Sonntag, 02. Oktober 2022

Gabriele Riedle: „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. Eine Art Abenteuerroman“
Zwei Fremde, zwei Verschwörer

Die schockierende Nachricht vom gewaltsamen Tod des berühmten Kriegsfotografen Tim H. ist für die Erzählerin in Gabriele Riedles Buch „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg“ Anlass für eine große Erzählung. Damit verarbeitet die Autorin auch ihre eigene Arbeit als Kriegsreporterin.

Von Oliver Pfohlmann | 08.04.2022

Gabriele Riedle: "In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg."
Den Fotografen Tim H., der in Gabriele Riedles Abenteuererzählung "In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg." ums Leben kommt, gab es wirklich. Es war ein naher Kollege der Autorin, die selbst als Krisenreporterin arbeitet. (Portraitfoto: Claudius Pratsch / Buchcover: Die Andere Bibliothek)
Wer als Reporter aus Krisengebieten berichtet, bekommt es zwangsläufig auch mit zwielichtigen Personen zu tun. Wie die Ich-Erzählerin in Gabriele Riedles neuem Buch, als sie im westafrikanischen Liberia über die neue UN-Friedensmission berichten soll. Was ist zum Beispiel von der charmanten Gattin eines Kriegsverbrechers zu halten, die nun plötzlich selbst politische Ambitionen hat, sich gar als afrikanische Hillary Clinton präsentiert? Ganz zu schweigen von einem angeblich geläuterten Ex-General einer Armee von Kindersoldaten, der im Gespräch treuherzig von seiner geliebten Mutter erzählt.

Ein Abenteuer zu zweit

Soweit nichts Neues für die erfahrene Reporterin, der ganz normale Wahnsinn eben, wenn man als Journalist in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs ist. Wäre da nicht der Kollege, den ihr die Redaktion für diesen Auftrag zur Seite gestellt hat, Tim H. Dieser preisgekrönte Fotograf aus England ist nicht nur ein Bild von einem Mann, er entpuppt sich vor allem als ein überaus empathischer, humorvoller Gesprächspartner. Spätestens nach einem gemeinsamen Besuch des Capitols in Liberias Hauptstadt Monrovia wird dieser Auftrag für die Reporterin zu einem inspirierenden Abenteuer zu zweit, das noch ewig weitergehen könnte.
„Dann schlitterten wir noch einmal über den See aus Marmor, bevor wir uns auf den Weg machten in Richtung Dschungel, zwei Fremde, zwei Verschwörer, die aufeinander angewiesen waren, um irgendwie Ordnung ins Herz und ins Hirn zu bringen, wenn sich das Karussell, nachdem jemand den Maschinisten erschossen hatte, immer schneller und schneller drehte, und deshalb redeten wir und redeten, wir redeten den ganzen Tag, um uns zu vergewissern, dass wir nicht auch schon vollkommen plemplem geworden waren, und schließlich hörte ich Tims und auch meine eigene Stimme sogar noch mitten in der Nacht.“

Endloser Kreislauf aus Gewalt, Krieg und Terror

Das erwähnte Karussell ist eine Anspielung auf den Ort, an dem die Erzählerin, das Alter Ego der Autorin, ihrem englischen Kollegen erstmals begegnet ist. Das Karussell ist in Riedles romanartigen Erinnerungen aber auch ein Symbol. Und zwar für den endlosen Kreislauf aus Gewalt, Krieg und Terror, den die desillusionierte Reporterin während ihrer Tätigkeit in Kabul, Lagos oder Inguschetien vorfand – allen westlichen Hoffnungen auf Fortschritt und Vernunft zum Trotz. Dieser Gewalt fiel wenig später auch Tim H. alias Tim Hetherington zum Opfer: 2011 wurde Riedles Freund und Kollege im libyschen Bürgerkrieg von einer Mörsergranate getötet; seinem Andenken hat die 64-jährige Journalistin nun ihre Erinnerungen an ihre Zeit als Krisenberichterstatterin gewidmet.
Wer jedoch den üblichen Reportagestil erwartet, sei gewarnt; der Untertitel von Riedles Buch, „Eine Art Abenteuerroman“, ist durchaus ernstzunehmen. Nicht etwa, weil „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.“, wie das Buch heißt, auf Fiktion beruhte. Sondern aufgrund der dezidiert literarisierten Darstellung: Gabriele Riedle, die sich auch als Romanautorin einen Namen gemacht hat, erzählt von ihren Abenteuern mit viel Selbstironie und sympathischem Understatement, in der Rolle einer Antiheldin, die sich mit schmerzenden Knien und beißendem Sarkasmus behauptet. Und zwar gegen ihren kapitalismusgläubigen Chefredakteur ebenso wie gegen testosterongesteuerte Kollegen wie die CNN-Legende Peter Arnett.

Syntaktisches Dickicht statt gefälliger Reportagestil

Vor allem aber lockt sie ihre Leser in einen regelrechten Prosadschungel, mit hochreflexiven, mäandernden Satzgirlanden von einer halben Seite Länge und mehr. Man kann dieses syntaktische Dickicht als Kritik am allzu gefälligen Reportagejournalismus verstehen. Und zugleich als Ausdruck für die typische Unübersichtlichkeit in heutigen Krisengebieten. Zum Leitmotiv für die verlorene Eindeutigkeit nach dem Ende des Kalten Krieges wird für Gabriele Riedle ihr alter Diercke-Weltatlas aus der Schulzeit. In ihm ist die Welt noch säuberlich in West und Ost geteilt und für die Menschen in Afrika das pejorative N-Wort üblich.
„Beim Diercke-Weltatlas in Braunschweig, so dachte ich immer wieder, musste das die Leute ja vollkommen verrückt machen, denn wie sollten sie diese neuen Verhältnisse nur darstellen auf ihren zweidimensionalen Karten, aber sie konnten die Karten vielleicht zerknüllen, dachte ich, dann rückten gewisse Orte zusammen und andere verschwanden in den Knicken und den Falten des Papiers, Kartenzerknüllerin bei der Firma Diercke, ein ganz neuer Beruf.“

Kriegsreporter haben wieder Konjunktur

Gabriele Riedles Buch – wie schon ihre früheren Werke in der „Anderen Bibliothek“ erschienen – ist eine ebenso anspruchsvolle wie lohnende Lektüre. Zumal in einer Zeit, in der Kriegsreporter wieder viel zu tun haben und man die Krisengebiete nicht erst mühsam im Atlas suchen muss, liegen sie inzwischen doch wieder mitten in Europa.
Gabriele Riedle: „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. Eine Art Abenteuerroman“
Die Andere Bibliothek/Aufbau Verlage, Berlin
264 Seiten, 44 Euro.