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StartseiteDlf-MagazinNachbarschaftshilfe aus Polen16.05.2019

Gartz in der Uckermark Nachbarschaftshilfe aus Polen

Serie: "Alles, nur nicht abgehängt - Orte im Aufbruch"

Die Autobahn ist mehr als 80 Jahre alt, die Bahnstrecke seit 1945 eingleisig. Gartz in der Uckermark ist abgelegen, aber nicht abgehängt. Ein wichtiger Grund: Menschen, die aus Polen übersiedeln. Sie engagieren sich in der Lokalpolitik, und ihre Kinder bringen neues Leben in den Nordosten Brandenburgs.

Von Vanja Budde

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Weites Land der Uckermark mit Wegweiser in der Nähe von Gartz/ Tantow (Deutschlandradio / Vanja Budde)
Weites Land der Uckermark: Vom deutschen Gartz ins polnische Stettin ist es nicht weit (Deutschlandradio / Vanja Budde)
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Das vier Kilometer lange Stück ehemalige Reichsautobahn ist doch immer wieder ein Erlebnis: Löchrige Platten, trotz Tempolimit 80 wird man ordentlich durchgerüttelt. Der Zug wäre aber auch keine Alternative gewesen: drei Stunden von Potsdam, mit Umsteigen in Berlin, Angermünde und Tantow. Immerhin stehen kurz vor der Abfahrt nach Gartz Baustellenschilder: Die A11 soll hier dann doch endlich mal saniert werden - 81 Jahre nach dem Bau. Die Landstraße nach Gartz führt über sanft geschwungene Hügel, riesige Rapsfelder stehen in voller Blüte.

Serie: "Alles, nur nicht abgehängt – Orte im Aufbruch" 

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Der Blick geht nach Stettin, nicht nach Berlin

"Die Schönheit der Landschaft alleine, die ernährt ja keinen", so Frank Gotzmann, hier geboren und aufgewachsen, beruflich lange im Ausland gewesen, vor ein paar Jahren zurückgekehrt, heute Amtsdirektor im Bezirk Gartz, zu dem sich fünf Dörfer zusammengeschlossen haben. Aus dem Fenster blickt er auf die Oder, den gemächlich dahin fließenden Grenzfluss zum Nachbarland Polen. Eine Nachbarschaft, die das deutsche Grenzgebiet belebe, sagt Frank Gotzmann:

"Wir sind so weit ab hier im Nordosten Brandenburgs, dass wir eigentlich von Potsdam und Berlin überhaupt nicht profitieren können. Da haben wir gesagt: Okay, dann drehen wir uns einfach mal um und sagen: Können wir jetzt nicht von der Großstadt Stettin profitieren? Die polnische Großstadt Stettin hat ungefähr eine halbe Million Einwohner. Im Umkreis leben ungefähr 760.000 Einwohner und die Stadt drückt immer mehr ins Umland und sie drückt auch ins deutsche Umland."

Geringe Grundstückspreise locken Polen an

Oft in Gestalt junger Familien, denen die Grundstückspreise und Mieten rund ums 30 Kilometer entfernte Stettin zu teuer geworden sind. Frank Gotzmann: "Also wir sind hier zwischen fünf und 20 Euro pro Quadratmeter, auf der polnischen Seite, gleich wenn sie über die Grenze hier rübergehen, dann sind sie bei 75 Euro pro Quadratmeter - unerschlossen."

Marta Szuster ist vor neun Jahren aus Gryfino in Polen ins deutsche Staffelde in der Uckermark gezogen, in ein großes Haus mit Garten. Und nur fünf Kilometer entfernt von Gryfino, dem früheren Greifenhagen, am anderen Ufer der Oder, wo ihr Mann im Kraftwerk arbeitet. "Viele polnische Familien ziehen her, weil sie einfach eine bessere Zukunft für ihre Kinder sehen, weil viele möchten, dass ihre Kinder zweisprachig aufwachsen, weil viele auch der Meinung sind, dass hier die Schulbildung besser ist."

Neue Heimat vor allem für Familien

Marta Szuster bereitet die Teigtaschen für die abendliche Gemeinderatssitzung zu. Sie gehört zu den ersten polnischen Neubürgern, die sich lokalpolitisch engagieren. Der Zuzug verlaufe weitgehend ohne Konflikte, weil die polnischen Familien nach und nach kämen, erzählt Marta Szuster. Und die meisten Zuzügler von jenseits der Oder bemühten sich sehr um Integration, machten bei der Freiwilligen Feuerwehr mit oder im Fußballverein, lernten die deutsche Sprache.

"Sogar die Stursten, die gesagt haben 'Ach, ich zieh hier doch nur hin, ist doch gerade mal nur einen Steinwurf, ist doch fast, als wenn ich in Polen wohnen würde', die merken auch ganz schnell, dass es nicht so ist. Auch wenn es direkt hinter der Grenze ist – wir sind hier in Deutschland. Die müssen zum Amt nach Gartz, wo Deutsch gesprochen wird. Auch wenn da mal eine polnische Mitarbeiterin ist oder so, trotzdem, die Amtssprache ist Deutsch, man muss auch zum Elternabend fahren", erzählt Marta Szuster.

Was noch fehlt: schnelles Internet und besseres Handynetz

Marta Szuster kocht einen Kaffee. Sie selbst hat zwei Söhne und eine Tochter. Der Nachwuchs der neuen Mitbürger aus dem Nachbarland hat dazu beigetragen, dass von Schließung bedrohte Kitas erhalten werden konnten und auch die Grundschule in Gartz. Der Bevölkerungsrückgang wurde gestoppt, neues Leben zieht in die Dörfer ein. Etwa zwölf Prozent der Bevölkerung stellen die Polen hier mittlerweile.

Jetzt müsse allerdings noch die Infrastruktur besser werden, sagt Amtsdirektor Frank Gotzmann, schnelles Internet, guter Handyempfang beispielsweise: "Die Hauptstädte sehen oft ihre Grenzregion nicht. Sie sehen oft schon den ländlichen Raum nicht, aber den ländlichen Raum in den Grenzregionen - der wird oft nicht wahrgenommen. Die Leute sind da ein bisschen weiter, weil man lebt in der Grenzregion. Hier ist es Normalität."

Autobahn und Bahnstrecke werden ausgebaut

Jahrelang hat Frank Gotzmann gefordert, dass die Bahnstrecke von Berlin nach Stettin, die hier vorbeiführt, zweigleisig ausgebaut und elektrifiziert wird. 1945 hatten die Russen das zweite Gleis abmontiert und als Reparationsleistung mitgenommen. 2026 soll der zweigleisige Ausbau nun kommen, so dass Bahn-Pendler aus Gartz nicht mehr zweieinhalb Stunden nach Berlin brauchen, sondern nur noch 76 Minuten - erst in sieben Jahren also. Doch Pommern, wie sich Bewohner der weiten Landschaft um Stettin bis heute selber nennen, Pommern also gelten als genügsam - auch mit Blick auf die Autobahn 11 Berlin-Stettin, die endlich in Angriff genommen wird.

"Wir spüren jetzt so einen kleinen Aufwind. Man sieht jetzt: Okay, es wird ein paar Jahre dauern, dann wird das letzte Stückchen Reichsautobahn beseitigt und wir sind dann in Deutschland angekommen und fahren auf einer normalen Autobahn." Abgelegen ist die Uckermark, keine Frage. Doch abgehängt? Nein, sagt Amtsdirektor Frank Gotzmann, abgehängt fühle er sich nicht: "Derzeit nicht. Weil wir uns derzeit auf einem guten Weg befinden."

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