Sonntag, 09.12.2018
 
StartseiteTag für Tag"Ganz allmählich wirft das jeweilige Medium den Kopf hin und her"06.03.2012

"Ganz allmählich wirft das jeweilige Medium den Kopf hin und her"

Die Bedeutung der Orakel im tibetischen Buddhismus

Im tibetischen Buddhismus beruht die Orakelbefragung auf der Vorstellung, dass eine Gottheit eine Person als Medium auswählen kann und durch diese ihre Botschaft kundtut. Auch der Dalai Lama befragt noch heute bei wichtigen Entscheidungen ein Orakel.

Von Margarete Blümel

Der Dalai Lama glaubt an die Macht des Orakels. (AP)
Der Dalai Lama glaubt an die Macht des Orakels. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

"Das Nechung-Orakel ist das wichtigste religiöse Orakel im tibetischen Buddhismus. Es existieren noch zwei andere Orakel, die zwischen den Gläubigen und den Schutzgottheiten vermitteln, das Gadong- und das Shugden-Orakel. Aber es gibt nur ein Staatsorakel, das des Nechung."

So Geshe Dorje Damdu vom Kulturinstitut "Tibet Center" in New Delhi.

Staatsorakel kennt man in Tibet seit dem 17. Jahrhundert. Ursprünglich im tibetischen Nechung-Kloster ansässig, ist dieses religiöse Orakel heute im neu errichteten Kloster gleichen Namens im indischen Dharamsala beheimatet. Das Staatsorakel wird bei allen wichtigen religiösen und politischen Entscheidungen befragt, die der Dalai Lama und die indische Exilregierung der Tibeter treffen. Außerdem wird es in Anspruch genommen, um die Inkarnation eines verstorbenen Dalai Lamas aufzufinden.

Als Medium dieses Orakels werden meist Mönche eingesetzt, durch die die Schutzgottheit dann zu den Gläubigen spricht. Das geschieht in einer Sakralsprache, die nur wenige tibetische Gelehrte dechiffrieren können.

Beim Staatsorakel geht man davon aus, dass Pehar, der Schutzgott des tibetischen Buddhismus, aus dem Mund des Mönches spricht.

"Das jeweilige Medium ist in ein prachtvolles Gewand gekleidet. Es sitzt auf einem Stuhl, der keine Lehnen besitzt, damit sich das Orakel frei bewegen kann. Besonders sachkundige Lamas vollführen Rituale, um dem Medium dabei zu helfen, einen tranceähnlichen Zustand zu erreichen. Trommeln werden geschlagen, während die Lamas, wieder und wieder, ihre Gebete sprechen."

Die Orakel, die verschiedenen Schulen des tibetischen Buddhismus angehören, genießen in ihrer Ordensgemeinschaft höchstes Ansehen – selbst dann, wenn die Gottheit beschlossen hat, von ihnen Besitz zu ergreifen, aber stumm zu bleiben.

"Das Medium des Gadong-Orakels erreicht den Zustand der Entrückung verhältnismäßig leicht. Während es bei dem Nechung-Staatsorakel länger dauert. Doch dann, ganz allmählich, wirft das jeweilige Medium den Kopf hin und her, der ganze Körper wird von unkontrollierbaren Bewegungen erfasst und Laute dringen aus seinem Mund."

Manchmal können die Mönche, mit dem, was sie von sich geben, staatstragende, ja, sogar lebenswichtige Dinge betreffen. 1959 etwa, als die Chinesen in Lhasa einmarschierten und es darum ging, ob der Dalai Lama in Tibet bleiben oder nach Indien fliehen sollte, wurde das Nechung-Orakel um Rat gebeten.

"Schon einige Jahre zuvor, als der Dalai Lama nach Indien gereist war und sich die Spannungen mit China abzuzeichnen begannen, hatte man das Nechung-Orakel um Hilfe gebeten. Sollte der religiöse Führer nach Tibet zurückkehren oder in Indien Asyl beantragen? Zu diesem Zeitpunkt riet das Orakel ihm zur Rückkehr."

Nachdem die politische Situation in Tibet zunehmend brisanter wurde, wandte sich der Dalai Lama wieder an das Staatsorakel. In Trance forderte das Medium damals Dalai Lama eindringlich dazu auf, sofort nach Indien aufzubrechen und es benannte auch den Fluchtweg.

1904, während der Regentschaft des 13. Dalai Lamas, verkündete das Orakel allerdings eine folgenschwere Fehlentscheidung. Damals riet das Staatsorakel zur militärischen Auseinandersetzung mit der britischen Armee. Dieser Krieg endete mit einer verheerenden Niederlage der tibetischen Soldaten.

Der heute amtierende Dalai Lama aber hält trotz dieses falschen Ratschlags an der regelmäßigen Befragung des Nechung-Orakels fest. Allerdings hat er der Verehrung des Furcht einflößenden Kriegsgottes Shugden den Kampf und dessen Orakel den Kampf angesagt. Der Tibetologe Andrew McGarrity von der "University of Sydney":

"Der Kriegsgott Shugden ist in den Augen konservativer Gelugpa, also der 'Gelbmützen-Mönche', als deren Schutzgottheit wiedergeboren worden. Und lange Zeit hatte auch der Dalai Lama nichts gegen dessen Verehrung einzuwenden. Doch dann, Mitte der 90er-Jahre, hat der Dalai Lama die Rituale für den Shugden als Götzendienst bezeichnet. Die Shugden-Anhänger meinen nun, dass der Dalai Lama das getan habe, weil ihm diese Schutzgottheit innerhalb der Gelbmützen-Gemeinschaft zu mächtig geworden sei."

Der Konflikt um Shugden hat unter den Mönchen eine Spaltungsbewegung in Gang gesetzt, die heute noch für großen Unmut sorgt. Dennoch, ob es nun um das Shugden-, das Gadong- oder um das Staatsorakel geht, die Tradition der Orakel als Verbindung zwischen den Schutzgöttern und Gläubigen sei so lebendig wie eh und je, meint Geshe Dorje Damdu vom Tibet Center in New Dehli:

"Besonders das Nechung-Orakel spielt nach wie vor eine herausragende Rolle. Dieses Orakel wird zum Beispiel vor jedem Neujahrsfest konsultiert. Und die Vertreter der Exilregierung versuchen von ihm zu erfahren, was sie tun sollen, um das Schicksal der Tibeter günstig zu beeinflussen. Kein Zweifel: Im tibetischen Buddhismus haben Orakel bis heute ihren Platz!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk