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StartseiteSport am WochenendeVom Flüchtling zum Fußballprofi11.10.2015

Fußball-BundesligaVom Flüchtling zum Fußballprofi

Profi Neven Subotic bewundert den Fußball für seine Grenzenlosigkeit – und musste sich doch für eine Nationalität entscheiden.

Von Moritz Küpper

Der Profi-Fußballer Neven Subotic (Deutschlandradio / Moritz Küpper)
Der Profi-Fußballer Neven Subotic (Deutschlandradio / Moritz Küpper)

In den 90er-Jahren führte der Balkankrieg schon einmal dazu, dass viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen – und viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien ihre Heimat verloren. Aus diesen Familien stammten auch einige heute erfolgreiche Fußballprofis. Luka Modric von Real Madrid spielt für Kroatien, Vedad Ibisevic von Hertha BSC Berlin stürmt für Bosnien-Herzegowina und Neven Subotic, Innenverteidiger bei Borussia Dortmund, lief lange für Serbien auf. In Jugoslawien wären sie in einem Team gewesen. Gerade das Beispiel Neven Subotic zeigt, dass der Fußball grenzenlos ist – und doch Identitäten brauch.

Neven Subotic ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. "Prominente Füchtlinge erzählen", so heißt die Rubrik meistens, in der er auftaucht. Und auch jetzt sitzt er, rund 26 Jahre nachdem er als Einjähriger mit seiner Familie Jugoslawien verließ und zuerst in einem kleinen Dorf im Schwarzwald ankam, im Büro der Neven-Subotic-Stiftung in der Dortmund Innenstadt und führt ein Telefon-Interview, eines von vielen momentan.

Statt von Borussia Dortmund, der Fußball-Bundesliga, muss der Innenverteidiger von Integration erzählen, davon, wie es ist, anzukommen. Und Subotic, lila T-Shirt, ein fein frisierter Bart, dazu kinnlange Haare, die hinter den Ohren anliegen, berichtet. Höflich, mit der Liebe zum Detail. Aber auch davon, wie es ist, wenn plötzlich Schluss ist. So wie bei ihm, 1999.

Abschiebung und Zeit in den USA

Knapp zehn Jahre lebte die Familie da schon in Deutschland, mittlerweile Nahe Pforzheim, war aber nur geduldet – und: "Wir wurden tatsächlich doch abgeschoben, ich war damals zwischen neun und zehn und hatte meine erste Freundin. Die Nora. Ein superliebes Mädchen, die dann noch kurz vor der Abreise einen Brief geschrieben hat und mir erzählte, dass sie nicht möchte, dass ich weggehe und ich weiß noch, dass ich gesagt habe: Ich möchte ja auch nicht weg. Aber meine Eltern gehen – und ich muss leider mit denen mit."

Die Logik eines Kindes. Und so ging Neven, obwohl er sich wohlfühlte, Nora und Freunde hatte, beim TSV Schwarzenberg von der F- bis zur D-Jugend Fußball gespielt hatte, in die USA. Erst nach Salt Lake City, später ging er aufs College nach Miami. Die USA, es waren die prägenden Jahre für Subotic, der heute in Englisch träumt und denkt. Auch in seiner ursprünglichen Heimat, dem heutigen Bosnien-Herzegowina kommt er zurecht, spricht serbo-kroatisch.

Sprache und Kultur kennenzulernen, das hat er selbst auf seinen Reisen gemerkt, sind das Wichtigste für Flüchtlinge. Und ein Ziel. Subotics war Fußballprofi: "Ich bin hierhergekommen, um mir diesen Traum zu erfüllen. Mein Vater wollte Profi werden, seit er ein Kind war. Oder er wollte, dass sein Sohn Profi wird. Und ich habe ihm diesen Traum erfüllen können, der gleichzeitig mein Traum ist und auch bleiben wird."

Rückkehr als Profi

Eben im Jahr 2006, sieben Jahre nach der Abschiebung, kehrte der damals 17-Jährige nach Deutschland zurück, zum FSV Mainz 05. Profi, das war wichtig – nicht das Land: "Mir war in dem Moment nicht wichtig, wo. Ob jetzt England, Italien, Spanien, Frankreich. Aber die Chance war mir wichtig. Ich wusste auch, dass ich eine größere Chance habe in Deutschland, weil ich die Sprache noch sprechen konnte."

Insgesamt 19 Jahre lang ist Subotic jetzt in Deutschland, hat eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Und er hat seine Stiftung gegründet, mit der er in Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Welt, für sauberes Wasser sorgen möchte. All das verbindet ihn mit Deutschland, eine Herzensentscheidung war es dennoch nicht: "Ich fühle mich in der Welt überall zuhause, um ehrlich zu sein. Überall da, wo ich sicher bin. In Deutschland fühle ich mich auf jeden Fall sicher und auch gut aufgehoben."

Dabei ist sein Beruf – Fußball-Profi – letztendlich grenzenlos, die Herkunft zweitrangig: "Wenn wir uns mal die Vielfältigkeit einer Fußball-Mannschaft anschauen, ist das absolut vorbildlich. Denn: Es gibt nicht viele Unternehmen, bei denen die wichtigen Positionen besetzt sind mit so vielen Menschen, die tatsächlich vielleicht nicht in Deutschland geboren sind."

"Ich hätte zu den USA gepasst"

Und doch ist gerade eben auch der Fußball auf Nationalitäten, auf Identitäten angewiesen. Stichwort Nationalmannschaft. Mindestens vier Nationen hatten beim ihm angefragt: Von der U17 bis zur U19 spielte er in US-amerikanischen Jugendnationalmannschaften. Eine Kombination, die gut passte, meint Subotic heute: "Ich hätte zu Amerika ganz gut gepasst. Weil: Was ist Amerika? Ein Land, das Leute erfunden haben, die rübergegangen sind und gesagt haben: Das ist Amerika. Das Land quasi genommen haben. Da waren Italiener dabei, da waren Iren dabei. Das ist ein Land der Migranten."

Doch letztendlich, im Senioren-Bereich, kam das Thema nochmal hoch: "Wer bin ich in Verbindung zu meiner Familie? Ich weiß, meine Familie sind Serben, ich weiß, dass mein Opa nie verstehen würde, wieso ich dann für Amerika spiele. Das mussten wir ihm auch teilweise verheimlichen. Jedenfalls habe ich dann gesagt: Ok, für meine Familie trete ich dann für Serbien auf."

Doch für Subotic, der nach 36 Länderspielen im Nationalteam auch Schluss machte, war dies nur eine Entscheidung für das Trikot: "Ich fühle mich weiterhin als Weltenbummler und weder als Deutscher, noch als Amerikaner noch als bosnischer Serbe." Sondern als ein Mensch, dessen Heimat Familie, Freunde und der Fußball sind.

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