Vorlesung erwähnt hatte, als ein deutschsprachiger Autor, den er eben gern lese, kam zum Beispiel angereist. Anreisen musste man natürlich auch, weil es keinen Livestream gab. Das Publikum wurde vor jeder Vorlesung sogar noch einmal gebeten, die Smartphones auszuschalten. Und ich war doch ein bisschen überrascht: Es wurde sich tatsächlich daran gehalten. Das Publikum war ungewöhnlich aufmerksam. Da kann man jetzt natürlich nur kulturpessimistisch spekulieren, ob das an den ausgeschalteten Smartphones lag. Aber es wurde z.B. auch sehr sparsam getwittert. Wenn wir diese technischen Restriktionen werkpolitisch deuten wollen, ist das natürlich wieder ein Verfahren, mit dem Kracht seine Rezeption steuert. Denn auf während dieser Vorlesung gibt es dieses Bestreben, alles zu kontrollieren, was über ihn nach Außen dringt. Und je weniger Aufnahmen, je weniger Fotos es von ihm gibt, desto besser kann er sie natürlich im Auge und unter Kontrolle behalten.

Drees: Ein interessanter Aspekt der gestrigen Vorlesung von Christian Kracht waren seine Überlegungen über Totemismus, Begierde und Erwartungshaltung. Hier lässt sich möglicherweise in nuce betrachten, wie der Schriftsteller seine Vorlesung aufgebaut hat – könnte man sagen, dass hier Literaturwissenschaft par excellence stattgefunden hat?

Zeh: Christian Kracht hat sich natürlich auch literaturwissenschaftlicher Werkzeuge bedient. Man muss aber sagen, dass das für eine Poetikvorlesung nicht sehr ungewöhnlich war. Autoren nehmen hier häufig eine Selbstdeutung der eigenen Werke vor und bedienen sich dabei eben dem Verfahren, dass man in der Literaturwissenschaft "interpretieren" nennen würde.

Auch Kracht hat das besonders sorgfältig oder besonders plakativ vorgeführt, könnte man sagen, in dem er also einzelne Stellen aus seinen Romanen immer wieder auf seine Biografie bezogen hat. Sie haben eine Situation in der dritten Poetikvorlesung gerade erwähnt. Es ging also um Aspekte der Begierde. Am Ende des Romans "Die Toten" gibt es eine Stelle, in der die Hauptfigur Nägeli, selbst verborgen bleibt, während er zwei andere Figuren beim Sex beobachtet. Kracht setzte diese Stelle dann in Verbindung mit einer Szene aus seiner Kindheit. Im Internat hielt er anscheinend regelmäßig Pralinenschachteln, die ihm seine Mutter aus der Schweiz geschickt hatte, im Schrank verborgen. Er traute sich lediglich, sie von Zeit zu Zeit zu öffnen und zu betrachtet. Denn wenn er sie essen würde, fürchtete er, sein Begehren zu zerstören. Ebenso, wie seine Figur Nägeli also vielleicht sein Begehren fürchtet zu verlieren, wenn er nicht mehr nur zusehen, sondern tatsächlich mit der Frau schlafen würde, die er beobachtet. Und so ließ der Internatsschüler angeblich regelmäßig Pralinen in seinem Schrank vermodern, bis sie von einer Lehrperson entsorgt werden mussten. Im Anschluss an solche Close Readings, an diese biografisch-orientierten Selbstinterpretationen, las Kracht dann immer noch die entsprechende Stelle aus seinen Romanen vor, als Beweis sozusagen. Also man müsste wirklich sagen, das Interpretieren wird hier auf eine Art mustergültig vorgeführt. Man darf dabei aber natürlich nicht vergessen, dass es eben der Autor selbst ist, der uns diese Lesart vorgibt. Und es war schon auffallend, dass Kracht im Rahmen seiner Poetikvorlesung immer wieder versuchte, richtige Lesarten seiner Werke vorzuführen und solche, die er für falsch hält, auch explizit abzulehnen. Gegen Camp- oder Dandy-Interpretationen hat er sich ja in der ersten Vorlesung ganz explizit gewehrt. Ich lese das hier wieder als Einflussnahme und Kontrolle, die Kracht auf seine Rezeption ausüben will. Ob sie Germanisten oder Literaturkritiker allerdings an Krachts richtige und falsche Lesarten halten und ihnen Folge leisten wollen, ist natürlich noch einmal eine ganz andere Frage.

Eine neue Rahmung

Drees: Gehen wir abschließend noch einmal zurück zu der zweiten Vorlesung Christian Krachts vom vergangenen Samstagabend – übrigens jene Veranstaltung, bei der der 1200 Sitze fassende Hörsaal an der Frankfurter Goethe-Universität bis auf den letzten Platz gefüllt war. Der Schriftsteller sagte dort den bemerkenswerten Satz: "Alles, was sich zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie – das gilt auch für diese Vorlesungsreihe." Wie wachsam sollten wir als Literaturwissenschaftler, Leser und Kritiker nun sein, wenn wir diese Aussage berücksichtigen?

Zeh: Kracht hat hier, noch einmal, ein sehr großes Bewusstsein für die Gattung Poetikvorlesung offenbart. Natürlich hat er den Rahmen für seine Missbrauchserzählung ganz bewusst gewählt und natürlich hat er gewusst, was für eine mediale Reaktion er damit provozieren wird. Was er in seiner zweiten Vorlesung dann getan hat, war für das Publikum überraschend und erleichernd zugleich, denke ich. Er hat nämlich hauptsächlich über die Parodie gesprochen und dass Parodie Heilung für den Missbrauch sein kann. Und seinem Missbrauchbekenntnis hat Kracht in dieser Vorlesung dann noch eine ganze Reihe von teilweise skurrilen Bekenntnissen hinzugefügt. Es ging um Axel Springer und Franz Josef Strauß, die mit seinem Vater in der Bibliothek geheime Veschwörungen ausgeheckt haben sollen. Es ging um wundersame Rettungsaktionen, in denen der 15jährige Kracht seine Mutter vor dem Tod bewahrt haben soll. Da kann man schon sagen, dass Kracht das Verfahren der Parodie uns auch vorgeführt hat. Und zwar nicht nur vorgeführt hat an T. S. Eliot und einer Parodie auf T. S. Eliot, die Kracht vorgetragen hat, sondern auch anhand seiner eigenen Biografie oder vermeintlichen Biografie ist das Verfahren der Biografie deutlich geworden. Ich will damit die Wahrheit seiner Missbraucherzählung gar nicht pauschal in Frage stellen. Ich denke nur, dass wir es uns auf keinen Fall so einfach machen können zu behaupten, dass Kracht in seiner ganzen Poetikvorlesung nur wahre Aussagen getätigt hat ohne einen Funken Ironie. Solche Urteile sind ja nach der ersten Vorlesung tatsächlich gefällt worden. Vielmehr sollten wir, selbstverständlich, bei Christian Kracht immer sein wachsam sein. Wie der Kritiker und der Wissenschaftler überhaupt immer wachsam zu sein hat. Kracht ist ein Autor, der seinem Publikum und seinen Interpreten immer schon einen Schritt voraus ist. Und wir sollten uns davor hüten, seine Selbstaussagen unkritisch zu übernehmen. Stattdessen sollten wir uns auf unsere Befähigung zur Analyse und zur Hinterfragung besinnen und solche Selbstoffenbarung als Text lesen, als weiteren Text in einer großangelegten Werkpolitik.

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