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StartseiteInformationen am MittagFlüchtling verhaftet, Internet voll von Hasstiraden05.12.2016

FreiburgFlüchtling verhaftet, Internet voll von Hasstiraden

Die Polizei hat im Fall der vergewaltigten und getöteten Studentin in Freiburg einen 17-jährigen Flüchtling aus Afghanistan festgenommen. Viele mahnen zu Besonnenheit. Der grausame Tod der Frau zieht Hasstiraden im Internet nach sich. In Freiburg sorgt man sich - vor weiteren Gewalttaten und weiteren Anti-Flüchtlings-Demonstrationen.

Von Thomas Wagner

Luftbild der Freiburger Innenstadt mit Münster  (picture alliance / dpa/ Rolf Haid)
Luftbild von der Freiburger Innenstadt mit Münster. (picture alliance / dpa/ Rolf Haid)

Ein 17-jähriger unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan verhaftet unter dem dringenden Tatverdacht, eine 19-jährige Studentin in Freiburg umgebracht zu haben: Dem Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon schwante bereits gleich Bekanntgabe dieser Meldung im Gespräch mit dem SWR-Fernsehen nichts Gutes.

"Dass der Täter voraussichtlich ein junger Mann aus Afghanistan ist, ist natürlich Wasser auf die Mühlen derjenigen, die natürlich immer schon wussten, dass Flüchtlinge böse Menschen sind. Aber ich bitte einfach darum, zu differenzieren. Und ich glaube, dass die Freiburger dieses auch tun und wissen: Da hat einer eine furchtbare Straftat begangen. Aber das heißt nicht, dass das andere eben auch tun. Da muss man genau hinschauen."

30 AfD-Sympathisanten

Doch viele wollen nicht genau hinschauen. Am Sonntagnachmittag nahmen nach Agenturmeldungen rund 30 AfD-Sympathisanten die Festnahme des 17-jährigen Afghanen zum Anlass, gegen die, wie es hieß, "Merkelsche Flüchtlingspolitik‘" zu demonstrieren. Sogleich waren auch 200 Gegendemonstranten zur Stelle. Die Stimmung war, heißt es bei der Polizei, aufgeheizt.

Polizeibeamte postierten sich zwischen den beiden Gruppen; es kam zum Einsatz von Pfefferspray. Die Sozialen Netzwerke sind nach der Aufklärung der Freiburger Mordtat voll von Hasstiraden gegen Flüchtlinge. Allerdings liest man dort vereinzelt auch sachliche Kritik; einige mahnen zur Besonnenheit; von einem Einzelfall könne man nicht auf alle Flüchtlinge schließen.

"So kann das wieder mit Sündenbock-Theorien einhergehen"

Und zur Besonnenheit im Umgang mit dem unter Mordverdacht stehenden 17-jährigen Afghanen mahnte am Mittag auch Baden-Württembergs Grüner Sozialminister Manfred Lucha auf Anfrage des Deutschlandfunks:

"Ich rufe die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes zur Besonnenheit auf. Ich weiß, dass die Menschen, die vor Ort tätig sind, differenziert handeln. Es sind ja wieder einige wenige, die daraus politisch Kapital schlagen. So kann das dann wieder mit Sündenbock-Theorien einhergehen, die versuchen, diesen Fall zu benutzen. Aber die Funktionalität eines Rechtsstaates, eines Verfassungsstaates ist es, dass wir zusammen halten. Der größte Teil der Gesellschaft will respektvolles Miteinander im Umgang der Menschen."

CSU-Chef Seehofer will Vorstandsbeschluss jetzt überarbeiten

Allerdings hat der Freiburger Fall längst auch eine politische Dimension bekommen. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel appellierte in der "Bild"-Zeitung eindringlich, nach der Festnahme des jungen Afghanen keine Stimmungsmache gegen Flüchtlinge zu betreiben. Dem schloss sich auch der CSU-Innenexperte Mayer an. Migranten und Flüchtlinge dürften nicht unter generalverdacht gestellt werden. Schließlich ließ CSU-Chef Horst Seehofer einen Vorstandsbeschluss seiner Partei, indem die Forderung einer Flüchtlingsobergrenze enthalten sein sollte, verschieben. Nach der Festnahme des 17-jährigen Afghanen in Freiburg müsse das Papier entsprechend ergänzt werden, sagte Seehofer.

In Freiburg selbst sind immer noch viele beunruhigt, einerseits, weil noch ein anderer, ähnlich gelagerter Mordfall, der sich vor wenigen Wochen in der Nähe von Freiburg ereignet hat, nicht aufgeklärt ist; der Täter läuft immer noch frei herum. Anhaltspunkte für einen Zusammenhang zum nun aufgeklärten Fall gebe es nicht, so die Staatsanwaltschaft. Andererseits fürchten viele Freiburger, dass es bei einer Anti-Flüchtlings-Demonstration nicht bleiben wird, dass die Integrationsarbeit Rückschläge erleiden könne. In diesem Punkt zeigt sich Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon, bei aller Tragik des Falls, aber im SWR-Fernsehen zuversichtlich: "Wir haben eine unglaubliche Hilfsbereitschaft gehabt, als die Flüchtlinge kamen. Und die Freiburger werden auch jetzt genau hinschauen und keine pauschalen Urteile machen."

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