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FullDome Festival
Eingebettet unter der Kuppel

Vom 18. bis 22. Mai findet in Madrid das erste "Immersive Festival" statt. Zu sehen sind spezielle 360-Grad-Kuppelprojektionen, die dem Zuschauer das Gefühl geben, selbst in das Bild einzutauchen. Solche Fulldome-Videos sind auch für Planetarien interessant. Das Zeiss-Großplanetarium in Berlin hat da schon konkrete Pläne.

Von Rebecca Hillauer | 18.05.2016

    Das Berliner Zeiss-Großplanetarium im Frühjar 2016
    Das Berliner Zeiss-Großplanetarium im Frühjar 2016 (dpa / Sebastian Schachel)
    Die Macher des Immersive Festivals in Madrid wollen einen großen Schritt weitergehen - und die FullDome-Technologie auf konventionelle Kinoformate ausweiten. So werden in der Kuppel auf dem Campus der Universidad de Complutense auch Spiel- und Kurzfilme im 360-Grad-Format zu sehen sein.
    "Alle sprechen über VR, also Virtuelle Realität mit diesen Brillen, die alle aufhaben und ganz lustig aussehen. Das sind alles auch 360-Grad-Videos: Man kann sich umdrehen, in alle Richtungen schauen - aber es ist immer nur eine einzelne Person, die das wahrnimmt. Die Kuppel hingegen: Da haben sie 100, 200, 300 Leute sitzen, die gemeinsam diese virtuelle Realität erfahren können. Da entsteht eine neue Industrie, Hollywood schaut drauf. Wir kommen aber aus der didaktischen pädagogischen Seite. Und da ist das spannende Feld, dass man zueinander findet und dieses Medium auslotet."
    Tim Horn, Leiter des Zeiss-Großplanetariums in Berlin, hat Multimedia-Produktion in Kiel studiert. Der Mediendom auf dem Campus der dortigen Fachhochschule gilt als Vorreiter in Sachen Ganzkuppeltheater. Seine 360-Grad-Multimediatechnik kann wie ein Planetarium genutzt werden. Aber auch allgemeine wissenschaftliche Vorträge, Musik- und Theateraufführungen sind unter dem künstlichen Sternenhimmel möglich. Tim Horn will dieses Konzept nun künftig im Berliner Zeiss-Großplanetarium umsetzen. Im Fokus hat er dabei ein "Wissenstheater", das weit über den Tellerrand der Astronomie hinausgeht:
    Auch der emotionale Zugang zur Wissenschaft ist wichtig
    "Leute fragen sich, was ist Fracking? Leute fragen sich, wie das jetzt hier mit dem Klimawandel in unserer Umgebung funktioniert. Und dafür brauchen wir neue Formate und ein neues Herangehen an die Wissenschaft - und das können wir in der Planetariumskuppel. Wir können Daten, Messwerte, Simulationen der Wissenschaft auf der Kuppel so visualisieren, dass der Wissenschaftler was davon hat, und seine Daten besser durchdringt, und gleichermaßen der Zuschauer versteht, warum diese Wissenschaft eigentlich betrieben wird. Denn es reicht nicht, dass wir, ja, mit dem Gehirn, mit dem Denken versuchen, alles zu erfassen, sondern der emotionale Zugang zur Wissenschaft, der emotionale Zugang zu unserem Platz im Kosmos ist ebenso wichtig."
    Am Planetarium in San Francisco konnte Tim Horn vor einigen Jahren praktische Erfahrung sammeln. Er begleitete dort die Realisierung eines FullDome-Theaterstücks über den deutschen Astronomen und Naturphilosophen Johannes Kepler.
    Die amerikanische Performance- und Theaterkünstlerin Nina Wise hat das Stück geschrieben und inszeniert. Die Cellistin Zoe Keating schrieb die Musik. Stefan Berke und Jan Zehn, zwei Multimedia-Designer aus Jena, sorgten für die visuelle Umsetzung. Inspiriert zu dem Stück wurde Nina Wise von einem befreundeten Wissenschaftler.
    "Er ist, so wie ich, der Ansicht, dass wir vor einem Paradigmenwechsel in der Wissenschaft stehen. Wir beginnen zu begreifen, dass in unserer Welt alles mit allem zusammenhängt. Dass, wenn wir die Herausforderungen des Klimawandels meistern wollen, wir Wirtschaft und schmelzende Gletscher nicht mehr getrennt betrachten dürfen. Deshalb zeigen wir diesen Wissenschaftler, der schon im 17. Jahrhundert eine ganzheitliche Sichtweise auf das Universum hatte. Kepler sprach von kosmischen Beziehungen und Harmonien im Kosmos – und darum geht es in unserem Stück"
    Erleuchtung Kepplers miterleben
    "Wenn man sich solche Projekte anguckt wie Kepler, dann ist das einerseits ein Theaterstück, das auf einer Bühne funktionieren kann - aber in der Kuppel noch besser funktioniert. Weil Sie diesen Kenntnisgewinn, den Kepler über sein Leben hinweg gewinnt - diese Erleuchtung, die da passiert -, auch in der Kuppel miterleben können.
    "Zum Beispiel, als er herausfindet, wie Schneeflocken entstehen. Er geht eines Abends über die Karlsbrücke in Prag - und in unserem Stück sieht man über sich die Sterne und den Himmel wie in einem Planetarium. Und dann fängt es an zu schneien. Und diese wunderschönen dicken 3D-Schneeflocken fallen um einen herum. Man ist wie eingebettet in ihnen, während er seine Entdeckung macht."
    Nach erfolgreichen Inszenierungen in den USA wollen Nina Wise und Tim Horn das Kepler-Stück im kommenden Jahr nach Deutschland bringen. Wie die Madrider Festival-Macher sind auch sie davon überzeugt, dass die FullDome-Technologie eine große Zukunft hat. In Madrid kann man während des Festivals sogar in Meisterklassen das 360-Grad-Filmemachen lernen.
    Nachts können die Besucher dann tanzen - unter FullDome-Projektionen und zu Musik, die DJs und visuelle Künstler gemeinsam erarbeitet haben.