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StartseiteKalenderblattGeburtsstunde der Moderne22.01.2009

Geburtsstunde der Moderne

Vor 100 Jahren wird in München die "Neue Künstlervereinigung" gegründet

Expressionistische Künstlergruppen wie "Die Brücke" oder der "Blaue Reiter" gelten heute als bedeutende Keimzellen der Klassischen Moderne. Sie halfen, die neuen ästhetischen Ideen von Abstraktion und Darstellung des Unsichtbaren zu entwickeln. Zu diesen Künstlergruppen gehört auch die weniger bekannte "Neue Künstlervereinigung München", die vor 100 Jahren gegründet wurde.

Von Rainer Berthold Schossig

Expressionistische Farbschöpfungen. (Stock.XCHNG / Martin Walls)
Expressionistische Farbschöpfungen. (Stock.XCHNG / Martin Walls)

"Entweder ist die Mehrheit der Mitglieder dieser Vereinigung unheilbar geisteskrank, oder wir haben es mit einer Gruppe von skrupellosen Hochstaplern zu tun, die bestens um die Schwäche unserer Zeitgenossen für Sensationen wissen und versuchen, diese große Nachfrage zu nutzen."

So räsonierten die "Münchner Neuesten Nachrichten" anlässlich der ersten Ausstellung der "Neuen Künstlervereinigung München" im Herbst 1909. Die Kritik zeigt, wie jenen Malern und Bildhauern, die damals gegen die Konventionen wilhelminischer Salonkunst rebellierten, jede Menge Ignoranz und Borniertheit entgegenschlug. Man spürt schon das Vokabular, mit dem die Nationalsozialisten später gegen die sogenannte "Entartete Kunst" hetzten.

Heute liest sich die Künstlerliste im Münchener Vereinsregister unter dem Datum des 22. Januar 1909 wie ein "Who is who?" des Expressionismus:

"Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky, Adolf Erbslöh, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, Alexander Kanoldt und Charles Johann Palmié."

Allesamt Maler und Bildhauer, die heute als Pioniere der Klassischen Moderne gelten: Sie waren es, die wenig später die malerische Abstraktion erfanden, die verbrauchte Figürlichkeit überwanden, in ihrer Kunst das Unsichtbare darstellten. Doch die Mitglieder der Münchener Vereinigung entwarfen kein Manifest; sie verstanden sich pragmatisch, wollten zunächst einmal…

"durch Ausstellung ernster Werke nach Kräften an der Förderung der künstlerischen Kultur mitarbeiten."

Wie nüchtern das Denken der modernen Künstler war, kommt in den Erinnerungen der Malerin Gabriele Münter zum Ausdruck, deren Nachlass heute zum stolzen Bestand des Münchener Lenbachhauses gehört:

"Meine Sache ist das Sehen, das Malen und Zeichnen, nicht das Reden. Fürs Malen hatte ich in Kandinsky, der 1902 mein Lehrer wurde, große Maßstäbe vor mir. Und schließlich bin ich dazu herangewachsen, die Farbe auch so selbstverständlich und unangestrengt zu beherrschen, wie die Linie."

Wassily Kandinsky war Gabriele Münters Lehrer und Lebensgefährte. Der rationale Russe, der in Moskau Jura studiert hatte, war Aufklärer und Antreiber. Er verlangte seinen Kollegen von der Neuen Künstlervereinigung die Anstrengung analytischen Denkens ab. In seiner berühmten Schrift von 1912 "Über das Geistige in der Kunst" liest sich das Verhältnis von Kunst und Leben keineswegs idyllisch sondern existenziell:

"Das geistige Leben, zu dem auch die Kunst gehört, ist eine komplizierte, aber bestimmte und ins Einfache übersetzbare Bewegung vor- und aufwärts. Diese Bewegung ist die der Erkenntnis. In Dunkel gehüllt sind die Ursachen der Notwendigkeit, sich vor- und aufwärts zu bewegen. Da kommt aber unfehlbar einer von uns Menschen, der eine geheimnisvoll in ihn gepflanzte Kraft des 'Sehens' in sich birgt. Er sieht und zeigt."

Kandinskys Initiative hatte bereits der "Neuen Künstlervereinigung" den Weg gewiesen. Und sein aufklärerisches Denken wirkte wie Sauerteig in der Gruppe, führte zu Differenzierung, Polarisierung und schließlich zu ihrer Spaltung.

1911 gründeten die Vorwärtsdrängenden unter ihnen - allen voran Kandinsky - einen neuen Künstlerkreis, den "Blauen Reiter". Kandinsky taufte ihn nach einem seiner programmatischen Gemälde: Ein romantisch-blauer Held reitet auf weißem Ross durch eine rotbunte Herbstlandschaft.

"Blau ist die typisch himmlische Farbe. Sehr tiefgehend entwickelt das Blau das Element der Ruhe. Zum Schwarzen sinkend, bekommt es den Beiklang einer nicht menschlichen Trauer. Es wird eine unendliche Vertiefung in die ernsten Zustände, wo es kein Ende gibt und keines geben kann. Ins Helle übergehend wird es von gleichgültigerem Charakter und stellt sich zum Menschen weit und indifferent, wie der hohe, hellblaue Himmel."

Nach der dunklen Phase der Verfemung im "Dritten Reich" überstrahlte der Glanz des "Blauen Reiters" nach dem Zweiten Weltkrieg alle anderen Gruppierungen der Klassischen Moderne in Deutschland. Dennoch wäre dieser azurne Stern am Firmament des Expressionismus kaum denkbar ohne die Vorbereitung der "Neuen Künstlervereinigung München".

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