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StartseiteCampus & KarriereBilingualer Unterricht verbessert auch Matheleistungen24.04.2019

Fremdsprachen in der GrundschuleBilingualer Unterricht verbessert auch Matheleistungen

Zwei oder drei Sprachen gleichzeitig lernen - kein Problem für Kinder, sagte Literatur-Professor Heiner Böttger im Dlf. In seiner Studie zeigten sich durch die höheren kognitiven Anforderungen auch Verbesserungen anderer Bereiche, besondes im Fach Mathematik.

Heiner Böttger im Gespräch mit Thekla Jahn

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Von Schülerinnen und Schülern auf englisch gestaltete persönliche Heftchen hängen während des Unterrichtes in einem Klassenzimmer an einer Leine (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Bilingualer Unterricht - wie zum Beispiel auf Englisch und Deutsch - fördert nicht nur die Sprachkompetenz (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
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Thekla Jahn: Dass Fremdsprachen in der globalisierten Welt nur von Vorteil sind, leuchtet jedem ein. Je mehr, desto besser, doch ab welchem Alter sollte man damit anfangen? Gleich ab der ersten Klasse oder schon früher oder doch später? Kann das Gehirn schon früh mit zwei oder mehr Sprachen umgehen? Sollten Kinder nicht erst einmal ordentlich lesen, schreiben, rechnen lernen und dann mit einer Fremdsprache beginnen?

Darüber streiten sich Bildungsexperten, Lehrer und Kognitionsforscher seit Langem. Die Katholische Universität Eichstätt kommt jetzt mit einer Studie, die gute Argumente dafür liefert, gleich in der Grundschule bilingualen Unterricht anzubieten. Telefonisch verbunden sind wir mit Professor Heiner Böttger, er ist Professor für die Didaktik der englischen Sprache und Literatur in Eichstätt und Autor der Studie. Schönen guten Tag!

Heiner Böttger: Guten Tag, Frau Jahn!

Jahn: Gleich in der ersten Klasse zweisprachigen Unterricht, bringt das denn wirklich was? Die Skeptikergemeinde ist ja groß.

Böttger: Ja, die Skeptikergemeinde ist groß, es halten sich ganz viele Mythen und Vorurteile. Sie haben vorhin ja auch gesagt, lesen, schreiben, rechnen und Sprachen lernen, ob sie das so können. Ja, sie können es alles auf einmal, und wir können auch mit der Studie sehr gut nachweisen, dass das so ist.

Grundschüler auf Siebtklässler-Niveau

Jahn: Sie haben für die Studie seit 2015 Grundschüler in ganz Bayern untersucht beziehungsweise begleitet. Was ist dabei rausgekommen?

Böttger: Zunächst mal waren es 21 staatliche Grundschulen in Bayern, es sind über 900 Schülerinnen und Schüler involviert, mit den Eltern natürlich, die wir auch befragt haben, und 42 Lehrkräfte, die wir in der wissenschaftlichen Evaluation haben. Die Befunde sind drei ganz wichtige: Der sprachliche Vorteil im Englischen von zweisprachig aufwachsenden Kindern, der ist vergleichsweise sehr deutlich. Das ist aber eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Sie entwickeln sich allerdings noch viel weiter, als wir gedacht haben. Die Tests, die wir genommen haben, sind auch standardisierte Tests, die wir schon mal eingesetzt haben in einer BIG-Studie oder in der Evening-Studie in Nordrhein-Westfalen für Kinder am Ende der vierten Klasse.

Wir können nachweisen, dass die Kinder, die wir in dem Versuch haben, sich im sprachlichen, im englischsprachlichen Bereich schon vergleichsweise in einer fünften, sechsten oder gar siebten Klasse mit ihren Kompetenzen, und zwar in allen Bereichen – lesen, schreiben, sprechen und hören – befinden.

Was uns überrascht hat und was ich jetzt persönlich auch für wirklich sensationell halte – man muss ja als Wissenschaftler aufpassen, was man da so sagt, aber das halte ich für wirklich sensationell: Unsere Hypothese war, in Mathematik können sie höchstens gleich sein, sie sollten keinen Nachteil haben dadurch, dass sie weniger Deutsch und mehr Englisch haben. Was sie in Mathematik geleistet haben, hat unsere Erwartungen übertroffen.

Wir haben hier einen bundesweiten Test genommen, den DEMAT-Test am Ende der zweiten Klasse, und sind im Mittel weitaus besser mit den Kindern in den Ergebnissen als der bundesdeutsche Durchschnitt, und zwar so signifikant, dass man nicht davon sprechen kann, das ist ein singuläres Ereignis und so weiter, sondern das hält allen empirischen Überprüfungen auch stand.

Der dritte Teil ist Deutsch, da wollten wir eigentlich nur nachweisen, dass ein Weniger an Deutschunterricht und ein Mehr an Unterricht in der englischen Sprache nicht zu schlechteren Leistungen in Deutsch führt. Das haben wir am VERA-Test nachgewiesen und sind auch hier überrascht, dass die Kinder im Mittel leicht besser sind als diese große Vergleichsgruppe aller anderen Kinder.

Höhere Anforderung im kognitiven Bereich

Jahn: Jetzt ist es natürlich nicht ganz so erstaunlich, dass Kinder, die zweisprachig unterrichtet werden, in Sprachen gut sind, auch möglicherweise …

Böttger: Das ist wahr.

Jahn: … im Deutschen gut sind, das ist ja auch eine Sprache, dass sie aber in Mathematik besser, deutlich besser abschneiden, wie erklären Sie sich das?

Böttger: Ich kenne mich nicht sehr gut aus in Mathematik, bin selber nicht bilingual und hatte große Schwierigkeiten in der Schule – vielleicht hat das auch mit dem Berufswunsch nachher zu tun –, aber was wir sagen können, ist, dass das mit diesen Exekutivfunktionen zusammenhängt.

Wenn nur eine Sprache prozessiert wird, dann ist dort nicht im präfrontalen Kortex – also Muttersprache, eine Sprache, monolingual – ist dort nicht so viel zu tun im Stirnhirn wie bei einer Prozessierung, einer Verarbeitung von zwei Sprachen. Es ist ein wenig wie Muskeltraining. Vielleicht hört es sich banal an, aber es wird dort einfach mehr gearbeitet, eine höhere Anforderung in diesem kognitiven Bereich.

Man kann das dann auch sehen in den Magnetresonanz-Scannern und so weiter der Neurowissenschaften, dass dort einfach mehr getan wird, und das führt quasi zu einer Art Trainingseffekt und dann zu einer deutlichen Verbesserung dieser Exekutivfunktionen. Und die wiederum, die zeigen sich dann im problemlösenden Denken – einmal räumliche Orientierung und scheinbar bei Mathematik-Operationen in diesem Bereich, der da abgeprüft wird in den DEMAT-Tests.

Englisch vermutlich ersetzbar

Jahn: Hat es etwas mit der Sprache zu tun, also Englisch, oder wäre es egal, könnte man auch sagen, Deutsch und Französisch bilingual oder Deutsch und Spanisch oder Deutsch und Chinesisch?

Böttger: Das ist eine sehr gute Frage, der wir nachgehen. Hypothetisch kann ich nur sagen, es gibt ja jetzt momentan auch den Versuch in der ersten Klasse jetzt bei dem Kollegen Piske in Nürnberg, der das evaluiert: bilinguale Grundschule Bayern Französisch. Die ersten Ergebnisse weisen darauf hin, dass ähnliche Verläufe in der Entwicklung stattfinden. Wir können es noch nicht vergleichen, aber wir können sagen – und das ist meine Hypothese –, dass Englisch ersetzbar ist. Die ersten Hinweise zum Beispiel in Wolfsburg, wo Kinder in der Edith-Stein-Kita in Wolfsburg dreisprachig aufwachsen, mit Chinesisch noch dazu, zeigen, dass die Verläufe etwa gleich sein werden.

Jahn: Jetzt gibt es ja unter den Skeptikern, die schon angesprochen wurden, den Hinweis darauf, dass Sprachenunterricht eine Art Zeitfresser ist und es dem kindlichen Gehirn gar nicht unbedingt zuträglich ist, wenn es nicht schon vorher lesen, schreiben, rechnen kann, also wenigstens die Basis hat, dass ein Kind überfordert sein kann. Und wenn Sie jetzt von drei Sprachen sprechen, dann stellt sich tatsächlich die Frage, kann das jedes Kind, also können da alle Kinder mithalten oder nur wieder diejenigen, die sowieso von zu Hause aus oder auch genetisch einfach die besseren Karten haben?

Böttger: Die Kinder im Schulversuch, die sind randomisiert ausgewählt worden, weil die Klassen auch so ausgewählt worden sind. So haben wir zum Beispiel – das dürfte überzeugend sein – gerade im Bereich Augsburg zwei Klassen mit etwa 80 Prozent Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund, die im Übrigen nicht schlechter abschneiden. Insofern können wir hier schon mal den Nachweis führen für unser Projekt, dass es egal ist, ob es Kinder aus bildungsnahen Schichten sind oder ob es Kinder sind, die von Haus aus vielleicht benachteiligt sind, weil niemand mit ihnen spricht, niemand ihnen Geschichten erzählt und so weiter.

Jahn: Fremdsprachenunterricht gibt es ja schon, aber bei dem Modellversuch, den Sie jetzt ausgewertet haben, ist es eine bestimmte Art des bilingualen Unterrichts. Also, wenn die Ergebnisse so gut sind, wie Sie sie geschildert haben, wie sollte der Unterricht in jeder Grundschule aussehen?

Böttger: Zunächst mal werden die Begriffe genannt im Deutschen und so auch findet eine Begriffsbildung im Deutschen statt. Und nach diesen Einführungsphasen wird alles nur noch auf Englisch verarbeitet, und die Kinder handeln diesen Unterschied, diese Begriffsbildung in zwei Sprache oder auch in drei mit sich selbst aus. Sie brauchen die Erklärung nicht. Insofern ist ein Hauptpunkt dieser Didaktik: keine Wortschatzerklärungen, keine Grammatikerklärungen – und wenn, dann höchstens mal auf Nachfrage. Ein weiterer Punkt ist ganz viel bebildern, das gibt es auch im Grundschul-Englischunterricht, ganz viel mit Gestik und Mimik zeigen und ganz viel vor- und nachmachen, sodass immer modellhaft alles gezeigt wird und die Kinder selber erfahren, wie die Dinge sind. Insofern ist es dann eine Win-win-win-Situation.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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