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StartseiteInformationen am MorgenDer Meister der kurzen Sätze wird 8016.01.2020

Franz Müntefering Der Meister der kurzen Sätze wird 80

Er war Vizekanzler, SPD-Vorsitzender, Generalsekretär, Fraktionschef, Bundesminister. Viele Jahre spielte der Meister der kurzen Sätze eine Schlüsselrolle bei den Sozialdemokraten. An diesem Donnerstag wird Franz Müntefering 80 Jahre alt.

Von Frank Capellan

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Franz Müntefering steht vor einem blauen Hintergrund und lächelt in die Kamera. (imago / IPON)
Franz Müntefering beim Demografiegipfel im März 2017 (imago / IPON)
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"Wissen Sie, das ist das schönste Amt neben Papst, Vorsitzender der SPD zu sein." Es ist das Bonmot schlechthin. "Dann muss eben Münte wieder ran!" scherzen sie, als Andrea Nahles zurücktritt. Zweimal stand Franz Müntefering der SPD vor.

Nahles ist der Spaß schnell vergangen, und Norbert Walter-Borjans, aktueller Chef, weiß nicht so recht, wie schön es wirklich wird: "Das hängt davon ab, wie man das Amt des Papstes einschätzt."

"Jedenfalls im Sauerland, wo ich wegkomme, ist Papst ganz oben, ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass das vergleichbar viel ist", sagt Müntefering.

Müntefering ist eine Type, "der ist n Echten", sagen sie bei ihm Sauerland, ne ehrliche Haut. Katholisches Elternhaus, Lehre zum Industriekaufmann, dass er mal SPD- Chef werden würde, eigentlich undenkbar.

"Ich bin acht Jahre zur Schule gegangen, war gerade 14, als ich aus der Schule kam, hatte mit Politik nix am Hut, hab Fußball gespielt und hab viel Zeit gehabt. Hab angefangen zu lesen, aus welchen Gründen auch immer", erzählt er heute dem Deutschlandfunk.

"Hab dann viele Leserbriefe geschrieben. War so' n Schlaumeier, wie man manchmal die Jungs hat, mit 25 oder so." Mit 26 tritt er in die Partei ein, mischt in der Kommunalpolitik und arbeitet sich hoch.

Bundestagspräsident: "Das Wort hat der Abgeordnete Müntefering!" Mit 35 sitzt er erstmals im Bundestag, wird Sprecher für Wohnungsbau in der SPD-Fraktion. "Ob 1978 oder 79. Einen Kahlschlag im Mieterschutz wird es mit uns nicht geben!"

Er setzte für Schröder die Agenda 2010 durch

1998 Verkehrsminister. Dann holt er für den Kanzler die Kohlen aus dem Feuer. Als Fraktionschef organisiert Müntefering Mehrheiten für die Reformen Gerhard Schröders.

Schröder: "Er hatte vor allen Dingen einen Anteil an der Durchsetzung der Agenda 2010, denn das wäre ohne ihn nicht gelungen."

Müntefering: "Ich hab immer namentlich abstimmen lassen und das gab natürlich Ärger da."

Hartz IV, später die Rente mit 67, oft bringt er seine Sozis auf die Barrikaden. Wer nicht spurt, bekommt Druck. Müntefering: "Klar: Das ist Führung, die man dann auszufüllen hat."

Als Schröder den SPD-Vorsitz hinschmeißt, übernimmt der Sauerländer. Unter Merkel wird Müntefering Vizekanzler und Arbeitsminister. Um seine krebskranke Frau in den Tod zu begleiten, gibt er das Amt 2007 auf. "Der is n Echten" - sagen damals wieder viele, auch bei den "Schwatten", wie die Nordrhein-Westfalen die Christdemokraten rufen.

Gerhard Schröder (li.) und Franz Müntefering jubeln nach gewonnener Bundestagswahl auf der Bühne vor der SPD-Parteizentrale 1998 in Bonn. (Ulrich Baumgarten)Gerhard Schröder (li.) und Franz Müntefering jubeln nach gewonnener Bundestagswahl 1998 (Ulrich Baumgarten)

Wolfgang Schäuble (CDU): "Da haben Sie natürlich was gespürt von menschlicher Qualität, die sich in vielem bei ihm ausgedrückt hat. Der Franz ist schon immer ein anständiger Mensch gewesen!"

Einer, der weiß, was er will. Zuvor war er als Parteichef zurückgetreten, weil er seinen Vertrauten Kajo Wasserhövel nicht als Generalsekretär durchsetzen konnte. Treibende Kraft dabei: Andrea Nahles.

Müntefering: "Das war der Versuch, mich an die lange Leine zu nehmen. Das wollte ich nicht."

Mit Nachfolger Kurt Beck wird er nie richtig warm. Beck hält ihm später vor, ihn gestürzt zu haben. Am Schwielowsee bei Potsdam wird die Krönung des Kanzlerkandidaten 2008 zum Waterloo für die Partei.

Müntefering: "Meine Frau war verstorben. Ich saß zu Hause mit Füßen in Strohpantoffeln aufm Tisch. Hab mir die Fernsehübertragung angeguckt. Und dann hat mich Frank-Walter Steinmeier angerufen, hat gesagt, Du, der Kurt Beck ist gerade zurückgetreten, und ich - Steinmeier - werde Kanzlerkandidat sein, Du musst noch mal helfen. Machse mit?"

Er macht mit - SPD-Vorsitzender zum Zweiten. Müntefering: "Meine Parole: Mundwinkel hoch. Ärmel hochgekrempelt. Es geht um viel!" Klare Ansagen und kurze Sätze - sein Markenzeichen.

Müntefering: "Heißes Herz und klare Kante, das riecht sehr nach Schweiß und nach Anstrengung. Aber das ist besser als Hose voll, das riecht auch nicht gut!"

"Fraktion gut, Partei gut, Glückauf" - noch so ein Münte-Satz.

"Bin nur inne Volksschule gegangen. Hat man so kurze Sätze gelernt." Kokettiert er heute schmunzelnd. "Also in der Politik lernst Du zwei Sorten Leute kennen: Einmal gibt es die, die selbst nicht wissen, wat se sagen wollen, dann redese lange. Und die anderen wollen einfach die Leute überreden. Das war nie meine Linie. Ich versuche immer so zu sprechen, dass die Menschen verstehen, was ich meine."

Fan von Schalke 04 und Borussia Dortmund

"Dass er viel kürzere Sätze kann als ich." Beeindruckt auch Walter-Borjans. Und das, obwohl Müntefering dem neuen SPD-Duo schon vor vielen Jahren in aller Kürze das hier ins Stammbuch geschrieben hat: "Opposition gehört zur Demokratie dazu. Aber Opposition ist Mist. Lasst das die anderen machen. Wir wollen regieren!"

Der Zustand der SPD macht ihm Sorge. Lieber konzentriert er sich auf seine Themen: Sterbehilfe, demographischer Wandel, die Liebe zum Fußball, und die zu seiner 40 Jahre jüngeren Frau Michelle:

Michelle Müntefering, SPD-Bundestagsabgeordnete: "Ich bin Fan von Schalke 04 und er behauptet, er ist für Borussia Dortmund und Schalke 04. Ich sach, dat geht nich. Aber solange Schalke gewinnt, soll mir das egal sein."

Klar bleiben im Kopf, das ist die Hauptsache, meint der Jubilar zum 80. Wenn's mir vergönnt ist, möchte ich 100 werden. Aber Angst vorm Sterben, die habe er nicht:

"Im Moment bin ich da ganz locker, aber ich will den Mund auch nicht so weit aufblasen. Man weiß ja nicht, wie das zum guten Schluss ist. Man kann das ja nicht üben, das ist ja das Problem!"

Müntefering: "Glückauf, liebe Genossinnen und Genossen!"

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