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StartseiteKultur heute"Nichts dient dem Spracherwerb so sehr, wie der Kontakt mit Menschen"23.04.2016

Frühjahrstagung zur Spracharbeit"Nichts dient dem Spracherwerb so sehr, wie der Kontakt mit Menschen"

Welche Arbeit haben Flüchtlinge zu leisten, wenn sie Deutsch lernen? Welche neuen Methoden der Sprachermittlung werden derzeit in der Praxis erprobt? Nichts sei so wichtig für den Spracherwerb wie der möglichst kontinuierliche Kontakt mit Menschen, und zwar nicht nur im Sprachunterricht, sagte der Lyriker und Übersetzer Heinrich Detering im DLF.

Heinrich Detering im Gespräch mit Henning Hübert

Literaturwissenschaftler Heinrich Detering vor einer Matinee zur Erinnerung an Günter Grass in Göttingen  (picture alliance / dpa / Sven Pförtner)
Literaturwissenschaftler Heinrich Detering im Juni 2015 (picture alliance / dpa / Sven Pförtner)
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Henning Hübert: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hält zurzeit ihre Frühjahrstagung zur Spracharbeit ab – Titel "Von Sprachpflegern, Dichtern und Eingewanderten" - und hat sich dazu das Städtchen Köthen in Sachsen-Anhalt ausgesucht. Köthen – da war doch mal was: Bachs Kapellmeisterstelle, Hahnemanns Globuli. Aber eben auch: Köthen als ein Hort der Sprachpflege.

Vor fast genau 400 Jahren begann in Köthen aus die "Fruchtbringende Gesellschaft" - heute würde man sagen - ihr "Networking", zumeist unter protestantischen Adeligen. Die Fruchtbringende Gesellschaft sollte der Verwirklichung ethischer und sprachlich-literarischer Ziele dienen – und das kann der heutige Präsident ja auch über seine Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sagen.

"Vorstellung eines reinen Deutsch mit Empörung abgewiesen"

Den Göttinger Literaturwissenschaftler, Lyriker und Übersetzer Heinrich Detering habe ich gefragt: Wenn die Sprachpfleger einst von einer reinen, puren Sprache träumten, dazu von grammatischer Richtigkeit, würden sich die "Fruchtbringer" von damals an unserem Deutsch von heute laben und erfreuen können?

Heinrich Detering: Die Frage des Sprachpurismus, Herr Hübert, ist gestern ein Hauptthema gewesen, und zwar in der historischen Perspektive auf diese 400-jährige Geschichte seit der Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft bis heute in die unmittelbare Gegenwart. Und wir sind uns alle einig, ich glaube auch die Fruchtbringer von damals, dass wir einen Sprachpurismus im Sinne eines reinen, ungestörten Deutsch überhaupt nicht wollen, sondern ganz im Gegenteil offen sein wollen für die Bereicherungen der deutschen Sprache durch Einflüsse aus anderen Sprachen.

Die Fruchtbringende Gesellschaft selbst ist ja schon nach dem Vorbild der italienischen Accademia della Crusca in Florenz gegründet worden. Italienisch spielte eine gewisse Rolle auch in dieser deutschen Akademie. Wir haben gestern gehört, wie bei Goethe vor allen Dingen mit der Weimarer Klassik diese Vorstellung eines reinen Deutsch als Fiktion geradezu mit Empörung abgewiesen worden ist, und das ist eigentlich das, was wir uns zu eigen machen.

Anglizismen bereichern die deutsche Sprache

Hübert: Das zieht sich durch. - Wie sieht es denn aus beim Sprachreichtum? Nehmen wir mal - heute ist Shakespeares 400. Todestag - das englische Verb to make, machen. Das macht, so scheint es, gerade den Platzhirsch bei uns und verdrängt ja auch rasant viele andere Verben. Macht, besser bereitet Ihnen so was auch Sorge?

Detering: Nein, ganz grundsätzlich nicht. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat ja vor gar nicht langer Zeit ihren ersten Bericht zur Lage der deutschen Sprache vorgelegt und da haben wir den Anglizismen, eben solchen Ausdrücken wie Sinn machen, make sense, oder anderen Anglizismen besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Und wir sehen gerade in der Art, wie das Deutsche der Gegenwart das Englische sich sozusagen einverleibt und aneignet, einen oft besonders gelungenen Prozess von Transformation, von Bereicherung der Sprache. Dass es immer scheußliche, hässliche Ausnahmen gibt, ist selbstverständlich. Da kann die Deutsche Bahn oder die Deutsche Telekom allerlei Beispiele beisteuern. Aber die Erfahrung zeigt, dass die von der Sprachgemeinschaft selbst relativ schnell wieder ausgeschieden, vergessen werden.

Hübert: Ein weiterer Tagungsschwerpunkt bei Ihnen ist der Punkt Einwanderung und Spracherwerb gewesen. Wo drückt Ihnen denn da der Schuh?

Detering: Wir haben vor allen Dingen gefragt, wo der Schuh drückt. Der Titel der Tagung "Spracharbeit" bezieht sich ja nicht nur auf die Arbeit von Germanisten, von Wörterbuchmachern oder von Deutschlehrern, sondern auch auf die Arbeit, die die zu uns gekommenen Geflüchteten zu leisten haben, wenn sie diese Sprache erlernen wollen.

Kontakt mit Menschen, nicht nur im Sprachunterricht

Und wir haben deshalb eine ganze Reihe unterschiedlicher Praktiker eingeladen, die neue Methoden der Sprachvermittlung an Ausländer in Deutschland erproben, und haben uns von ihnen berichten lassen, wo sie die Probleme sehen und welche Lösungsvorschläge sie dafür haben, und das war ein ganzer Fächer von ziemlich aufregenden und auch unterhaltsamen Vorschlägen, die uns sehr viel Mut gemacht haben.

Männliche Flüchtlinge sitzen am 24.09.2015 während einer Unterrichtsstunde in einem Klassenraum der Berufsbildenden Schule (BBS) 6 der Region Hannover (Niedersachsen). (dpa / picture-alliance / Holger Hollemann)Sprachunterricht ist wichtig, aber der Kontakt mit Menschen ist noch wichtiger, um Deutsch zu lernen (dpa / picture-alliance / Holger Hollemann)

Hübert: Mir fallen da die Stichworte ein: Mangel an Leihmaterial in Bibliotheken, maue Bezahlung der Lehrkräfte, schlechte Verträge. Wo drückt da der Schuh?

Detering: Am meisten drückt er überraschenderweise gar nicht in diesen Dingen, sondern viel stärker in der Frage, die von den Linguisten, den Psychologen, den Soziologen besonders in den Vordergrund gestellt worden ist, nämlich persönliche Kontakte. Nichts dient dem Spracherwerb bei der zweit- oder Drittsprache so sehr, wie der möglichst kontinuierliche Kontakt mit Menschen in der Sprache, die erlernt werden soll, und zwar nicht nur im Sprachunterricht, also in solchen definierten Schulsituationen, sondern in alltäglichen Umgangssituationen, in Unterhaltungen im Café, in der Kneipe, im Kino, so etwas.

Das ist das, was vielleicht am stärksten helfen würde, wenn es da eine noch größere Offenheit gäbe, als es sie an vielen Orten unter den vielen Hilfsbereiten schon gibt. Deutschkurse allein sind sehr wichtig, aber nicht das Ausschlaggebende.

Hübert: Würden Sie sagen, wird es immer wichtiger, gut Deutsch sprechen zu können, wenn man es mal braucht? Ist das karriereentscheidend?

Sprache ist keine Einbahnstraße

Detering: Das ist so offensichtlich, dass man darüber keine Tagung veranstalten muss. Wichtiger ist es, sich zu fragen, welche Standards sind es, die wir unbedingt vermitteln wollen? In welchem Bereich liegen die, zum Beispiel eher im Wortschatz, oder im Beherrschen grammatischer Grundstrukturen?

Wichtig ist auch die Frage, wie weit sind wir in der Lage, als Sprachgemeinschaft neue Impulse aufzunehmen, uns Wörter anzueignen oder sprachlich kodifizierte Verhaltensweisen zu integrieren? Das ist ein Prozess, der auch auf Gegenseitigkeit funktioniert und nicht nur als Einbahnstraße.

Hübert: … sagt Heinrich Detering, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Die vergibt nicht nur den Georg-Büchner-Preis für deutschsprachige Literatur, sondern heute Abend auch den Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung - er wird an Anne Weber gehen - und den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland - der wird an den polnischen Germanisten Hubert Orlowski verliehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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