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StartseiteForschung aktuellDas Corona-Risiko bei Großveranstaltungen06.07.2021

Fußball, Konzerte, ClubsDas Corona-Risiko bei Großveranstaltungen

Auf Konzerte, Kulturveranstaltungen oder Partys im Club mussten die Menschen lange verzichten. Denn sie bieten dem Coronavirus gute Bedingungen, sich auszubreiten. Doch in vielen Ländern suchen Forschende inzwischen nach Möglichkeiten, Großveranstaltungen möglichst infektionssicher zu gestalten.

Von Maximilian Brose

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Die Band Orange spielt ein Konzert auf der Seebühne am Großen Dutzendteich vor Zuschauern, die auf ihren eigenen Booten das Konzert verfolgen (picture alliance/dpa | Daniel Karmann)
Testlauf für Großveranstaltungen: Auf der Seebühne am Großen Dutzendteich in Nürnberg wurde untersucht, wie sich Konzerte auch in Coronazeiten durchführen lassen (picture alliance/dpa | Daniel Karmann)
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Als Tim Bendzko im vergangenen August die Bühne betritt, jubeln etwa 1.200 Fans in der Arena Leipzig. Einige schwenken Feuerzeuge im Takt oder singen auf ihren Sitzplätzen lautstark mit. Alles könnte wie vor der Pandemie wirken, wären da nicht die FFP2-Masken - und kleine Messgeräte, die alle Teilnehmenden um den Hals tragen. Die registrieren für die RESTART-19-Studie, alle Kontakte die die Proband:innen bei dem Konzert haben. Und das bei verschiedenen Szenarien, erklärt Studienleiter Stephan Moritz von der Uniklinik Halle. 

"Im ersten Szenario haben wir eigentlich das Konzerterlebnis wie vor der Pandemie durchgespielt. Also wir hatten zwei normale Eingänge für die Halle, und die Besucher saßen Stuhl an Stuhl aneinander."

Lüftungsanlage der Arena am Computer modelliert

Dabei kam eine Person auf dem Konzert im Durschnitt auf neun längere Kontakte, bei denen sich das Coronavirus hätte übertragen können. Bei einem weiteren Szenario gab es acht Einlässe, und die Sitzplätze lagen weit auseinander, da die Halle nur zu 25 Prozent gefüllt war. Dabei hätte man im Schnitt nur noch einen längeren Kontakt pro Besucher:in gemessen. Doch Dr. Moritz Team wollte auch rausfinden, wie sich Viren in Aerosolen verbreiten. Dafür modellierten sie am Computer die Lüftungsanlage der Arena und stellten fest: Die Aerosole von Infizierten flogen in der Simulation nur zu wenigen direkten Nachbarn. Dann versuchten die Forschenden die Lüftungsanlage zu optimieren:

"Und unsere Überlegungen gingen aber in die Hose, denn wir haben eine sehr viel schlechtere Lüftung letztlich produziert. Und haben dann gesehen, dass diese schlechtere Lüftung aber verheerende Auswirkungen hatte, also da haben sich richtige Seen gebildet von den Aerosolen und Wolken. Und wir haben also pro infizierte Person bis zu 100 Exponierte im Umkreis gefunden. Und das hätte zum Superspreader-Event führen können."

Ohne Abstand für mehrere Stunden tanzen

Mit guter Lüftung, FFP2-Masken und halbvollen Hallen wären Sitzkonzerte bis zu einer 7 Tage-Inzident von 50 möglich, ohne das Infektionsgeschehen in die Höhe zu treiben. Das legen Hochrechnungen aus der Studie nahe. Ihre Ergebnisse sind bisher nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Auch konnte sie keine ansteckendere Varianten berücksichtigen, und Schnelltests spielten keine entscheidende Rolle bei den untersuchten Hygienekonzepten. Wie sicher solche Tests ein Konzert machen können, untersuchen mehrere klinische Studien bei Veranstaltungen in der Pandemie. Zu einer hat ein spanisches Forschungsteam kürzlich seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht. Einer der Autoren ist Josep Llibre vom Universitätskrankenhaus in Badalona:

"Wir haben 1000 Teilnehmende für die Studie eingeladen. Alle wurden am selben Tag mit einem Antigenschnelltest getestet. Und wir haben die Gruppen randomisiert: Die eine Hälfte konnte auf das Konzert gehen, die andere Hälfte wurde nach Hause geschickt."

Auf dem Konzert schützten eine gute Belüftung und Masken die Teilnehmenden. Die durften ohne Abstand für mehrere Stunden tanzen. Acht Tage später sollten PCR-Test zeigen, wer sich auf dem Konzert angesteckt hatte:

"Von den 500 Teilnehmenden hatte sich niemand infiziert. Und von den 500 Personen aus der Kontrollgruppe hatten sich zwei infiziert. Daher konnten wir zeigen, dass dieses Konzert kein Super-Spreading-Event war und das die Infektionen durch das Konzert nicht erhöht waren."

Konzertstudien auch in Norwegen und Frankreich

Allerdings sei auf dem Konzert auch keine Person gewesen, die das Virus hätte übertragen können. Ein größeres Test-Konzert mit maskengeschützten 5000 Gästen, allerdings ohne Kontrollgruppe, überwachte Josep Llibres Team im März in Barcelona. Auch hier wurden potentiell infektiöse Teilnehmende vorher mit Schnelltests aussortiert. Später scannten die Forschenden die Daten der Gesundheitsbehörden darauf, wer von den Teilnehmenden an Covid-19 erkrankt war:

"Die Rate an Covid-19-Diagnosen war etwa halb so hoch wie die in der Bevölkerung allgemein. Das hat aber eine statistische Verzerrung, da wir nur Teilnehmende mit einer Covid-19-Diagnose berücksichtigen konnten, aber keine asymptomatischen Fälle. Aber das Experiment hat gezeigt, dass das Konzert nicht die Anzahl an Covid-19-Diagnosen erhöht hat." 

Ähnliche Konzertstudien führten Forschende auch in Norwegen, Frankreich und den Niederlanden durch. Die Ergebnisse haben sie noch nicht veröffentlicht. In Großbritannien tanzten sogar tausende getestete Menschen ohne Schutzmasken durch die Nacht. Erste Auswertungen legen nahe, dass auch diese Veranstaltung das Infektionsgeschehen nicht angekurbelt hat. Gleichzeitig sorgen Covid-19-Fälle bei der Fußball-Europameisterschaft immer wieder für Aufsehen. So haben sich etwa laut den schottischen Gesundheitsbehörden mehr als 1300 schottische Fans infiziert, die zu Spielen nach London gereist seien. Der medizinische Berater der UEFA Daniel Koch schreibt dazu:

"Es kann nicht vollkommen ausgeschlossen werden, dass Veranstaltungen und Versammlungen zu lokal erhöhten Fallzahlen führen könnten. Das betrifft aber nicht nur den Fußball."

Corona und Fußball-Europameisterschaft

Von der UEFA heißt es, die Gesundheitsbehörden vor Ort seien für die Hygienekonzepte verantwortlich. Um in eins der Stadien zu kommen, braucht es fast immer einen negativen Corona-Test oder eine Impfung. Die meisten Stadien sind nicht vollständig ausgelastet. Doch das würde wenig bringen, wenn Fans dicht an dicht stehen und keine Masken tragen, betont Stephan Moritz. Für die letzten drei EM-Spiele soll die Wembley Arena zu etwa 66 Prozent gefüllt werden. Das sei möglich, wenn alle getestet oder geimpft sind, sagt Josep Llibre. Auch da in Freiluftstadien das Infektionsrisiko geringer sei. Nach jüngsten Plänen, soll aber auch die Maskenpflicht am Sitzplatz bei den Spielen in London entfallen. Die WHO warnt angesichts der ansteckenderen Delta-Variante vor der Sorglosigkeit bei großen Sportveranstaltungen in Europa. Zwar gebe es viele Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien, so die WHO-Epidemiologin Maria van Kerkhove im indischen TV-Sender India Today:

"Aber es geht um die Veranstaltungen um die Spiele herum. Also um die Sachen, die draußen oder in den Pubs passieren. Und es ist nötig, dass die Leute verstehen, dass sie ihre Risiken erhöhen, wenn sie nicht vollständig geimpft sind. Und der Großteil der Welt ist das nicht."  

Die Auswirkungen würden sich erst in einigen Wochen im Infektionsgeschehen zeigen, warnt Van Kerkhove.  

  

  

 

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