Mittwoch, 25. Mai 2022

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Futbolpolitika - Fußball und Politik in Russland (4)
Vom Mythos des "Todesspiels"

Etwa ein Jahr nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion fand im besetzten Kiew ein Fußballspiel statt. Am 9. August 1942 gewann eine ukrainische Auswahl gegen ein Team der deutschen Luftwaffe. Bis heute glauben viele Menschen in Russland, dass die Sieger sofort hingerichtet wurden. Doch die Hintergründe sind komplexer.

Von Ronny Blaschke | 17.06.2018

Im Stadion «Start» (ehemals Zenith-Stadion) fand am 9. August 1942 ein Fußballspiel zwischen ukrainischen Zwangsarbeitern und einer Auswahl deutscher Wehrmachtssoldaten statt, welches als "Todesspiel" in die Geschichte einging.
Im Stadion «Start» (ehemals Zenith-Stadion) fand am 9. August 1942 ein Fußballspiel zwischen ukrainischen Zwangsarbeitern und einer Auswahl deutscher Wehrmachtssoldaten statt, welches als "Todesspiel" in die Geschichte einging. (dpa/ picture alliance/ Thomas Eisenhuth)
Der Mythos des sogenannten "Todesspiels" wurde über Generationen weitergetragen. Der Film "Die dritte Halbzeit" aus dem Jahr 1962 lockte 32 Millionen Menschen in die sowjetischen Kinos. In der Erinnerung an den "Großen Vaterländischen Krieg" wurden Grenzen gezogen, zwischen Helden und Verrätern. Anke Hilbrenner, Professorin für Neuere Geschichte Osteuropas an der Universität Göttingen, hat sich intensiv mit diesem Spiel beschäftigt, auch mit der besetzten Bevölkerung in Kiew.
"Und die wurde eigentlich kollektiv unter einen Kollaborationsverdacht gestellt. Dieser Mythos vom Todesspiel hat es halt erlaubt, den Kiewern eine Geschichte zu geben, mit der sie sich selbst als widerständig, als Märtyrer im sowjetischen Kampf gegen Hitler und gegen die Deutschen verstehen konnten."
150 Fußballspiele zwischen 1941 und 1944
Doch das "Todesspiel" war keine Ausnahme. Zwischen 1941 und 1944 fanden mehr als 150 Fußballspiele statt, zwischen Besatzern und Besetzten, zwischen Soldaten und Arbeitern. Es gab auch Benefizspiele für das Sammeln von Spenden. Manchmal gewannen die Deutschen, manchmal verloren sie. Ihre Absichten waren unterschiedlich: Viele Nazis wollten sich fit halten und nutzten Sport als Fassade ihrer Vernichtungspolitik. Viele Ukrainer suchten Ablenkung, wollten sich vital fühlen. In einer Zeit, in der Deutsche willkürlich mordeten und Städte aushungern lassen wollten. Anke Hilbrenner:
"Fußball war eine militärische Praxis und es wurde eben gespielt. Und dieses Spiel sollte eher dazu dienen, eben die Verbundenheit der Besatzer mit der ukrainischen besetzten Bevölkerung eigentlich eher in antisowjetischer Absicht herzustellen. Es war kein Spiel von sowjetischen Helden, sondern eigentlich eine alltägliche Sportbegegnung unter den Umständen der Besatzung gewesen."
Die Umstände sind bis heute unklar. Nicht sofort nach der Partie, sondern Tage später wurden einige Spieler festgenommen. Zwei starben in Haft, andere mussten Zwangsarbeit leisten. 1943 wurden drei weitere ermordet. Bekannt wurden diese Details erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Doch selbst im Jahr 2012 erschien noch ein Film, der die sowjetische Propaganda wiederholte. In "Match" lässt ein russischer Regisseur die Fußballhelden konsequent Russisch sprechen. Personen, die mit den Nazis kollaborierten, sprechen Ukrainisch. Auch im aktuellen Ukraine-Konflikt wird das "Todesspiel" manchmal erwähnt. Allerdings sind die Motive in Kiew und Moskau dabei höchst unterschiedlich.