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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenFremd ist der Fremde nur in der Fremde29.07.2010

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde

Die Begegnung mit Fremden in ihrer Bedeutung für die Geschichtswissenschaft

Die Begegnung mit Fremden ist heute fast schon alltäglich: Es gibt kaum eine Schule, in der nicht Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund neben Deutschen lernen, ausländische Arbeitskollegen sind ebenso selbstverständlich wie von Immigranten geführte Restaurants.

Von Barbara Weber

Wenn Fremde einander treffen.  (AP)
Wenn Fremde einander treffen. (AP)
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Dienstreisen in ferne Kontinente und Urlaubsreisen in fremde Länder haben schon fast den Reiz des Fremden verloren. Diese Massenwanderung des 20. Jahrhunderts verstellt den Blick darauf, dass schon in der Vormoderne die Begegnung mit Fremden zwar keine alltägliche, aber doch normale Erscheinung war. Einfallende Mongolen, die Türken vor Wien, fremde Wanderhändler oder Glaubensflüchtlinge bedrohten oder konfrontierten die einheimische Bevölkerung mit fremden Sitten und Gebräuchen. Umgekehrt brachen Abenteurer im Auftrag europäischer Monarchen auf, um Gebiete in Übersee zu erkunden; Missionare um zu bekehren, Auswanderer, um sich neuen Lebensraum zu schaffen. Diese Begegnungen blieben nicht ohne Auswirkungen auf das Geschichtsbewusstsein der Wandernden wie der Sesshaften. Erstmalig wurde auf einer interdisziplinären Tagung der Stand der Wissenschaft zu dem Thema zusammengetragen.

"Fremd ist der Fremde nur in der Fremde."
Karl Valentin

"Das drückt das aus, was wir mit unserem Kolloquium auch ansprechen, nämlich den Zusammenhang von Fremden und Migration, also nicht die Außenseiter der Gesellschaft als Fremde, sondern Menschen, die irgendwo anders hingereist sind, eben in die Fremde, und dort sich nun fremd fühlen und von den Einheimischen als fremd erfahren werden."

Dr. Bettina Braun, Institut für Europäische Geschichte, Mainz.

"Auch die Gesellschaft der frühen Neuzeit, des 16. bis 19. Jahrhunderts war nicht so immobil, wie wir heute vielfach naiv zunächst, annehmen. Auch damals sind Menschen, um Arbeit zu finden, saisonal gewandert. Menschen haben um ihres Glaubens willen, ihre Heimat verlassen, die Hugenotten beispielsweise sind ein vergleichsweise bekanntes Beispiel für solche Glaubensflüchtlinge, Missionare sind in andere Gegenden gegangen, um den Menschen dort ihre Religion näher zu bringen. Soldaten haben in fremden Armeen gedient. Dann eine Gruppe, die traditionell sehr mobil war, gezwungenermaßen, waren die Juden, also all diesen Menschen konnten auch selbst Dorfbewohner im 16. Jahrhundert immer wieder begegnen."

Wie die Fremden aufgenommen wurden, hing von der Wahrnehmung der Einheimischen ab. Glaubensflüchtlinge, die die eigene Glaubensrichtung vertraten, trafen vermutlich auf ein gewisses Wohlwollen.

"Das ist natürlich etwas ganz anderes beispielsweise in der frühen Neuzeit: Das Vordringen der Türken, der Osmanen nach Europa, das waren die bedrohlichen Fremden par excellence. Also beispielsweise so ein Ereignis wie die Bedrohung Wiens durch die Türken 1529 hat das apokalyptische Verständnis der eigenen Zeit in Europa ganz massiv gefördert. Das kann man in theologischen Schriften, in Flugblättern heute auch noch sehr schön nachvollziehen."

Bedroht hat sich in der frühen Neuzeit sicherlich auch die einheimische Bevölkerung Südamerikas gefühlt, als sie mit den machtvoll und selbstbewusst auftretenden spanischen Eroberern zusammentraf.

Die wiederum entwickelten ebenfalls ihre eigenen Vorstellungen von den Menschen, die da halb nackt und mit Federn geschmückt vor ihnen standen:


"Zunächst einmal hatten die Eroberer von den Fremden, also den Einheimischen, denen sie dann begegnet sind, sicher nicht die Vorstellungen, dass es sich um Menschen derselben Stufe handelt wie die Europäer. Bei den Missionaren war es dann doch schon etwas anders, denn man betrachtete die dortige Bevölkerung dann doch als Gottes Geschöpfe, auch als wert, an der eigenen Religion teilhaftig zu werden. Das ist natürlich schon ein ganz anderes Menschenbild, als es die Eroberer aus ihrer Sicht hatten."

Am 13.August 1521 steigt der Herrscher der Mexica in ein Boot und setzt über einen der vielen Kanäle, die seinen Stadtstaat, Tenochtitlan durchziehen, um sich dem spanischen Eroberer Hernán Cortés zu ergeben. Diese Kapitulation markiert das Ende der Mexica als politische und militärische Macht. Auf den Trümmern ihrer Tempel und Paläste entsteht die neue Hauptstadt des Vizekönigreichs Neuspanien.


"Es gibt Überlieferungen und zwar interessanterweise von zwei Seiten. Und zwar gibt es die spanischen Überlieferungen. Hernán Cortés hat zeitgleich mit der Eroberung, Briefe an der Kaiser geschrieben, an Kaiser Karl V. Die sind immer noch eine unserer wichtigen Quellen. Aber er stellt natürlich die Sicht aus seiner Sicht dar und versucht sich natürlich so gut darzustellen, dass er beim Kaiser Privilegien erhält."

Die zweite Überlieferung findet sich im Florentiner Codex, so Anja Bröchler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lateinamerikanischen Seminar der Universität Köln:

"Das ist ein überaus spannendes Dokument, weil es entsteht durch einen Franziskaner Fray Bernardino de Sahagún. Der kommt nur wenige Jahre nach der Conquista im Jahr 1529 nach Neuspanien. Und er ist humanistisch ausgebildet, das heißt, an der Sprache und Kultur interessiert. Und er hat das Interesse, weil er bemerkt, dass seine Missionsbemühungen nur wirklich fruchten können, wenn er diejenigen, die er missionieren will, versteht."

Er erlernt die Sprache. Er lehrt die Nahuas, Sprachfamilie der Mexica, die bis dahin ihre Geschichten in einer Bildsprache festhielten, das lateinische Alphabet.

Und er bittet die Nahuas ihm alles zu erzählen über ihre Sitten und Gebräuche und darüber, was sie über die Conquista wissen.

"Der Florentiner Codex selbst ist ein Buch, das sehr umfassend über die Geschichte und Kultur der Nahuas informiert. Es sind 12 Bände, und teilweise sind die 12 Bände wunderschön illustriert. Das letzte Buch, das Buch 12 umfasst den Kampf der spanischen Invasoren gegen die Bewohner Tenochtitlans.

Sahagún hat eine Art Übersetzung angefertigt, die aber, nicht immer aber in Teilen, doch dem Text eine andere Richtung vorgibt."

Der Pater verfälscht nichts. Doch durch die Auslassungen ist die spanische Übersetzung kürzer als der Originaltext. Die Lücken, die dadurch entstehen, werden durch Bilder der Nahuas aufgefüllt.

"Was ich an diesem Florentiner Codex ausgesprochen beeindruckend finde, ist die Vielzahl der Perspektiven, die er eigentlich eröffnet: Wir haben über die beiden Sprachen Nahuatl und Spanisch noch mal sehr schön die unterschiedliche Art und Weise der Betrachtungsweise und auch der Begrifflichkeiten wie sie ein spanischer Mönch oder ein Nahuatl-Sprecher anwenden würde. Das Zweite ist dann die Ebene, dass wir zusätzlich über die Bilder noch mal eine Interpretationsebene haben, die zusätzlich noch mal zu dem Nahuatl-Text die indigene Perspektive vermittelt. Und aus diesen Formen der Perspektive bildet sich ein sehr vielschichtiges Bild, das sehr viel besser als diese simple Gegenüberstellung einer Kulturkonfrontation die Realität einer geteilten Geschichte, eines geteilten Neuspaniens wiedergibt als es das reine spanische Quellen oder eine Geschichtsschreibung, die eben diesen Clash of Civilizations machen würde."

Religiöse Texte aus Wien, die im Angesicht der türkischen Bedrohung die Apokalypse heraufbeschwören oder der Florentiner Codex, der die Sicht der Nahuas auf die Conquista offenbart, sind Beispiele für Reaktionen und Interpretationen der Begegnung mit Fremden. Sie öffnen aber auch den Blick für eine andere Interpretation von Geschichte.

"Wir sind überzeugt, dass das ein Forschungsfeld mit Zukunft ist, denn wir stellen uns auch vor, dass das eine Frage ist, die dann auch letztlich bis auf die Ebene der Geschichtsbücher herab dann doch umgesetzt werden muss. Begegnung mit Fremden und was bedeutet das für die jeweiligen Gruppen, ist, ja was, etwas wir in unserer Gesellschaft lernen müssen, lernen sollten. Ein weiterer Bereich ist der der Wirtschaft. Wir können wirtschaftlich nicht global agieren, wenn wir uns der jeweiligen Differenzen, aber auch Nähen zu anderen Nationen, zu Fremden nicht bewusst sind."

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