Dienstag, 27. September 2022

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Frühzeitige Aufklärung
Doping in der Schule

Neben den Profis greifen inzwischen auch viele Freizeit- und Breitensportler zu Doping-Mitteln. Und offenbar auch immer mehr Schüler, wie eine Befragung der Deutschen Sporthochschule in Köln ergeben hat. Sie wollen vor allem Eines: Auf dem Schulhof eine gute Figur machen! Und dafür gehen sie große Gesundheitsrisiken ein.

Von Thomas Samboll | 10.06.2016

    Schüler an einem Gymnasium sitzen nebeneinander auf einer Tischtennis-Platte.
    Kraftsteigerungsmittel sind bei Teenagern immer beliebter (dpa/Frank Rumpenhorst)
    Volkan und Aycam hatten ein Problem. Die beiden Neuntklässler, sind zwar richtig coole Jungs, mit Baseballcaps und schicken Turnschuhen und so. Aber die beiden Schüler einer Stadtteilschule im Hamburger Norden fühlten sich ganz einfach zu dick. Um schlanker zu werden, gingen sie ins Fitness-Studio:
    "Und vor ungefähr einem halben Jahr haben wir dann auch halt diese Kraftsteigerungsmittel genommen."
    "Die haben einen Inhaltsstoff, das ist so eine Droge, Amphetamin..."
    "Und Ephidrin ist da auch, glaube ich, mit drin."
    Körper ist von zentraler Bedeutung
    Davon hatten die beiden, deren Nachnamen nicht genannt werden sollen, jedoch damals keine Ahnung. Sie wollten einfach nur so einen "coolen Body" bekommen wie die anderen im Fitness-Center. Die Wirkung ließ auch nicht lange auf sich warten – aber anders, als es sich Volkan und Aycam vorgestellt hatten...:
    "Und dann haben wir halt auch mal einen Bluttest gemacht, weil wir wirklich gedacht haben: Okay, jetzt müssen wir halt auch mal unseren Körper testen, ob da wirklich noch Alles mit okay ist. Und bei ihm waren die Leberwerte zu hoch. Und bei mir etwas. Und ich hatte auch zu dickes Blut...."
    "Also ich hab´ manchmal einfach so Herzrasen. Und ich hab´ einen Termin beim Kardiologen, damit ich mich testen lasse."
    "Wir sind uns danach erst bewusst geworden, was da überhaupt drin ist, als wir mit unserem Lehrer gesprochen haben."
    Das sie überhaupt zum Arzt gegangen sind, haben sie nämlich auch ihrem Lehrer Tom Krietsch zu verdanken. Der Pädagoge unterrichtet Sport und Naturwissenschaften. Dabei geht es immer wieder auch um das Thema "Doping", denn:
    "Die sind jetzt in einem Alter, wo der Körper immer von zentralerer Bedeutung wird auch für das andere Geschlecht. Und ich glaub´, daraus resultiert eine Menge Interesse. Das ist, glaub´ ich, der Hauptgrund dafür. Und deswegen auch das Interesse an diesen Stoffen, die vielleicht das ein bisschen beschleunigen, diesen Prozess. Und wenn man sich im Internet da umschaut, die Werbung, die dazu betrieben wird, deutet ja eindeutig in diese Richtung. Und ich glaub´, da lassen sich auch Viele durch beeinflussen."
    Im Sportprofil bei seiner Kollegin Petra Holst ging es zum Beispiel um das Hormon "Testosteron". Anhand von Arbeitsbögen sammelten die Schüler erste Informationen, anschließend interviewten sie sich gegenseitig zu dem Thema und diskutierten die Ergebnisse. Tom Krietsch:
    "Es resultiert aus dem Unterrichtsgeschehen. Und jetzt ist es zunehmend so, dass einige der Schüler, unabhängig, ob ich die jetzt sogar im Unterricht habe oder nicht, in der Pause auf mich zukommen oder, wenn wir die Klasse betreten, dass dann auch klassenfremde Schüler mit reinkommen und dann Fragen stellen."
    Auch Volkan und Aycam konnten Fragen stellen und haben so eine Menge über die gefährlichen Nebenwirkungen von Dopingmitteln erfahren, wie zum Beispiel Herzrhythmusstörungen, Leber- und Nierenschäden, die im schlimmsten Fall tödlich sein können. Seit dem Aufklärungsunterricht in der Schule äßen sie nach dem Training nur noch Magerquark, sagen sie... Und Tom Krietsch ergänzt:
    "Ich glaube schon, dass das ein gutes Thema ist, weil man damit auch letzten Endes die Kinder da abholt, wo sie sich im Moment befinden. Also gerade mit den Fitness-Studios, letzten Endes greift das immer mehr um sich. Vielleicht werden hier die Weichen gestellt. Und vielleicht hat Schule da schon den Auftrag, letzten Endes dagegen zu steuern."
    Gesundheitserziehung als Präventionsfach?
    Das glaubt auch der Doping-Experte Michael Sauer von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Biochemiker und seine Kollegen machen seit einigen Jahren selbst verstärkt Aufklärungsarbeit in Schulen. Eine Studie der Wissenschaftler hatte zuvor alarmierende Ergebnisse geliefert:
    Dass zum Beispiel acht Prozent der Schüler regelmäßig Aufputschmittel oder Beruhigungsmittel nehmen, zirka sieben Prozent Schmerzmittel nehmen, und bei anabolen Steroiden haben wir ca. 7 Prozent rauskristallisieren können, die das schon mal genommen haben. Das Thema ist mehr präsent..."
    Findet sich aber in den Lehrplänen in der Regel bislang noch nicht wieder. Experten wie Michael Sauer fordern deshalb, dass Doping-Prävention im Unterricht einen festen Platz bekommt, zum Beispielin Form eines neuen Fachs Gesundheitserziehung. Volkan und Aycam jedenfalls haben an ihrer Schule schon eine Menge über Doping gelernt. Und wollen damit in Zukunft nichts mehr zu tun haben!
    "Wir beide wollen jetzt nicht solche Ochsen werden, also solche Tiere, so richtig breit. Die meisten Mädchen stehen halt nicht auf solche Muskelpakete halt. Und ja, die stehen halt auf den Charme..."