Archiv

Fünf Jahre nach dem IrakkriegDas Trauma prägt Obamas Außenpolitik

Vor fünf Jahren, am 1. September 2010, beendete US-Präsident Barack Obama den Irakkrieg. Damit erfüllte er das wichtigste außenpolitische Versprechen seines Wahlkampfes. Bis heute prägen die traumatischen Erfahrungen des Krieges sein Handeln.

Von Martin Ganslmeier | 01.09.2015

US-Präsident Barack Obama während einer Rede in New Orleans.
Obamas Außenpolitik ist der Gegenentwurf zu Bushs "Politik der imperialen Überdehnung" (AFP / Brendan Smialowski)
Am 1. September 2010 wandte sich US-Präsident Obama an die amerikanische Nation, um Vollzug zu melden: "Heute kündige ich Ihnen an, dass der amerikanische Kampfeinsatz im Irak beendet ist." Und von heute an - so Obama weiter - "sind die Iraker verantwortlich für die Sicherheit ihres Landes".
Fünf Jahre danach sind die meisten Politikwissenschaftler in den USA überzeugt, dass Obamas Abzug der US-Soldaten aus dem Irak zu schnell erfolgte. Die irakische Regierung unter dem schiitischen Präsidenten Nuri al-Maliki erwies sich als unfähig, das Land zu stabilisieren. Doch vor fünf Jahren waren Obama und die große Mehrheit der US-Bürger einfach nur froh, das schwere Erbe der Bush-Regierung loszuwerden. Denn die Bilanz des Irak-Kriegs übertraf die schlimmsten Befürchtungen: Bis zu 190.000 Tote. Unvorstellbar hohe Kosten über 1,7 Billionen Dollar. Und nicht die Demokratie im Irak und das Ansehen Amerikas wurden gestärkt, wie es Bush versprochen hatte, sondern radikale Islamisten. Der demokratische Senator Ted Kennedy kam zum Fazit: "Irak ist Bushs Vietnam!"
Der Gegenentwurf zur Bush-Politik
Obama entwickelte seine Außenpolitik als Gegenentwurf zu Bushs "Politik der imperialen Überdehnung". Mehr Diplomatie wagen und weniger mit dem dicken Knüppel drohen. Keine US-Bodentruppen, allenfalls unbemannte Drohnenangriffe. Zumal sich Obama endlich um die Hausaufgaben im eigenen Land kümmern wollte. Schnell aber wurde deutlich, dass es für die einzig verbliebene Supermacht keine Auszeit von der Weltpolitik gibt. Als der Bürgerkrieg in Syrien eskalierte, drohte Obama dem Assad-Regime mit militärischem Eingreifen:
"Eine rote Linie ist für uns, wenn eine ganze Menge chemischer Waffen bewegt oder eingesetzt wird. Das würde meine Einschätzung verändern."
Kein Alleingang von Obama
Doch Obama lässt seine Drohung verpuffen, obwohl Assad Chemiewaffen gegen seine Bevölkerung einsetzt. Als Großbritanniens Unterstützung ausbleibt, verzichtet Obama auf einen militärischen Alleingang. Während die Bush-Regierung im Irak-Krieg auf multilaterale Abstimmungen wenig Rücksicht nahm, folgt Obama seiner außenpolitischen Doktrin "leading from behind" - "Führen vom Rücksitz aus". In Libyen und Nordafrika überlässt er Frankreich die Führung. Im Ukraine-Konflikt und in der Griechenland-Krise lässt er Bundeskanzlerin Merkel ran. Und wie sie schließt er eine militärische Antwort auf das Ukraine-Problem kategorisch aus - trotz heftiger Kritik in den USA.
Noch wird Obamas militärische Zurückhaltung von der Mehrheit der US-Bürger unterstützt. Allerdings wächst der Eindruck, Amerika sei schwächer als früher und habe an Einfluss verloren. Die Republikaner geben Obama sogar eine Mitschuld an der Schreckensherrschaft des Islamischen Staates und der Massenflucht aus Syrien. Der übereilte Truppenabzug aus dem Irak und das Nichteingreifen in Syrien hätten das gegenwärtige Chaos überhaupt erst ermöglicht. Vermutlich werden sich künftig die Historiker streiten, was schlimmer war: Bushs imperiale Überdehnung oder Obamas "Führen vom Rücksitz aus".