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StartseiteCorsoErst deutscher Meister, dann nach Auschwitz10.04.2017

Fußballer Julius HirschErst deutscher Meister, dann nach Auschwitz

Der Fußballer Julius "Juller" Hirsch steht für die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit des deutschen Fußballs. Denn Hirsch war zweimal deutscher Meister und wurde zum Spieler in der deutschen Nationalmannschaft. Das bewahrte ihn jedoch nicht davor, in Auschwitz ermordet zu werden. Mit der Unterstützung des DFB bringt das Leipziger Theater der Jungen Welt sein Leben auf die Bühne.

Von Thilo Körting

Die Schauspieler Martin Klemm (von links nach rechts), Sven Reese und Philipp Oehme lesen während des Probenauftaktes am 20.02.2017 im Theater der Jungen Welt in Leipzig (Sachsen) aus dem Theaterstück "Juller". (Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)
Das Leipziger Theater der Jungen Welt erinnert an jüdischen Fußballer "Juller" (Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)
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"Wie der läuft. - So geduckt. - Als hätte er die Angst im Nacken. Als wüsste er was kommt. - Was kommt'n? - Zwei gegen einen. - Na los Juller! - Juller! -1 Genau, der heißt ab jetzt 'Juller'."

Es ist dieses Bild, das von dem frühen Fußballhelden Julius Hirsch bleibt. Wie viele Fußballstars hatte er bald einen eigenen Spitznamen, der ihm fast lieber zu sein schien als sein richtiger Name: Juller. Und dieser Juller errang großartige Siege, wenn er mit seiner gebückten Haltung in Richtung des gegnerischen Tores rannte, sei es das des VfB Leipzig in der deutschen Meisterschaft 1914 oder als Teil der Nationalmannschaft gegen Holland.

"Fünf zu drei für Holland. - Aber dann: Juller. - Gebückt und windschief wie auf Sturmesfittichen. - Der nächste Doppelpass! - Der Halblinke ließ wieder das Feuerwerk seiner Schießkunst steigen. - Sogar die Holländer haben geklatscht."

Dieser Satz wird zum Leitmotiv des Stückes "Juller", das am Theater der jungen Welt in Leipzig uraufgeführt wurde: Gebückt und windschief wie auf Sturmesfittichen. Er beschreibt Jullers Leistung auf dem Platz, aber auch seine Haltung zum Leben. Dieser Mann, der auf Bildern immer melancholisch und mit hängenden Schultern am Rand steht, der nach einem Selbstmordversuch in der Heilanstalt lllenau behandelt wurde. Der dabei aber nie seinen Biss verloren hat. Diese Ambivalenz hat dem Theaterautor Jörg Menke-Peitzmeyer den Zugang ermöglicht. Für die Arbeit an dem Stück hat er die Biografien dieses besonderen Menschen gelesen und sich so Jullers Schicksal angenähert.

Stationen aus Jullers Leben

"Mein eigener Großvater war Jude, der das gewissermaßen mit ins Grab genommen hat, das Geheimnis seiner Identität, das haben wir kaum gewusst. Hier hat man jemanden, über den es etwas gibt."

Deswegen hat sich Menke-Peitzmeyer dem Stoff historisch genähert. Er entwickelt Szenen, die für einzelne Abschnitte im Leben von Julius Hirsch stehen: Die Zuschauer erleben, wie sich Juller - überzeugend gespielt von Phillip Oehme - bereit macht, um im Ersten Weltkrieg zu kämpfen, wie sich Juller von seiner Familie lossagt, in der Hoffnung, sie so retten zu können, und wie Juller im KZ Fußball spielen soll. Die Aufseher wetten auf ihn und drohen mit dem Tod:

"Juller, ich setz glatt 30 auf dich! Aber wehe du … sonst ssssss …"

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von 1912 mit (h.v.l.) Julius Hirsch, Hermann Bosch, Karl Wegele, Willi Worpitzky, Ernst Hollstein, Adolf Jäger, Albert Weber, Georg Krogmann, Helmut Röpnack sowie (v.v.l.) Eugen Kipp und Max Breunig bei den Olympischen Spielen in Stockholm, Schweden. (picture alliance / dpa / Schirner Sportfoto Archiv)Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von 1912 mit Julius Hirsch (h.v.l.) (picture alliance / dpa / Schirner Sportfoto Archiv)

Diese schnellen Wechsel von in sich geschlossenen Szenen machen es der Regie nicht leicht. Regisseur Jürgen Zielinski lässt sie einzeln vor seinem Bühnenbild entstehen, das mit den treppenartigen Podesten und den Plastiksitzschalen an ein Stadion erinnert. Um die zeitlichen Brüche zu überbrücken, nutzt Zielinski viel Musik, komponiert und interpretiert von der wandelbaren Musikerin und Darstellerin Laura Hempel. Dennoch fordern die Szenenwechsel den Zuschauer, der sich immer wieder orientieren muss, zwischen den zahlreichen Figuren und in der zeitlichen Einordnung - vom ersten Fußballkontakt über die verzweifelte Suche seiner Familie nach dem verschollenen Juller bis zum Nachleben im Himmel.

"In 100 Jahren, wenn keiner mehr weiß, wer Bastian Schweinsteiger war, werden in deinem Namen noch immer Freizeitkicker-Fanprojekte, wer weiß, vielleicht ja eines Tages sogar ein Theater ausgezeichnet. - Überhaupt Gottfried, du warst doch eigentlich der, jetzt nicht falsch verstehen, Juller, aber ich sage nur deine zehn Törchen gegen die Russen. - Aber ich habe überlebt. Juller nicht. Doch wer in Wirklichkeit überlebt hat, ist er."

Immer wieder schauen die drei über die Rückwand des Bühnenbildes, kommentieren und kritisieren das Geschehen: Die zwei einzigen Juden, die jemals in der Deutschen Nationalmannschaft gespielt haben - neben Juller noch Gottfried Fuchs. Sowie der dritte Mann des berühmten Karlsruher Innensturms: Fritz Förderer. Sie holen die Geschichte ins Heute, halten die Erinnerung an Julius Hirsch lebendig. Das ist eines der Anliegen, das der Deutsche Fußballbund verfolgt, nachdem er die Produktion angeregt und mitfinanziert hat. Für Jürgen Zielinski geht es dabei auch um den Antisemitismus, der in der Fußball-Szene immer noch lebendig ist.

Solide, aber ohne ästhetische Wucht

"Und die Fragestellung begleitet uns natürlich. Ich selbst war in Dortmund, als die RB-Fans außerhalb von den bescheuerten Hools mit Dosen und Steinen beworfen wurden, und da wurden auch 'Jude, Jude'-Rufe geäußert."

Umso wichtiger sei dieses Stück, das für Antisemitismus und die Ausgrenzung im Allgemeinen sensibilisieren will, so Zielinski. Leider mangelt es der Inszenierung - neben einigen handwerklichen Schwächen - an ästhetischer Wucht, die den Zuschauer, gerade den Fußball-Fan, in den Bann ziehen, die auch das besondere Flair des Stadions einfangen würde. So bleibt "Juller" am Leipziger Theater der jungen Welt allenfalls solide, schafft es aber sicherlich, dem wohlwollenden Zuschauer seine Botschaft zu vermitteln. Vielleicht schafft es das Stück sogar, emotional zu berühren, wenn beispielsweise die Familie Hirsch am Ende - der Geschichte zum Trotz - zusammen steht, schwach beleuchtet. Dahinter erklingen Stadiongesänge, die plötzlich ein sehr seltsames Gefühl erzeugen.

"Sieg, Sieg, Sieg!"

Die nächsten Aufführungen von "Juller" im Leipziger Theater der Jungen Welt sind am 05.05., 23.05. und 08.06.2017.

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