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StartseiteSonntagsspaziergangWas vom Reisen übrig bleibt05.05.2019

Fundbüro der Deutschen BahnWas vom Reisen übrig bleibt

Fahrräder, Zahnprothesen oder auch mal ein Kilo Koks – jedes Jahr lassen Reisende rund 250.000 Gegenstände in Zügen liegen. Sie landen im zentralen Fundbüro der Deutschen Bahn. Wenn die Eigentümer nicht auffindbar sind, werden die Fundstücke versteigert. Besonders bei Koffern ist die Spannung groß.

Von Klaus Deuse

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Der Leiter des Fundbüros der Deutschen Bahn Udo Feld schaut sich in der zentralen Fundstelle einen vergessenen Vogelkäfig an (picture alliance / dpa Themendienst / Caroline Seidel)
Vergessene Vogelkäfige zählen auch zu den vielen Fundstücken, die Udo Feld als Leiter des Fundbüros der Deutschen Bahn verwaltet (picture alliance / dpa Themendienst / Caroline Seidel)
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Wer verreist, der weiß: Mit dem menschlichen Gedächtnis verhält es sich im Prinzip wie mit der Deutschen Bahn: Es ist nicht immer darauf Verlass. Andererseits: Selbst wenn die Bahn zu spät kommt, so schnell kommt bei dem Schienen-Unternehmen nichts weg. Also Gegenstände, die eilige Reisende beim Aussteigen vergessen. Man staunt nicht schlecht, was Menschen im Reisefieber alles in Zügen liegenlassen. Von den Notenblättern einer Opernsängerin über das Surfbrett bis zur Zahnprothese. Nicht weniger als 250.000 Fundstücke aller Art sammelt die Bahn jedes Jahr ein.

Aber auch wenn die Besitzer ihren Verlust nicht umgehend melden, geht nichts gleich über die Wupper, sprich endgültig verloren, sondern landet in Wuppertal. Im Zentralen Fundbüro der Bahn. Für den langjährigen Leiter Udo Feld und seine Mitarbeiter gibt es dann jede Menge zu sortieren - trudeln im Monat doch immerhin über 6.000 Beweisstücke für Vergesslichkeit aus allen Winkeln der Republik ein. Mit Fahrrädern oder Flachbildfernsehern kennt man sich aus, aber bei manchen Gegenständen müsse man sich selbst erst einmal schlaumachen, um was es sich handelt, sagt Udo Feld.

"Wir haben hier einen Turbidimeter. Das ist so ein Wasseranalysegerät. Es gibt nichts, was wir nicht haben." Ohne dieses teure Gerät aus dem Zug zu steigen, fielen für den schusseligen Fachmann die nächsten Analysen zwangsläufig ins Wasser. Und was da in Wuppertal alles an herrenlosen Instrumenten lagert, dafür fehlen einem einfach die Töne.
 
"Es geht los mit einer schönen Trommel, wir haben Gitarren, wir haben Blockflöten, wir haben Posaunen, Violinen, Geigen. Wir haben ein gesamtes Orchester. Nur die Spieler fehlen", bedauert Udo Feld mit einem Schmunzeln. Bei anderen Gegenständen zeigt er sich dagegen erleichtert, dass der Inhalt fehlt.
 
"Ja, das ist ein Tierkäfig, ne Hundebox. Die ist relativ groß. War Gottseidank auch ohne Hund." Unter dem Aspekt darf man aufatmen, dass Eltern beim Aussteigen wenigstens ihre Kinder mitgenommen haben und nur die Kindersitze vergessen haben, die sich ebenfalls im Zentralen Fundbüro in Wuppertal befinden. 

Mützen, Laptops und Diverses

Aber was heißt hier schon Fundbüro. Das ist bei 1.400 Quadratmetern, verteilt auf über drei Etagen, die pure Untertreibung. Hier kann man sich zwischen der Abteilung "Liegender und hängender Kleidung" leicht verlaufen. Liegend - das sind zighundert Wollmützen, Handschuhe und Schals, die bevorzugt im Winter die Regale füllen. Hängend ist die Jackensaison von Mai bis Mitte November. Und zwischendrin die Abteilungen für Fahrräder, Handys und Laptops sowie Diverses. Wie etwa Skateboards, Surfbretter und Nachweise dafür, dass auch Premium-Kunden mit der Bahn fahren und dennoch ihre sperrigen Utensilien aus dem Auge verlieren. "Das ist eine komplette Golfausrüstung. Mit zwei, vier, sechs Schlägern. Aber wir konnten keine passende Verlustmeldung finden."

Auch nicht für 400.000 Euro, die in Plastiktüten steckten. Die flossen herrenlos letztlich in die Staatskasse. Ein gutes Dutzend Mitarbeiter in Wuppertal bemüht sich in detektivischer Kleinarbeit, die Besitzer der gestrandeten Fundstücke zu finden. Bei den Laptops gelingt das in fast 90 Prozent der Fälle. Kein Wunder, dass man darauf stolz ist. Ansonsten kommen die nicht vermittelbaren Gegenstände nach 70 Tagen unter den Hammer, werden versteigert. Von Ausnahmen abgesehen, bedauert Udo Feld mit hörbarer Ironie: "Wir hatten auch schon mal gut ein Kilo Koks. Hätte ja auch meinen Versteigerungserlös gut nach oben gebracht. Nein, das geht natürlich direkt an die Polizei."

Koffer voller Überraschungen

Und natürlich kommt nicht alles unter den Hammer von Auktionator Walter Schreiner, der seit über zehn Jahren erst mal hinein schaut, was in retournierten Koffern steckt: "Wir passen auf. Keine schmutzige Unterwäsche oder Drogen oder Waffen oder kaputte Sachen. Verschlissene Kleidungsstücke kommen bei uns nicht zur Versteigerung."

Im Grunde eigentlich Wundertüten, also bereinigte Kofferinhalte, denn die Ersteigerer können nicht ahnen, was die Fundbüromitarbeiter darin alles aus anderen Koffern mit darin eingepackt haben. Allerdings weiß ein alter Hase wie Walter Schreiner sehr genau, was er mit dem Inhalt für die Bahn-Kasse herausholen kann.
 
"Also es ist ja so. Ich bin auch viel in der Stadt unterwegs und geh einkaufen, shoppen. Und dann sieht man dann die Preise draußen. So, wenn man dann selbst hier arbeitet und packt aus, dann sieht man schon: Ist das ein Lacoste, ist das ein normales T-Shirt von Kik oder so was. Sind das exklusive Uhren, so was kann man schon erkennen."

Einzigartiges von Jung und Alt

Bei bestimmten Fundstücken gewährt Fundbürochef Feld jedoch zeitlich eine Gnadenfrist. Bei sogenannten Treibern wie Plüschteddys, die er als Vater selber kennt.

"Die treiben die Eltern manchmal in den Wahnsinn. Da kümmern sich die Eltern drum, dass das vielleicht noch zurückgegeben wird. Deswegen sind wir hier wegen der Verwertung etwas vorsichtiger. Sie können es zwar neu kaufen. Aber so ein Ding muss immer riechen, schmecken, muss sich anfühlen. Und das weiß das Kind. Wenn Sie versuchen, das Kind zu veräppeln, dann kommt da nix bei raus."

Um im Bild zu bleiben: Bei älteren Bahnkunden kommt auch oft nix bei der Suche heraus, obwohl die eigentlich früh gemerkt haben müssten, was ihnen abhanden gekommen ist.

"Zahnprothesen und Beinprothesen. Das ist also, ja kurios. Man wundert sich nur, wie die Leute dann im Speisewagen sitzen und die Zähne nicht drin sind, ja."

Nach dem Rundgang durch das Fundbüro und der Vielzahl der gesichteten Gebisse steht es mir natürlich nicht zu, zu beurteilen, ob das nur an der Vergesslichkeit der Bahnreisenden oder womöglich auch an der Qualität der in der Bahn servierten Gerichte liegen könnte. Nur: was Menschen alles in der Bahn liegen lassen, das spricht auch Bände darüber, unter welchem zeitlichen Druck man bei Reisen steht. Egal ob im Nah- oder Fernverkehr.

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