Freitag, 02. Dezember 2022

Trainerwechsel in der Bundesliga
"Die Bundesliga ist die Liga der Enttäuschten"

Nach nur fünf Spieltagen musste Trainer Domenico Tedesco bei RB Leipzig gehen. "Da verstehe ich die handelnden Personen nicht", sagte der Journalist und Fußball-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling im DLF. Er wünsche sich bei den Vereinen mehr Weitsicht.

Dietrich Schulze-Marmeling im Gespräch mit Matthias Friebe | 10.09.2022

Trainer Domenico Tedesco musste bei RB Leipzig nach nur fünf Spieltagen gehen.
Trainer Domenico Tedesco musste bei RB Leipzig nach nur fünf Spieltagen gehen. (IMAGO / Picture Point LE / IMAGO / Sven Sonntag)
Nach nur fünf gespielten Spielen in der Fußball-Bundesliga, musste Trainer Domenico Tedesco gehen. Dabei hatte er im vergangenen Jahr die Leipziger noch zum Gewinn des DFB-Pokals und ins Halbfinale der Europa League geführt. Nach einem schwachen Start in die neue Saison wurde er nun von Marco Rose ersetzt.
Als Journalist und Buchautor Dietrich Schulze-Marmeling von der Entscheidung in Leipzig hörte, schrieb er, dass er den Fußball hasse. Ihn störe vor allem "diese Kurzlebigkeit, diese unglaubliche Aufregung, diese Debatten ständig darum, wessen Stuhl gerade wackelt. Wer wird als Nächster entlassen?", so Schulze-Marmeling im Deutschlandfunk.

Trainer-Diskussionen ein Medienthema

Trainer-Diskussionen seien auch ein Medienthema, sagte er. "Ich glaube auch, dass die Vereine manchmal auf Druck der Medien reagieren, was nicht gerade für die Seriosität der Vereine spricht. Ich will da kein Pauschalurteil fällen, aber ich merke manchmal, es gibt bei den Medien eine Lust, dieses Personalkarussel mit anzufeuern."
Die Bundesliga sei für Trainer ein schwieriges Pflaster. "Nehmen wir mal das Beispiel Tedesco. In Freiburg würde so etwas nicht passieren weil die Freiburger sich in einem ganz anderen Rahmen bewegen. In Freiburg kann man als Trainer auch mal absteigen. Das ist eine Ausnahmesituation. In Leipzig, bei einem Champions-League-Club, entsteht gleich Panik, weil man drei, vier, fünf Punkte hinter einem Champions-League-Platz rangiert. Für Leipzig ist alles jenseits von Platz vier eine große Enttäuschung."

"Verstehe die handelnden Personen nicht"

Schulze-Marmeling frage sich auch, was in Leipzig vor der Saison passiert sei. "Hat man in der Kaderzusammenstellung kooperiert? Man wollte ja wohl mit Tedesco verlängern. Jetzt hört man, man habe am Ende der Saison Zweifel an seiner Arbeit gehabt. Da verstehe ich auch die handelnden Personen nicht. Ich weiß auch nicht, ob Herr Mintzlaff in dieser sich selbst angedichteten Rolle als Sportdirektor der Richtige ist."
Ein Gegenbeispiel sei Borussia Dortmund in der Saison 2014/15 gewesen, als man unter Jürgen Klopp nach der Hinrunde Vorletzter war. Dennoch durfte Klopp weitermachen und hat den BVB am Ende auf Rang sieben geführt. "Also so geht es auch und das ist etwas, was ich manchmal einfach nicht verstehe bei den Clubs."

"Was habt ihr eigentlich geplant?"

Dass Bayer Leverkusen trotz sportlicher Krise noch an Trainer Gerardo Seoane festhalte, findet Schulze-Marmeling "sympathisch". Seine Kritik an die Vereine sei eher: "Was habt ihr eigentlich geplant? Wo sind die Leitplanken, in denen ihr euch bewegt, dass bei einem Drittel der Bundesliga-Vereine nach vier, fünf Spieltagen schon über den Übungsleiter diskutiert wird? Dann ist ja irgendwas in der Planung irgendwas nicht ganz richtig gelaufen. Oder man hat halt überhaupt keine Geduld."
Das Grundproblem sei aber, "dass wir im Fußball nicht akzeptieren, dass jeder Platz in der Liga nur einmal zu vergeben ist und wenn ich Neunter werde, statt Siebter, dass das nicht immer mit schlechter Arbeit zu tun hat, sondern einfach mit der Konkurrenz-Situation. Deshalb ist für mich die Bundesliga die Liga der Enttäuschten. Weil am Ende 50 bis 60 Prozent der Vereine enttäuscht ist, weil sie ihre Ziele nicht erreicht haben. Aber das geht einfach auch gar nicht, weil jeder Platz nur ein Mal zu vergeben ist."