Pasch: Wenn Sie jetzt im Arktischen Ozean sind, müssten Sie doch auch schon das erste Eis gesehen haben?
Seynsche: Also, wenn Sie ganz kleiner Eisschollen gelten lassen, die am Horizont vorbei schwimmen, dann ja. Man sieht, ganz am Horizont einen kleinen Streifen, unter einer Nebelschicht verborgen, weiß. Man kann sich einbilden, dass dort Eis ist. Ich bilde es mir nicht nur ein, ich habe den Eis-Experten an Bord gefragt, es ist definitiv Eis. Aber wir sind leider nicht durchgefahren, sondern immer nur am Rand entlanggefahren. Das heißt, mehr als ein paar Schollen Eis habe ich noch nicht gesehen. Aber heute Nachmittag oder heute Abend werden wir definitiv auf Eis treffen. Und da werden dann auch größere Schollen treiben, wir werden dann auch richtig durch Eis fahren und nicht nur Eisschollen hin und wieder einmal sehen.
Pasch: Sieht man denn dann auch ein paar Walrosse?
Seynsche: Gestern hat die Brücke angesagt, dass Walrosse zu sehen seien. Ich habe leider keines gesehen, als wir dann alle draußen standen und geguckt haben, es ist wohl auch sehr schwierig, die im offenen Wasser zu erkennen. Aber wahrscheinlich heute Nachmittag, da habe ich die große Hoffnung. Denn sobald Eisschollen da sind, sobald man Eis sieht, sieht man auch relativ einfach die Walrosse, die darauf sind.
Pasch: Bei unserem letzten Gespräch hatten Sie ja gerade den Pazifik überquert und waren kurz vor den Alëuten. Was ist denn seitdem geschehen?
Seynsche: Wir sind danach nach Norden gefahren, einen Zickzackkurs durch die Beringsee hindurch. Und die ist das Hauptuntersuchungsgebiet der meisten Forscher hier. Das ist ein flaches Meer, in das sehr nährstoffreiches Wasser aus dem Golf von Anadyr im Nordostpazifik einströmt. Im Sommer zieht sich hier die Eisdecke zurück, es dringt plötzlich viel Licht bis zum Grund, und die Kombination von Nährstoffen und Licht, die sorgt für eine gewaltige Phytoplanktonblüte, die wiederum viele Tiere anlockt und die Beringsee zu einer der biologisch produktivsten Regionen der Weltmeere macht. Und die Forscher hier haben viele festgelegte Positionen in der Beringsee, das heißt, sie halten dort an, sie holen mit Baggerschaufeln Schlamm vom Meeresboden herauf, wiegen den, zählen die Tiere im Schlamm, die Muscheln, die Würmer, die Krebstierchen, was noch lebt, um herauszufinden, wie diese Tiere auf den Klimawandel reagieren. Das heißt, wer die Verlierer sind und wer die Gewinner sind. Der Haken, oder sagen wir der menschliche Haken an dieser Sache ist, diese Stationen sind festgelegt, das heißt, sobald das Schiff dort ist, werden die Proben genommen. Und das kann auch mitten in der Nacht sein. Und es war in den letzten Tagen des Öfteren mitten in der Nacht, das heißt, man sieht hier sehr viele Leute mit rot geränderten Augen herumlaufen, weil die Forscher zum Teil alle zwei oder drei Stunden während der Nächte Proben genommen haben.
Pasch: Gibt es denn schon erste Ergebnisse?
Seynsche: Von dieser Reise noch nicht. Das, was da ist, wird zurzeit noch untersucht, die Proben werden noch genommen, aber die Forscher, die mitfahren, fahren seit zehn Jahren mit diesem Schiff regelmäßig jeden Juli in die Region, haben regelmäßig die gleichen Untersuchungsgebieten, das heißt, sie haben sehr viele vergleichbare Daten. Und die zeigen alle, dass es immer weniger Schlammbewohner gibt. Und die Gründe dafür sind noch nicht eindeutig geklärt, aber die Auswirkungen sind schon erkennbar. Zum Beispiel geht die Zahl der Amphipoden zurück, das sind kleine Krebstierchen, die in Röhren im Schlamm leben und die Hauptnahrungsquelle der Grauwale sind. Diese Grauwale pflügen quasi durch den Schlamm am Boden, nehmen den ganzen Schlamm mit hoch, drücken dann das schlammige Wasser aus ihren Barten heraus und behalten die ganzen kleinen Krebse und ernähren sich davon. Und man beobachtet jetzt, dass Grauwale in ganz neue Regionen wandern, in denen sie früher gar nicht vorkamen. Und man vermutet, dass sie gerade auf der Suche nach neuen Futterquellen sind, weil einfach die Futterquellen hier nicht mehr ausreichen. Ein anderes Beispiel ist die Plüschkopfente, das ist eine Ente, die hier oben in der Arktis sehr verbreitet ist. Sie ernährt sich hauptsächlich von zwei Muschelarten, die hier im Schlamm vorkommen, allerdings finden sie diese Muscheln immer seltener. Und das zeigt, dass die Zahl der Enten dramatisch zurückgeht. Heute sind sie in den USA bedroht. Das heißt aber die Veränderungen im Schlamm, am unteren Ende der Nahrungskette, haben Auswirkungen auf die ganz großen Tiere, auch für Säugetiere, Raubvögel, et cetera.
Pasch: Im Internet kann man die Fahrt des Forschungsschiffes auch verfolgen. Wenn ich das richtig interpretiere, steuern Sie jetzt aufs Land zu. Wie geht es weiter?
Seynsche: Genau, wir steuern auf Land zu, auf die Nordküste Alaskas. Und am Sonntag werden wir in Barrow angekommen. Dort verlassen alle Wissenschaftler und ich das Schiff, dann fährt der Eisbrecher weiter an der Küste nach Osten entlang und erfüllt seine eigentliche Aufgabe. Denn, sehen Sie, wir sind alle nur zu Gast auf einem Eisbrecher der kanadischen Küstenwache, das heißt, er wird die Häfen an der Nordküste Kanadas vom Eis befreien, er wird Schiffe durchs Eis eskortieren, und erst im August, im September, wenn er wieder auf dem Rückweg ist, wird er wieder Forscher an Bord nehmen, die dann hier wieder Untersuchungen machen.
Das Tagebuch von Monika Seynsche von Bord der "Sir Wilfried Laurier", lesen Sie hier.
Seynsche: Also, wenn Sie ganz kleiner Eisschollen gelten lassen, die am Horizont vorbei schwimmen, dann ja. Man sieht, ganz am Horizont einen kleinen Streifen, unter einer Nebelschicht verborgen, weiß. Man kann sich einbilden, dass dort Eis ist. Ich bilde es mir nicht nur ein, ich habe den Eis-Experten an Bord gefragt, es ist definitiv Eis. Aber wir sind leider nicht durchgefahren, sondern immer nur am Rand entlanggefahren. Das heißt, mehr als ein paar Schollen Eis habe ich noch nicht gesehen. Aber heute Nachmittag oder heute Abend werden wir definitiv auf Eis treffen. Und da werden dann auch größere Schollen treiben, wir werden dann auch richtig durch Eis fahren und nicht nur Eisschollen hin und wieder einmal sehen.
Pasch: Sieht man denn dann auch ein paar Walrosse?
Seynsche: Gestern hat die Brücke angesagt, dass Walrosse zu sehen seien. Ich habe leider keines gesehen, als wir dann alle draußen standen und geguckt haben, es ist wohl auch sehr schwierig, die im offenen Wasser zu erkennen. Aber wahrscheinlich heute Nachmittag, da habe ich die große Hoffnung. Denn sobald Eisschollen da sind, sobald man Eis sieht, sieht man auch relativ einfach die Walrosse, die darauf sind.
Pasch: Bei unserem letzten Gespräch hatten Sie ja gerade den Pazifik überquert und waren kurz vor den Alëuten. Was ist denn seitdem geschehen?
Seynsche: Wir sind danach nach Norden gefahren, einen Zickzackkurs durch die Beringsee hindurch. Und die ist das Hauptuntersuchungsgebiet der meisten Forscher hier. Das ist ein flaches Meer, in das sehr nährstoffreiches Wasser aus dem Golf von Anadyr im Nordostpazifik einströmt. Im Sommer zieht sich hier die Eisdecke zurück, es dringt plötzlich viel Licht bis zum Grund, und die Kombination von Nährstoffen und Licht, die sorgt für eine gewaltige Phytoplanktonblüte, die wiederum viele Tiere anlockt und die Beringsee zu einer der biologisch produktivsten Regionen der Weltmeere macht. Und die Forscher hier haben viele festgelegte Positionen in der Beringsee, das heißt, sie halten dort an, sie holen mit Baggerschaufeln Schlamm vom Meeresboden herauf, wiegen den, zählen die Tiere im Schlamm, die Muscheln, die Würmer, die Krebstierchen, was noch lebt, um herauszufinden, wie diese Tiere auf den Klimawandel reagieren. Das heißt, wer die Verlierer sind und wer die Gewinner sind. Der Haken, oder sagen wir der menschliche Haken an dieser Sache ist, diese Stationen sind festgelegt, das heißt, sobald das Schiff dort ist, werden die Proben genommen. Und das kann auch mitten in der Nacht sein. Und es war in den letzten Tagen des Öfteren mitten in der Nacht, das heißt, man sieht hier sehr viele Leute mit rot geränderten Augen herumlaufen, weil die Forscher zum Teil alle zwei oder drei Stunden während der Nächte Proben genommen haben.
Pasch: Gibt es denn schon erste Ergebnisse?
Seynsche: Von dieser Reise noch nicht. Das, was da ist, wird zurzeit noch untersucht, die Proben werden noch genommen, aber die Forscher, die mitfahren, fahren seit zehn Jahren mit diesem Schiff regelmäßig jeden Juli in die Region, haben regelmäßig die gleichen Untersuchungsgebieten, das heißt, sie haben sehr viele vergleichbare Daten. Und die zeigen alle, dass es immer weniger Schlammbewohner gibt. Und die Gründe dafür sind noch nicht eindeutig geklärt, aber die Auswirkungen sind schon erkennbar. Zum Beispiel geht die Zahl der Amphipoden zurück, das sind kleine Krebstierchen, die in Röhren im Schlamm leben und die Hauptnahrungsquelle der Grauwale sind. Diese Grauwale pflügen quasi durch den Schlamm am Boden, nehmen den ganzen Schlamm mit hoch, drücken dann das schlammige Wasser aus ihren Barten heraus und behalten die ganzen kleinen Krebse und ernähren sich davon. Und man beobachtet jetzt, dass Grauwale in ganz neue Regionen wandern, in denen sie früher gar nicht vorkamen. Und man vermutet, dass sie gerade auf der Suche nach neuen Futterquellen sind, weil einfach die Futterquellen hier nicht mehr ausreichen. Ein anderes Beispiel ist die Plüschkopfente, das ist eine Ente, die hier oben in der Arktis sehr verbreitet ist. Sie ernährt sich hauptsächlich von zwei Muschelarten, die hier im Schlamm vorkommen, allerdings finden sie diese Muscheln immer seltener. Und das zeigt, dass die Zahl der Enten dramatisch zurückgeht. Heute sind sie in den USA bedroht. Das heißt aber die Veränderungen im Schlamm, am unteren Ende der Nahrungskette, haben Auswirkungen auf die ganz großen Tiere, auch für Säugetiere, Raubvögel, et cetera.
Pasch: Im Internet kann man die Fahrt des Forschungsschiffes auch verfolgen. Wenn ich das richtig interpretiere, steuern Sie jetzt aufs Land zu. Wie geht es weiter?
Seynsche: Genau, wir steuern auf Land zu, auf die Nordküste Alaskas. Und am Sonntag werden wir in Barrow angekommen. Dort verlassen alle Wissenschaftler und ich das Schiff, dann fährt der Eisbrecher weiter an der Küste nach Osten entlang und erfüllt seine eigentliche Aufgabe. Denn, sehen Sie, wir sind alle nur zu Gast auf einem Eisbrecher der kanadischen Küstenwache, das heißt, er wird die Häfen an der Nordküste Kanadas vom Eis befreien, er wird Schiffe durchs Eis eskortieren, und erst im August, im September, wenn er wieder auf dem Rückweg ist, wird er wieder Forscher an Bord nehmen, die dann hier wieder Untersuchungen machen.
Das Tagebuch von Monika Seynsche von Bord der "Sir Wilfried Laurier", lesen Sie hier.