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StartseiteCampus & Karriere"Können es uns nicht leisten, für Frauen unattraktiv zu sein"08.03.2021

Frauen in der Baubranche"Können es uns nicht leisten, für Frauen unattraktiv zu sein"

Frauen sind in der Baubranche noch immer eine Ausnahme. Auch weil der Branche der Fachkräftemangel droht, will die Bauunternehmerin Barbara Hagedorn das ändern. Es sei nach wie vor schwierig, Frauen für den Bau zu begeistern, sagte sie im Dlf. Noch immer gebe es viele Vorurteile und wenige Vorbilder.

Barbara Hagedorn im Gespräch mit Martin Schütz

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Eine Frau mit einem Bauhelm auf dem Kopf und Arbeitshandschuhen  (IMAGO / photothek / U. Grabowsky)
"Frauen auf dem Bau brauchen Vorbilder", glaubt die Bauunternehmerin Barbara Hagedorn (IMAGO / photothek / U. Grabowsky)
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Es sei noch immer schwierig, Frauen für einen Job auf einer Baustelle zu gewinnen, sagte die Bauunternehmerin Barbara Hagedorn im Deutschlandfunk. Vielen Frauen fehle es an Vorbildern. Diese seien aber wichtig, um Interessentinnen eine Orientierung zu bieten. Die Arbeit selbst sei inzwischen dank der hohen Technisierung auch für Frauen machbar, so Hagedorn weiter. Körperliche Kraft sei keine Voraussetzung mehr: "Du brauchst Köpfchen, du musst eine Affinität für Maschinen haben und dich einfach trauen."

Die Branche könne es sich nicht mehr leisten, weiterhin unattraktiv für Frauen zu sein, so Hagedorn: "Wir haben ja den Fachkräftemangel schon sehr lange. Es gehen in den nächsten Jahren viele in Rente, und es ist wirklich schon fünf vor zwölf."

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Martin Schütz: Frau Hagedorn, Frauen auf der Baustelle – wie sieht es aktuell aus? Noch so, wie vor 20, 30 Jahren?

Barbara Hagedorn: Nicht mehr genau so, aber auf jeden Fall noch nicht ganz so weit davon entfernt. Wir haben Frauen auf dem Bau, aber noch nicht so, wie wir es gerne hätten, weil es wirklich schwierig ist, Frauen dafür zu begeistern – wir haben auch das Gefühl, dass sie sich nicht trauen. Sie wollen Vorbilder, sie brauchen ein bisschen, dass wir sie mitnehmen, und daher haben wir uns jetzt entschieden, dass wir das noch mal ganz gezielt angehen.

Schütz: Was wäre denn Ihr Ziel, wenn Sie von einem konkreten Ziel sprechen?

Hagedorn: Wir möchten gerne, dass in diesem Jahr drei weibliche Auszubildende, gewerblich Auszubildende, am 1. August hier anfangen. Das sind kleine Ziele, aber ich finde, dass wir auf jeden Fall starten müssen, da was zu bewegen. Wir sind auch mit ganz vielen anderen Firmen im Gespräch, und jeder sagt, es muss unbedingt was gemacht werden.

Schütz: Wie groß ist Ihre Firma? Sind drei Mitarbeitende, die dann weiblich sind, signifikant, oder ist Ihr Unternehmen so groß, dass es im Grunde auch gar nicht auffallen würde?

Hagedorn: Wir haben insgesamt 24 Auszubildende, natürlich auch kaufmännische. Aber wir sind etwa 645 Mitarbeiter, und wir finden das schon eine super Sache, wenn wir diese Zahl drei erreichen würden.

Schütz: In welchen Bereichen sollten die drei denn dann arbeiten?

Hagedorn: Auf der Baustelle, ganz wichtig. Deswegen haben wir extra gesagt, wir möchten gewerbliche Auszubildende haben, auf der Baustelle. Sie können natürlich auch im Projektleiterbereich arbeiten, aber erst mal sollen sie draußen das Ganze mit den Jungs gemeinsam rocken.

Schütz: Wenn Sie jetzt sagen, wir merken, dass die Frauen oftmals noch nach Vorbildern suchen, die es aber gar nicht so gibt, warum ist das so wichtig auch bei der Anwerbung von neuen Mitarbeitenden?

Hagedorn: Wir fanden das auch interessant bei unserer Umfrage, dass sie wirklich Vorbilder suchen. Männer orientieren sich oftmals an Arbeitskollegen und sprechen mit denen. Die Frauen brauchen eine Orientierung, dass sie sagen: Mensch, da sind auch welche, da kann ich mich mit austauschen, es ist alles gar nicht so schlimm, es sind gar keine so großen Probleme auf der Baustelle, wie vielleicht manchmal dargestellt wird. Ich glaube, dafür brauchen sie einfach mehr Vorbilder. Wir versuchen auch in unserem Betrieb – wir haben viele weibliche Mitarbeiterinnen, also viel ist immer relativ, aber einige, die auch auf den Baustellen sind – dass wir helfen können, ihnen einfach die Angst zu nehmen.

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Schütz: Was ist aus Ihrer Sicht denn schon viel, was Ihr Unternehmen angeht?

Hagedorn: Wir haben insgesamt sieben in einzelnen Bereichen verteilt. Sie sind alle hoch motiviert. Wir machen das auch gemeinsam, sie weiter voranzubringen.

Schütz: Aber das sind deutlich unter 5 Prozent, oder?

Hagedorn: Ja, also da brauchen Sie mit einer Quote gar nicht kommen. Wir fangen da ganz unten an, das muss man fairerweise sagen. Da muss noch eine Menge getan werden.

Schütz: Sie haben eben ganz energisch gesagt, wenn wir die drei kriegen, dann sollen die auch rausgehen und mit den Männern arbeiten. Wie sehr gibt es denn immer noch die Vorurteile, dass Bau nur was für Männer ist?

Hagedorn: Das hat sich total verändert. Du brauchst jetzt keine körperliche Kraft mehr, wo es ja oftmals hieß, auf dem Bau, da muss ich anpacken. Die heutige Technik ist so weit – auch an den Baggern – da braucht man keine körperliche Manpower mehr, das schafft auch jede Frau. Du brauchst Köpfchen, du musst einfach eine Affinität für Maschinen haben und dich einfach trauen. Zu schaffen ist das mittlerweile, du kannst einen Joystick bedienen, ist kein Problem, das schafft jede Frau, das ist überhaupt gar kein Thema. Wir müssen ihnen einfach nur Mut machen und ihnen sagen, ihr schafft das, ist kein Problem, traut euch einfach. Und du hast auch noch gute Verdienstmöglichkeiten, das darf man nicht unterschätzen.

Schütz: Und Sie denken ja wahrscheinlich auch an Ihre Unternehmensziele, Ihre Unternehmenserfolge. Wie lange kann sich denn die Baubranche noch leisten, auf dieses Arbeitspotenzial von Frauen nicht zurückzugreifen?

Hagedorn: Wir können es uns gar nicht mehr leisten. Wir haben ja den Fachkräftemangel schon sehr lange. Es gehen in den nächsten Jahren viele in Rente, und es ist wirklich schon fünf vor zwölf. Wir können uns das nicht leisten. Wir können uns auch nicht mehr leisten, für die Frauen in unserer Branche unattraktiv zu sein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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