Freitag, 02. Dezember 2022

Kommentar "One Love"-Armbinde
Die Erpressung der FIFA und die Feigheit des DFB

Eigentlich wollte DFB-Kapitän Manuel Neuer bei der WM in Katar eine bunte Kapitänsbinde mit der Aufschrift "One Love" tragen. Auf Druck der FIFA verzichten der DFB und andere Verbände darauf. Eine feige Entscheidung, kommentiert Maximilian Rieger.

Ein Kommentar von Maximilian Rieger | 21.11.2022

Torwart Manuel beim Testspiel im Oman mit One-Love-Binde.
Anders als beim Testspiel gegen den Oman wird DFB-Torwart Manuel Neuer die "One Love"-Kapitänsbinde bei der WM in Katar nicht tragen. (IMAGO / Ulmer / Teamfoto / IMAGO / ULMER / Markus Ulmer)
Die Wörter des Tages bei der Fußball-WM sind: Erpressung, Feigheit und Mut.
Der Erpresser ist der Weltfußball-Verband FIFA. Der hat angedroht: Wenn Spieler die bunte Kapitänsbinde mit der Aufschrift „One Love“ tragen, dann gibt es eine Gelbe Karte, vielleicht sogar Punktabzüge.
Die offiziellen Fußball-Regeln geben diese Bestrafung eigentlich nicht her. Die FIFA macht ihre eigenen Regeln. Sie untergräbt das Fundament des Fußballs, indem sie die Spielregeln für eine Erpressung nutzt, die einzigartig in der WM-Geschichte ist.

Die Haltung der FIFA ist amoralisch und scheinheilig

Denn egal, wie korrupt die Funktionäre waren: Ihre Machtspiele hatten – soweit wir das wissen - nie direkten Einfluss auf Regelauslegung auf dem Spielfeld. Das hat sich heute geändert.
Die FIFA schützt damit den Gastgeber Katar – und das auf Kosten der Integrität des Spiels. Die FIFA wollte, dass die WM nicht politisiert wird. Die Haltung war angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Katar schon vor dem Turnier amoralisch, spätestens jetzt ist sie auch scheinheilig.
Aber dass die Erpressung der FIFA Erfolg hatte, liegt auch an der Feigheit des DFB und der anderen europäischen Verbände.

Verzicht auf One Love-Armbinde ist eine feige Entscheidung des DFB

Bei der EM 2021 hat Manuel Neuer noch die Regenbogen-Binde getragen. Schon das hat sich der DFB bei dieser WM nicht getraut. Die "One Love"-Armbinde wäre also sowieso ein halbherziges Signal gewesen.
Eine Geldstrafe würde man in Kauf nehmen, hatte DFB-Präsident Bernd Neuendorf noch vor ein paar Tagen getönt. Kaum gibt es aber wirklich Widerstand, knickt der DFB ein. Das ist feige.

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Der DFB hätte die Gelbe Karte in Kauf nehmen können. Er hätte mit den anderen europäischen Verbündeten drohen können, die WM platzen zu lassen.
Nichts davon ist passiert. Das zeigt, dass hinter der Aktion eine schwache Haltung, aber ein starker Wunsch nach guter PR stand.
Das ist besonders entlarvend, weil DFB-Präsident Neuendorf sich seit einigen Wochen als Kritiker der FIFA inszeniert. Reden kann der neue DFB-Präsident, beim Handeln ist er nicht viel besser als seine Vorgänger, die mit dafür verantwortlich sind, dass die FIFA so ist, wie sie ist.

Iranische Spieler und Fans demonstrieren Mut

Wie Mut im Weltfußball aussehen kann, demonstrieren stattdessen die Iraner. Vor der Abreise hatten sich die Nationalspieler noch vor dem konservativen Premierminister verbeugt.
Aber vor dem Spiel gegen England schweigen die Spieler bei der Hymne – ein Zeichen der Solidarität mit den Protesten in der Heimat. Das iranische Staatsfernsehen schaltet beim Schweigen weg – und den Spielern und ihren Familien drohen jetzt Repressalien von einem Regime, dass oppositionelle Sportler auch schon hingerichtet hat.
Auch einige iranische Fans zeigen in Katar offen die Protest-Parolen „Frauen, Leben, Freiheit“, immer in der Sorge, dass Spitzel des iranischen Regimes das beobachten.
Sie treten trotzdem für Menschenrechte und Freiheit ein. Der DFB ist dafür im Ernstfall nicht fähig.