Freitag, 02. Dezember 2022

Archiv

Frankreich
Gleichheit nur in der Ehe

Vor einem Jahr protestierten Zehntausende in Paris gegen die Homo-Ehe. Vergebens. Das Gesetz dazu wurde verabschiedet, Tausende Paare gaben sich seitdem das Ja-Wort. Die Kinderfrage bleibt für sie allerdings ungeklärt.

Von Anne Christine Heckmann, Paris | 23.04.2014

    Vincent Autin und Bruno Boileau, Frankreichs erstes offiziell getrautes schwules Paar, küssen sich.
    Vincent Autin und Bruno Boileau: Frankreichs erstes offiziell getrautes schwules Paar (dpa/Jean Michel Mart)
    Die Stimmung war aufgeheizt vor einem Jahr - auf der Straße und im Parlament. Das Gesetz zur Homo-Ehe, ein Wahlversprechen von Präsident Hollande, hatte die Franzosen gespalten. Gegner der Homo-Ehe hatten sich sogar Zutritt zur Nationalversammlung verschafft und die Debatte gestört
    "Feinde der Demokratie haben hier nichts zu suchen. Entfernt diese Überdrehten!", forderte der Präsident der Nationalversammlung Claude Bartolone. Der Vorfall macht deutlich, wie angespannt die Lage war. Monatelang lieferten sich Sozialisten und Konservative einen heftigen Schlagabtausch. Nach mehr als 135 Sitzungsstunden - dann die Abstimmung.
    Mit 331 zu 225 Stimmen verabschiedeten die Abgeordneten das Gesetz zur Gleichstellung von homosexuellen Paaren. Adoptionsrecht inbegriffen. Wenig später bestätigte der französische Verfassungsrat das Gesetz als verfassungskonform. Die politische Diskussion war damit erledigt. Doch die Proteste der Franzosen gingen weiter.
    "Wir sind da, um Francois Hollande zu zeigen, dass wir nicht aufgeben werden. Wir kämpfen bis zum Schluss."
    Die erste Schwulen-Hochzeit wurde in Mai in Montpellier zelebriert. Weitere folgten. Doch das konservative Frankreich blieb auf den Barrikaden - angeführt vom Bündnis "Manif pour tous" - auf Deutsch "Demo für alle". Gegen den Vorwurf, die Demonstranten seien schwulen- und lesbenfeindlich, wehrte sich Alméric Dumont, einer der Demo-Organisatoren.
    "Der einzige Grund, warum wir gegen die Homo-Ehe sind, ist, dass in Frankreich die Eheschließung das Recht auf Kinderwunsch mit einschließt. Das ist der Hauptgrund, warum die Menschen auf die Straße gegangen sind. Das Gesetz zur Homo-Ehe schließt das Adoptionsrecht mit ein und mittelfristig auch das Recht auf künstliche Befruchtung oder Leihmutterschaft. Wäre es nur um die Heirat für Schwule und Lesben gegangen, hätte es so eine Protestwelle nie gegeben."
    Die Protestwelle ist mittlerweile abgeebbt, doch das Bündnis gegen die Homo-Ehe mischt sich weiter ein. Das Kollektiv vereint vor allem Konservative und Katholiken, aber auch Juden oder Muslime. Alle, die befürchten, das traditionelle Familienbild könnte ins Wanken geraten - und damit auch die Werte der Republik. Denn die Kinderfrage für homosexuelle Paare ist auch ein Jahr nach dem Gesetzesbeschluss immer noch nicht geklärt. Die Regierung drückt ganz bewusst auf die Bremse aus Angst vor neuen Protesten. Der sozialistische Minister Francois Rebsamen:
    "Frankreich fürchtet sich vor solchen Gesellschaftsdebatten. In den angelsächsischen Ländern ist das ganz anders. Dennoch wäre es wichtig, die Franzosen aufzuklären, ihnen zu erklären, was künstliche Befruchtung bedeutet. Ich bin davon überzeugt, dass die Mehrheit der Franzosen gar nicht, worüber wir sprechen."
    Das fordern auch die Schwulen und Lesben, die endlich Klarheit über die Kinderfrage haben wollen. Unterdessen ist die Homo-Ehe fast zur Normalität geworden. Die meisten Franzosen hatten sich ohnehin immer für die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen. Inzwischen dürften sich mehr als 10.000 schwule und lesbische Paare das Ja-Wort gegeben haben. Vor allem in größeren Städten wurden die gleichgeschlechtlichen Ehen geschlossen. Die meisten in Paris.