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StartseiteKalenderblattFreiheit für Russlands Bauern19.02.2006

Freiheit für Russlands Bauern

Vor 145 Jahren hob Zar Alexander II. die Leibeigenschaft auf

Im 19. Jahrhundert hinkte die russische Landwirtschaft der Agrarproduktion im Westen weit hinterher. Mit Hakenpflug in Dreifelderwirtschaft erzielten die leibeigenen Bauern nur geringe Erträge. Erst Zar Alexander II. wagte es mit dem Gesetz vom 19. Februar 1861, die Privilegien des Adels zu beschneiden und die Leibeigenschaft abzuschaffen.

Von Karl F. Gründler

"In Kiew angelangt, ließ Graf Pierre Besuchow die Verwalter aller seiner Güter zusammenrufen und setzte ihnen seine Pläne auseinander: Maßnahmen zur vollständigen Befreiung der Bauern von der Leibeigenschaft. Ab sofort sollten Mütter mit kleinen Kindern nicht mehr zur Arbeit herangezogen werden. Abschaffung der körperlichen Züchtigung und stattdessen Ermahnung zum Besseren."

Im Roman "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi, der zur Zeit Napoleons spielt, entlässt der junge Gutsbesitzer Besuchow, begeistert von der Freimaurerlehre, freiwillig seine Bauern aus der Leibeigenschaft. Eine idealistische Geste, der kaum ein russischer Adliger in Wirklichkeit gefolgt sein dürfte. Die meisten lebten fernab in den Städten, ohne sich um die Entwicklung ihrer Güter zu kümmern. Während die Leibeigenschaft im Westen Europas Anfang des 19. Jahrhunderts aufgehoben worden war, arbeiteten die Bauern in Russland weiterhin zwei bis vier Tage auf den Äckern ihrer Herren. Die konnten ihre Leibeigenen sogar verschenken, verpfänden oder als Rekruten verkaufen. Immerhin erkannte die politische Polizei die Brisanz dieser anachronistischen Situation. So schrieb deren Chef Graf Benckendorff 1839 an den Zaren Nikolaus I.:

"Die Leibeigenschaft ist ein Pulverfass, auf dem die Regierung sitzt, und sie ist deshalb um so gefährlicher, weil das Heer aus eben diesen Bauern besteht... Es ist besser schrittweise, vorsichtig die Befreiung zu beginnen, als solange zu warten, bis sie von unten her, vom Volke begonnen wird."

Russland unterliegt im Krimkrieg 1853 bis 1856 seinen Gegnern England und Frankreich vor allem auf Grund seiner rückständigen Infrastruktur und mangelhaften technischen Ausrüstung. Der reformfreudige und durchaus bauernfreundliche Zar Alexander II. lässt Pläne für eine Agrarreform ausarbeiten. Sie sehen vor, dass die Adligen durch den Landverkauf an die Bauern ausreichend Investitionsmittel für die Restgüter erhalten und die bisher landlosen Bauern lebensfähige Höfe einrichten können.

Laut Gesetz vom 19. Februar 1861 sollen Gutsherr und Leibeigene innerhalb von zwei Jahren den Umfang des Bauernlandes und die Ablösesumme festlegen. Fronarbeiten und Zinszahlung bleiben solange bestehen. Eigens bestellte Friedensvermittler wachen über die Umsetzung der Reform vor Ort. In 200 Dörfern wird zusätzlich Militär einquartiert, um dem Unmut der Bauern entgegenzutreten. Viele sind erbost, weil sie sich sofortige Unabhängigkeit erhofft hatten.

Außerdem wird ihnen zu wenig und schlechtes Land zugeteilt. So meldet ein Friedensvermittler aus dem Gouvernement Pskov im Nordwesten Russlands:

"Die Heuerträge der Anteile sind schlecht und feucht und gewährleisten mengenmäßig nicht die erforderliche Haltung von Arbeitsvieh und Rindern. Zu den bäuerlichen Bodenanteilen gehören viel Ödland und mit Strauchwerk überwucherter Boden, die als Acker oder Heuschlag ungeeignet sind, ferner völlig versumpfte Flächen und Torfmoore."

Auch Leo Tolstoi wird im Bezirk Tula als Friedensvermittler eingesetzt, tritt aber von der Aufgabe bald desillusioniert zurück:

"... obwohl ich meine Arbeit völlig unparteiisch und auf das Gewissenhafteste verrichtete, zog ich mir den starken Unwillen der Adligen zu. Sie wollen mich am liebsten verprügeln und vor Gericht zerren."

Sein Held Pierre Besuchow in "Krieg und Frieden" wird bald des Alltags auf den Gütern überdrüssig und überlässt die Umsetzung seiner wohlgemeinten Reform den korrupten Verwaltern:

"Nie erfuhr er, dass die auf seinen Wunsch aufgeführten Gebäude vollkommen leer standen und das die Bauern auch weiterhin an Frondiensten und Geldabgaben ebensoviel leisten mussten wie auf anderen Gütern. Nämlich alles, was sie überhaupt zu leisten imstande waren."

Die Reform Alexanders II. kommt nur langsam voran. Über 20 Jahre dauert es bis zur vollständigen Abschaffung der Leibeigenschaft. Viele Bauern verschulden sich dabei übermäßig. Das System des regelmäßigen Tauschens von ertragreichen und kargen Äckern innerhalb der Bauerngemeinde bleibt durch die Reform unangetastet. Und das behindert weiter den Einzug der Marktwirtschaft auf dem Lande. Außerdem konsumieren viele Gutsbesitzer lieber ihre Verkaufserlöse als sie in ihren Hof zu investieren. Die Stagnationskrise der russischen Landwirtschaft ist eine der Ursachen für die Revolutionen von 1905 und 1917.

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