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StartseiteKultur heuteÜberraschender Baubeginn für die "Einheitswippe"19.05.2020

Freiheits- und EinheitsdenkmalÜberraschender Baubeginn für die "Einheitswippe"

Über Jahrzehnte haben Kritik und politische Verwerfungen die Planungen eines Einheitsdenkmals in Berlin begleitet. Nun beginnt plötzlich der Bau der so genannten "Einheitswippe". Architekturexperte Nikolaus Bernau kritisiert deren Denkmalfeindlichkeit.

Nikolaus Bernau im Gespräch mit Antje Allroggen

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Modell des Freiheits- und Einheitsdenkmal: der Entwurf von Milla und Partner aus Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Choreographin Sasha Waltz, die gebogene Schale soll einer Wippe ähnlich beweglich gestaltet werden, sodass die Besucher durch ihr Gewicht  (imago / Wolf P. Prange)
Eine kippelige Angelegenheit - das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Modellformat (imago / Wolf P. Prange)
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Errichtet werden soll das Freiheits- und Einheitsdenkmal vor dem künftigen "Humboldt-Forum", dem wieder aufgebauten Stadtschloss in Berlins Mitte – auf dem Sockel eines einstigen Kaiserdenkmals. Zuletzt hatten naturschutzrechtliche Bedenken den Baubeginn verzögert; doch die konnten ausgeräumt werden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat bekannt gegeben, dass die Bauarbeiten nun begonnen haben.

Neue Heimat für die Fledermäuse

Die umstrittene Umsiedlung einer sehr alten Fledermauskolonie aus den Kellergewölben des einstigen Kaiserdenkmals ist gelungen. Schon beim Beschluss für das Projekt im Jahr 2007 habe man von diesem Problem gewusst, so Architekturkritiker Nikolaus Bernau:

"Es wurden neue Unterkünfte für die Fledermäuse gefunden in nahen Brückenanlagen, in denen sie störungsfrei weiterleben können."

Um die wegen ihrer Form so genannte "Einheitswippe" zu stabilisieren, müssen nun gewaltige Fundamente durch die Gewölbe des früheren Denkmals gestemmt werden, in denen die Tiere hausten. Die Naturschutzfrage war keineswegs nachrangig: Fledermäuse gehören zu den mit am besten geschützten Tierarten - unter anderem, weil sie Indikatoren für saubere Luft und sauberes Wasser in der Umgebung sind.

Monumentanlage für ersten deutschen Kaiser

Das Fundament des Freiheits- und Einheitsdenkmals soll symbolischen Charakter haben: Es markiert den Sieg der Demokratie über die Monarchie. Nikolaus Bernau betonte im Deutschlandfunk aber auch die Denkmalfeindlichkeit des Projektes: Der Sockel sei der letzte Rest der Monumentalanlage Stadtschloss, die an Kaiser Wilhelm I. erinnerte:

"Eine ganz faszinierende, auch ingenieurshistorisch sehr bedeutende Anlage."

Vorwurf der Einfältigkeit

Der Entwurf des Einheitsdenkmals von dem Architekturbüro Milla & Partner sieht dort nun eine riesige, goldene Schale vor. Sie soll sich langsam nach links oder rechts neigen können - je nachdem, wohin sich die Menschen in der begehbaren Plastik bewegen. Diese Symbolik wurde von vorneherein scharf angegriffen. Die Vorwürfe: Sie sei zu einfältig; Demokratie erschöpfe sich schließlich nicht im Ja oder Nein.

Außerdem stellt sich technisch nach wie vor die Frage, ob Menschen mit körperlichen Einschränkungen die "Einheitswippe" überhaupt werden nutzen können, wenn sie aus sicherheitstechnischen Gründen in der Mitte des Denkmals stehen bleiben müssen.

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