Donnerstag, 18. August 2022

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Gabriel Tallent: "Mein Ein und Alles"
In den Fängen des Vaters

Sein erster Roman "Mein Ein und Alles" machte Gabriel Tallent auf einen Schlag berühmt und sorgte in den USA für heftige Debatten: Ist das nun voyeuristische Effekthascherei oder die meisterhafte Beschreibung einer toxischen Vater-Tochter-Beziehung? In jedem Fall kein Buch für schwache Nerven.

Von Carolin Courts | 12.12.2018

    Der amerikanisch Autor Gabriel Tallent und sein Roman "Mein Ein und Alles"
    Viel diskutierter Debütautor aus den USA: Gabriel Tallent (Buchcover: Penguin Verlag / Autorenportrait: (c) Alex Adams Photography)
    Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Gefreut hat sich in diesem Fall Gabriel Tallent: über glänzende Verkaufszahlen, die er dem Streit rund um sein Romandebut "Mein Ein und Alles" verdankt, Originaltitel: "My Absolute Darling". Die Positionen der Diskutanten in den USA waren dabei denkbar gegensätzlich. Die Gegner des Romans kritisieren, dass hier das Leid eines gequälten Mädchens kommerzialisiert werde. Die größere, wohlwollende Gruppe lobt die Geschichte hingegen als emanzipatorisch und deren Protagonistin, die 14jährige Turtle, als wilde Freiheits-Heldin.
    "Es hat gerade erst zu dämmern begonnen. Lange, nasse Rotschwingelstängel beugen sich über sie. Turtle liegt da und schaut durchs Visier. So nah am Gewehr, kann sie die Schmiere und die Pulverrückstände riechen. Turtle stellt die Entfernung ein, die Wange an den Schaft geschweißt. Die Schießscheibe auf ihrem Ständer wirkt weit entfernt. Nie im Leben würde ich einen solchen Schuss machen, denkt sie. Bei fünfhundert Metern steht man auf und geht weg. Aber wahrscheinlich, denkt sie, geht das nicht immer. Sie dreht die Beleuchtung herunter, und die laserroten Linien des Fadenkreuzes werden schwarz. Sie drückt ab. Das Gewehr spuckt die die heiße Patronenhülse ins Gras. Das Ziel macht bamm und schwingt heftig an seiner Aufhängung hin und her, und Turtle grinst."
    Turtle, die pubertierende Hauptfigur, kann schießen. Turtle ist verdammt schwer aus der Fassung zu bringen. Turtle ist prototypisch geeignet, in dieser Welt zurechtzukommen. Sagen ihre Bewunderer. Und angesichts der Härten, denen sich das Mädchen im Verlauf der Handlung ausgesetzt sieht, ist es sein Glück, dass es so tough ist. Aber, ruft es da von der Gegenseite der Romankritiker, genau das ist doch das Problem! Warum ist eine 14-Jährige überhaupt schon so tough? Wozu muss sie schießen können?
    Eine 14jährige Heldin, die ums Überleben kämpft
    Die Antwort ist einfach: Weil ihr Schöpfer, Gabriel Tallent, sie in das schlimmste Umfeld hineingepflanzt hat, das sich denken lässt. Nämlich zu einem alleinerziehenden Vater namens Martin, der seine Tochter nicht nur schlägt, sondern auch Nacht für Nacht sexuell missbraucht. Und, so argumentieren die Gegner des Buches, die Art, wie dieser Missbrauch geschildert wird, klinge eher nach fehlgeleitetem, männlichen Lustgewinn als nach einer unmissverständlichen Anklage:

    "Er legt die Hände auf die Hörner ihrer Hüftknochen, auf ihren Bauch, ihr Gesicht. Sie starrt ihn an, ohne zu blinzeln. "Gottverdammt", sagt er und fährt mit seinen vernarbten Fingerspitzen durch das Gewirr ihrer Haare, und dann dreht er sie um, und sie liegt auf dem Bauch und wartet auf ihn, und sie will es und will es auch wieder nicht. Seine Berührung erweckt ihre Haut zum Leben, und sie schließt es im geheimen Theater ihrer Gedanken ein, wo alles erlaubt ist, ihrer beider Schatten auf dem Laken, ineinander verwoben."
    Tatsächlich enthält "Mein Ein und Alles" etliche Szenen, die sogar noch anstößiger, noch expliziter und dadurch noch verstörender sind. Die Frage, ob ein Mann derlei über ein Mädchen schreiben "darf", wird besonders kontrovers besprochen, und es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf. Es bietet sich deshalb an, die Funktion solcher Missbrauchs-Beschreibungen im konkreten Fall zu analysieren. Bei Gabriel Tallent stehen die schockierenden Szenen – zugespitzt und plakativ – für eine toxische Beziehungsdynamik zwischen Vater und Tochter, die das eigentliche Zentrum des Romans ist, sein gesamtes Kraft- und Spannungsfeld. Und es bedarf tatsächlich starker Mittel, um diese zutiefst kranke Beziehung plastisch zu zeigen. Letztlich geht es um einen existenziellen Machtkampf: Der Vater, Martin, strebt die totale Unterwerfung seiner Tochter an, während die gepeinigte Turtle eisern an dem Willen festhält, sich nicht völlig zu ergeben …
    Anstößige Szenen zwischen Vater und Tochter
    "'Hier', sagt er, nimmt ihr das Messer ab und schiebt sie den Flur entlang in Richtung Wohnzimmer. "Spring an den Dachsparren, Krümel." – "Warum denn?" – "Gottverdammte Scheiße, Krümel!" Sie springt und bekommt den Balken zu fassen. Martin wirft den Tisch unter ihr um und lässt Turtle an dem Dachsparren über dem Boden baumeln. Er kommt zu ihr, stellt sich zwischen ihre Füße, dann hebt er das Messer, hält ihr die Klinge zwischen die Beine und blickt finster zu ihr herauf. Er drückt das Messer nach oben und sagt: "Hoch mit dir." Turtle macht einen Klimmzug. Sie sieht Martin an und schließt die Augen, sie spürt ihre Seele als einen Stängel Ackerminze, die in dem dunklen Fundament wächst, sich einem Schlüsselloch aus Licht zwischen den Dielenbrettern entgegenschlängelt, gierig und nach Sonne hungernd."
    Obwohl sie gedemütigt, missbraucht, immer wieder brutal verprügelt wird: Turtle liebt ihren Vater abgöttisch. Gleichzeitig ahnt sie, dass auf Dauer nur einer von ihnen beiden überleben wird. Und trotz aller Erniedrigungen, trotz aller frauenverachtenden Tiraden, die ihr Vater noch zusätzlich auf sie niederregnen lässt, da ist etwas in Turtle, das leben will. Im Härtefall auch: ihren Vater und Schinder überleben. Oder in äußerster Not: ihn töten. Wenn es gar nicht anders geht. Viel lieber wäre der Tochter die Variante, einfach abzuhauen. Das hat sie auch schon mehrfach versucht. Aber entweder hat Martin sie gefunden, oder sie ist freiwillig zurückgekehrt – wie von einem dunklen Magneten gezogen, dessen Anziehungskraft sie selbst nicht versteht. Dann allerdings geschieht etwas Unerwartetes: Turtles Großvater stirbt an einem Herzinfarkt. Und Martin, der seinerseits ein ungesundes Verhältnis zu seinem Vater gehabt hat, verschwindet. Für Monate. Turtle kostet die Freiheit. Sie lernt sogar einen Jungen in ihrem Alter kennen.
    Entweder Vater oder Tochter: Nur einer kann überleben
    "Jacob zeigt Turtle das Haus. Die Arbeitsplatten und die Kochnische in der Küche sind aus schwarzem Granit, an Deckenregalen hängt Kochgeschirr aus Edelstahl, die Hackblöcke sind aus Ahorn. Alles ist sehr sauber. Turtle will alles davon haben. Später essen sie an einem Klauenfußtisch aus Mahagoni mit seinen Eltern zu Abend. Jacobs Mutter blickt kritisch in ihr Glas mit Rotwein. Sie steht untermittelt auf und kommt mit weiteren Weingläsern aus der Küche zurück. Sie verteilt sie und gießt in jedes ein. "Was sagst du?", fragt sie. "Wozu?", sagt Turtle und schnuppert an dem Wein. Turtle hat immer gewusst, dass andere Menschen anders aufwachsen als sie. Aber sie hatte, denkt sie, keine Ahnung, wie anders."
    Martins Abwesenheit liegt ziemlich genau in der Mitte des Buches. Es ist ein Punkt, ab dem Gabriel Tallent theoretisch jede Richtung hätte einschlagen können. Das ist schließlich ein großer Vorzug des Romans gegenüber dem Film: Es herrschen weder Eile noch Raum-Knappheit, so dass es in der Literatur keinen Zwang gibt, jede Andeutung später auch einzulösen, jede schwelende Gefahr tatsächlich in ein Feuer zu verwandeln. Vielleicht hat Tallent die Möglichkeiten aber einfach nicht gesehen, sein Publikum zu überraschen, oder vielleicht wollte er sie auch gar nicht nutzen. Denn er führt die Geschichte – und das ist ein bisschen unoriginell – auf derselben Spur weiter, die er in der ersten Hälfte gelegt hat. Es kommt entsprechend zum Showdown zwischen Turtle und ihrem Vater, der irgendwann dann doch plötzlich wieder auf der Matte steht, gefährlicher als je zuvor. Und wütender.
    "Sie hatte geglaubt, er würde zurückweichen. Aber er war ohne Zögern auf sie losgegangen. Gott, sie wünschte, sie hätte ihre .308 dabei. Aber sie wird mit dem zurechtkommen müssen, was sie hat. Mit der Schrotflinte und einer Seitenwaffe ist sie mehr oder weniger auf den Nahkampf angewiesen."
    Weiterer Kritikpunkt: Viel Herumgeballer
    Auch die große Rolle, die Waffen in diesem Roman spielen, hat Gabriel Tallent allerhand Kritik eingebracht. Aber auch das lässt sich anders lesen, nämlich als Zerrspiegel für ein waffenbesessenes Volk: Tallent ist US-Amerikaner. Rein text-ästhetisch wären ein paar blumige Schießeisen-Beschreibungen weniger zwar von Vorteil gewesen. Doch die Baller-Exzesse verzeiht man dem Autor letztlich, weil er durch beinahe hypnotische Natur-Schilderungen aus den nordkalifornischen Redwood-Wäldern für Ausgleich sorgt, und weil er mit "Mein Ein und Alles" unterm Strich eine außergewöhnlich intensive Geschichte über ein verzweifelt um sein Leben kämpfendes Mädchen geschrieben hat. Eine Figur wie die Überlebenskünstlerin Turtle begegnet einem in der Belletristik selten. Insgesamt also: Ein starkes Debut, wenn auch nicht ohne Fehler.
    Gabriel Tallent: "Mein Ein und Alles"
    aus dem amerikanischen Englisch von Stephan Kleiner
    Penguin Verlag, München. 479 seiten, 24 Euro.