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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenStilles Ende der Wikinger auf Grönland14.11.2019

Frühe GlobalisierungStilles Ende der Wikinger auf Grönland

Etwa 2.000 Wikinger besiedelten einst Grönland. Sie lebten vom Handel mit Walross-Elfenbein. Obwohl sie sehr geschickt in der sich verändernden Welt agierten, hatten sie letztendlich keine Chance: Klimawandel, zurückgehender Handel, eine schrumpfende Bevölkerung machten das Leben zu mühselig.

Von Dagmar Röhrlich

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Walross im Wasser (dpa / picture-alliance / Hinrich Bäsemann)
Die grönländischen Wikinger handelten mit Luxusgütern wie Walross-Elfenbein (dpa / picture-alliance / Hinrich Bäsemann)
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Kirche auf Westgrönland Das achteckige Tintenfass Gottes

Der 3. Mai 1721. Das Segelschiff "Hoffnung" sticht von Bergen aus in See. An Bord: 46 Menschen, darunter Hans Egede mit seiner Familie. Ihr Ziel: Grönland. Der Missionar hatte Erzählungen von diesem sagenhaften grünen Land gehört, in das vor langer Zeit Christen gezogen wären. Seit Jahrhunderten hatte niemand mehr etwas von ihnen gehört, doch Egede wollte sie zum Protestantismus bekehren. In Grönland trifft er auf die Inuit. Er fragt sie nach den Siedlern. Sie zeigen ihm verfallene Häuser, eine eingestürzte Kirche.

"Was war das Schicksal dieser vielen Menschen, die so lange von der Welt abgeschnitten waren? Wurden sie bei einer Invasion der Wilden getötet oder starben sie wegen des unbarmherzigen Klimas und der unfruchtbaren Böden?"

Fragte sich Hans Egede in seinem Tagebuch. Was damals passierte, ist bis heute ein Rätsel.

"Um 800 nach Christus breiteten sich die Wikinger über den Atlantik aus. Sie besiedelten die Färöer- und die Shetlandinseln, später segelten sie nach Island und von da aus dann nach Grönland. Dort konnten sie sich 500 Jahre lang lang halten."

Thomas McGovern ist emeritierter Archäologe vom Hunter College in New York City. In Skandinavien war damals die Bevölkerung schnell gewachsen, und die Menschen waren auf der Suche nach Land, das sie kolonisieren konnten:

"Die isländischen Sagas erzählen, dass Siedler sich vom norwegischen König befreien wollten und deshalb nach Island und später mit Erik dem Roten nach Grönland gingen. Wir konnten jedoch in den vergangenen zehn Jahren sozusagen eine alternative Geschichte entwickeln, denn diese Wikinger-Entdecker waren offensichtlich so eng mit der skandinavischen Welt und ihrem Handelsnetz eingebunden, dass es uns unrealistisch erscheint, dass sie alles riskiert und ihre Tiere und Sklaven auf Schiffe verladen hätten, um einfach mal nach Westen zu segeln, ohne genau zu wissen, was sie dort erwartet."

Zeitzeugnisse auf Grönland und Island

Urteilt Christian Koch-Madsen, Kurator am Grönländischen Nationalmuseum in Nuuk. Diese alternative Geschichte beruht auf modernen Isotopenanalysen von allem, was sich auf Grönland und Island an Zeugnissen aus der Zeit finden lässt: Zähne und Knochen Verstorbener und von Tieren, von Abfällen in Jahrhunderte alten Müllhaufen, auf Analysen von Böden, Seesedimenten und Eisbohrkernen, auf genauen Altersdatierungen. Beispiel Island:

"Wir wissen aus archäologischen Funden von Knochen und Zähnen, dass es in Island in historischer Zeit Walrosse gegeben hat – und wir wissen, dass es sie heute dort nicht mehr gibt - von gelegentlich zufällig vorbeischwimmenden Tieren einmal abgesehen. Doch wann sind die Walrosse verschwunden – und warum?"

Folgen einer frühe Globalisierung

Die Datierungen von 34 auf Island gefundenen Walrossen erzählen dazu eine deutliche Geschichte, erklärt Morten Tange Olson von der Universität von Kopenhagen. Es ist eine Geschichte über die Folgen einer frühen Globalisierung:

"Die Datierung der Überreste zeigte, dass Walrosse mehrere Jahrtausende auf Island gelebt haben, und dass sie ziemlich genau zu der Zeit verschwanden, als die Wikinger auf Island ankamen."

Die aktuellen Untersuchungen zeigen, dass nur drei der 34 Skelette aus der Zeit nach 874 stammten – und die genetischen Analysen belegen, dass die Walross-Bestände Islands bis zur Ausrottung bejagt worden sind. Damit entfiel ein Einkommenszweig für die Siedler.

Wirtschaftliche Aussichten in Grönland

Doch nicht für lange, denn Erik der Rote – ein wegen Mordes für drei Jahre von Island verbannter Raufbold – kundschaftete Grönland aus und eröffnete damit neue Möglichkeiten. Christian Koch-Madsen:

"Die Siedler waren sehr gezielt auf der Suche nach Reichtum. Es ging um Walross-Elfenbein, Narwalzähne und Eisbärenfelle - Produkte für den europäischen Luxusmarkt, die sie von ihren gut geplanten Fangexpeditionen mitbrachten. Was sie anlockte, war der schier unerschöpfliche Bestand an Walrossen im Norden Grönlands. Es ging um eine sehr gezielte Ausbeutung der Ressourcen."

Die isländischen Bauern, davon sind Christian Koch-Madsen und seine Kollegen überzeugt, folgten Erik dem Roten wohl eher nicht wegen der Viehweiden. Thomas McGovern:

"Sie bauten eine interessante Wirtschaftsform auf, die auf Jagd, Handel und Viehhaltung beruhte."

Wahrscheinlich zog es vor allem unzufriedene Kleinbauern, die ihre Stellung verbessern wollten, von Island nach Grönland. Denn Landbesitz bestimmte den Status in der Gemeinschaft: Während die Kleinbauern Frondienste leisten mussten, kontrollierte, wer Land besaß, die Wirtschaft vor Ort, den Handel, die kirchlichen Belange und sogar die Ressourcen im Meer:

"Wer zuerst nach Grönland kam, konnte sich zwar so viel Land nehmen wie er wollte. Doch um es zu behalten, brauchte er Pächter, Bedienstete und Sklaven, die die Arbeit erledigten."

Erklärt Jette Arneborg, Archäologin am Dänischen Nationalmuseum in Stockholm.

Auf Importe aus Norwegen angewiesen

Unabhängig von Norwegen, dem König und der Kirche waren die Siedler allerdings keineswegs. Sie bauten zwar ihre Häuser aus dem, was sie gerade vor Ort fanden – aus Steinen, Torf und Treibholz. Doch für den Bau von Booten musste Holz aus Norwegen importiert werden. Der Handel verband sie wie eine Nabelschnur mit Europa:

"Von Anfang an waren sie auf Importe angewiesen, besonders von Eisen. Ohne Eisenimporte hätten sie nicht überleben können. Sie brauchten Eisen beispielsweise für die Sicheln, mit denen sie das Gras für das Winterfutter schnitten. Sie haben ihre Importe mit Walrosselfenbein bezahlt. Ebenso wie die Steuern an König und Kirche, die sie schließlich nach jahrelangem Druck entrichtet haben. Sie haben auch mit anderen Luxusgütern gezahlt wie Narwalzähnen und Eisbärenfellen, jedenfalls immer in Naturalien. Sie hatten ja gar kein Geld."

Bevölkerung von nur um die 2.000 Menschen

Das Leben auf Grönland war hart. Hochrechnungen aufgrund der Skelette in den Gräbern lassen vermuten, dass selbst zu den besten Zeiten die Bevölkerung nur um die 2.000 Menschen betragen haben dürfte.

"Es war eine sehr kleine Bevölkerung, die eine große Arbeitslast tragen musste. Es waren wahrscheinlich die jungen Männer, die auf die gefährliche Jagd gingen."

Die Walrosse leben und lebten nicht im Süden und Südwesten Grönlands, wo sich die Siedler niedergelassen hatten, sondern mehr als 1.000 Kilometer entfernt weiter im Norden. Und dorthin zogen im Sommer die Männer mit ihren Booten – während die Alten, die Frauen und Kinder die Arbeit auf den Höfen verrichteten. Jette Arneborg:

"Die Jäger erlegten so viele Walrosse wie sie konnten und brachten nur den vorderen Teil des Kopfes mit zurück zu den Siedlungen. Das Fleisch und alles andere ließen sie zurück."

"Interessanterweise finden wir selbst in den Abfällen der entlegensten Höfe im Binnenland noch kleine Splitter von Walross-Elfenbein. Das bedeutet, dass alle an diesem Geschäft beteiligt waren: Die schwierige Arbeit, die Zähne mit einem scharfen Werkzeug aus dem Schädel herauszuholen, wurde überall erledigt, wahrscheinlich in den Wintermonaten. Im Frühling hat man das Elfenbein dann wohl zu den großen Höfen gebracht, von wo es an die Händler ging."

Klimawandel um 1250

Christian Koch-Madsen. DNA-Untersuchungen zeigen, dass die Grönländer um 1100 den europäischen Elfenbeinmarkt dominierten. Angesichts der riesigen Walrossbestände in Grönland war es ein lohnendes Geschäft – bis sich um 1250 die Zeiten änderten. Ein Klimawandel setzte ein: Die mittelalterliche Warmzeit ging zu Ende, die Kleine Eiszeit begann – und zwar mit einem Paukenschlag: Der Ausbruch des indonesischen Vulkans Samalas schickte die Temperaturen einige Jahre lang auf Talfahrt. Der Grund: Die Schwefelteilchen, die er hoch hinauf in die Stratosphäre schleuderte, dimmten die Sonnenstrahlen regelrecht. Auf Grönland sackten die Durchschnittstemperaturen um zwei Grad ab. Die Siedler passten sich an. Nach 1300 entwickelten sie eine spezielle Technik einer gemeinschaftlichen Jagd auf Sattelrobben, erklärt Thomas McGovern. Die Sattelrobben zogen in jedem Frühjahr in Scharen an der Küste vorbei Richtung Kanada:

"Ganze Gruppen von Jägern fuhren in ihren Booten die Fjorde hinab, um die Robben in enge, mit Netzen abgetrennte Buchten zu treiben und zu töten. Es war eine Gemeinschaftsarbeit. Die getöteten Robben wurden zurück in die Siedlungen gebracht und verteilt."

Selbst die Bewohner der entlegensten Berghöfe nahmen an der Jagd teil - und erhielten dafür ihren Anteil an der Beute. Hightech-Analysen an den Knochen der Verstorbenen beweisen, dass die Nahrung aus dem Meer eine immer wichtigere Rolle spielte. Nur noch die Reichen konnten sich das Fleisch von Landtieren leisten. Doch als sich das Klima weiter verschlechterte, wurde Jagen gefährlicher, gleichgültig, ob auf Robbe oder Walross: Die See wurde im Laufe des 15. Jahrhunderts immer stürmischer, was feine Salzpartikel in den Eisbohrkernen heute erkennen lassen. Jette Arneborg:

"Wenn eine Bevölkerungsgruppe so klein ist wie die der Wikinger auf Grönland, und wenn von jedem Hof die jungen Männer aufbrechen, um auf die Jagd nach Walrossen oder Robben zu gehen, dann bedeutet das für diese kleine Gruppe einen enormen Verlust, wenn ein oder zwei Boote verschwanden."

Sinkende Nachfrage nach Walross-Elfenbein

Gleichzeitig gab es viel mehr Treibeis, sodass es immer schwieriger wurde, nach Grönland zu gelangen. Ein Text aus der Zeit um 1250 erzählt von Schiffen, die im Sturm verlorengingen, und von Männern, die im Eis starben. Der Handel ging zurück. Und zu allem Überfluss änderte sich damals die Mode - und damit die internationalen Handelsbeziehungen. Thomas McGovern:

"Zu der Zeit, als sich das Klima verschlechterte, ließ in Europa das Interesse an Luxusgütern aus Walross-Elfenbein nach. Die Preise fielen und die Europäer importierten das Walross-Elfenbein, das sie noch brauchten, aus näher liegenden Gebieten wie der Barentssee."

Dazu kam die zunehmende Globalisierung: Die Araber änderten ihre Handelsstrategie, und damit gelangte das feiner zu bearbeitende Elefantenelfenbein aus Afrika auf den Markt: Der Bedarf sank weiter. Christian Koch-Madsen:

"Island und Norwegen zeigen, wie sich der Handel damals veränderte. Es ging nicht mehr um Luxusgüter, wie es für die Wikingerzeit typisch gewesen war, sondern um Massenware wie Stockfisch oder Wollstoffe. Doch auf Grönland gab es schlicht nicht genügend Menschen, um auf dieser Welle mitzuschwimmen, und es gab für große Schafherden auch nicht genug zu fressen. Den Siedlern in Grönland blieb nichts anderes übrig, als bei den Luxusgütern und dem Handel nach Wikingerart zu bleiben."

Isolierte Gemeinschaft schrumpft

Die Kaufleute mieden die gefährliche Reise nach Grönland - und die grönländischen Wikinger selbst besaßen keine Schiffe für eine Atlantiküberfahrt. Sie waren zunehmend isoliert: Die Verbindung nach Europa riss ab. Gleichzeitig drangen die Ahnen der heutigen Inuit von Norden her in ihre Siedlungsräume vor. Wie der Kontakt zwischen beiden Gruppen aussah, ist unklar. Funde beweisen, dass es Handel gab – und die wenigen Quellen, in denen er Thema ist, reden von Konflikten. Doch es gibt keine hastig verlassenen oder von Feinden niedergebrannten Höfe.

"Im 14. und frühen 15. Jahrhundert werden es vielleicht noch 1.000 Menschen gewesen sein. Das ist eine Gemeinschaft am Rand dessen, was überhaupt möglich ist. Um eine solche Gemeinschaft auszulöschen, braucht es nicht viel."

Obwohl die grönländischen Wikinger sehr geschickt in der sich verändernden Welt agierten, hatten sie letztendlich keine Chance: Es kam einfach zu viel zusammen. Klimawandel, eine schrumpfende Bevölkerung, Globalisierung, eine sich ändernde Mode. Doch bis zum Schluss weisen die Skelette in den Gräbern keine Zeichen von Mangelernährung auf, auch die letzten Toten wurden sorgfältig begraben. In den schriftlichen Zeugnissen ist nie die Rede von Hunger, schweren Zeiten oder Untergang. Und so ist das Rätsel um das Ende der Wikinger auf Grönland zwar nicht endgültig gelöst, doch alles deutet darauf hin, dass es still gekommen ist. Indem den jungen Leuten das Leben auf Grönland einfach zu mühselig wurde, sodass sie nach Norwegen gingen oder Island. Manche der Alten zogen mit ihren Kindern fort, andere blieben - wie in einsamen Bergdörfern des Apennins. Und schließlich waren die Wikinger auf Grönland einfach verschwunden. Einfach so. Ohne Drama.

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