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StartseiteBüchermarktHölle in Versform22.09.2016

Gedichtband von Josef ČapekHölle in Versform

Die Torturen, die der tschechische Autor Josef Čapek im Konzentrationslager Sachsenhausen durchmachen musste, ließen ihn zum Dichter werden. Seine Gedichte zeichnen sich trotz der Qualen durch einen eigenen Optimismus aus. Nun sind seine "Gedichte aus dem KZ" neu herausgegeben worden.

Von Brigitte van Kann

"Neutrale Zone - Es wird ohne Anruf sofort scharf geschossen" steht in Oranienburg (Brandenburg) auf dem Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen. (dpa / picture-alliance / Paul Zinken)
Josef Čapek starb im April 1945 im KZ Sachsenhausen. (dpa / picture-alliance / Paul Zinken)
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Ein Leben zwischen drei Welten

Sein eindringliches Nachwort zu den "Gedichten aus dem KZ" eröffnet Jiří Opelík, einer der großen alten Männer der tschechischen Literaturwissenschaft, mit einer Klarstellung: Josef Čapek, der Autor der Gedichte, sei nicht, wie es oft geschehe, mit seinem so viel berühmteren Bruder, dem Schriftsteller Karel Čapek zu verwechseln, "einem der wenigen tschechischen Schriftsteller von wirklicher Weltgeltung", wie Opelik schreibt. Deutsche Leser werden Karel Čapek als Autor des fantastisch-satirischen Romans "Der Krieg mit den Molchen" kennen, der 1936 erschien und eine angesichts nicht zu übersehender Katastrophen mit Ignoranz geschlagene Menschheit aufs Korn nimmt.

Die Stoßrichtung ging gegen die beiden totalitären Systeme der Zeit, gegen den Nationalsozialismus und den Stalinismus. In der sozialistischen Tschechoslowakei erschien "Der Krieg mit den Molchen" später auch nur in zensierter Form.

Karikaturen über Untertanengeist

Karel Čapeks älterer Bruder Josef, geboren 1887, gehörte zu den vielen mehrfach begabten Künstlern und Autoren der europäischen Avantgarde und gilt als Miterfinder einer tschechischen Spielart des Kubismus. Josef Čapek arbeitete auch als Kritiker und schrieb Kinderbücher. Seine Karikaturen - einige sind in dem Band abgedruckt - geißelten Gewaltherrschaft und Untertanengeist. Überdies verdankt ihm die Welt den Begriff "Roboter", den er für ein Theaterstück seines Bruders kreierte.

Dem Band mit Josef Čapeks "Gedichten aus dem KZ" sind ein paar Fotos aus dem Album seiner Familie beigegeben - auf einem hat sich Josef, der Ältere, in ein winziges Leiterwägelchen gezwängt, das sein Bruder Karel zieht: Die beiden waren tatsächlich ein Gespann - Brüder auch im Geiste, in der Kunst und in ihrem Kampf gegen Barbarei gleich welcher Couleur.

Karel Čapek starb Ende 1938 an den Folgen einer Lungenentzündung – der frühe Tod ersparte ihm das Konzentrationslager. Drei Monate später verleibte sich Nazi-Deutschland Böhmen und Mähren ein. Jetzt entschieden die Nationalsozialisten über Leben und Tod. Bei Kriegsbeginn 1939 wurde Josef Čapek aufgrund seiner entschieden anti-totalitären Haltung zusammen mit tausenden tschechischen Intellektuellen verhaftet.

Tortur machte Čapek zum Dichter

Drei Jahre lang zeichnete er in Buchenwald Stammbäume von SS-Leuten, bis ihn eine dubiose Anschuldigung in Einzelhaft und ins Berliner Gestapo-Gefängnis brachte. Das Erlebnis dieser "Hölle", so nannte Josef Čapek die siebenwöchige Tortur, ließ ihn, der nie zuvor Verse verfasst hatte, zum Dichter werden. Nach der Haft kam er ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort begann er Gedichte zu schreiben, drei Jahre lang, bis zu seinem Tod. Sein bewegendes letztes Gedicht entstand im Februar 1945 als Reaktion auf die Nachricht von der Auflösung des Lagers.

Schwere Tage, schwere Zeit,
keinem ist die Wahl gegeben.
Letzte Tage, Dunkelheit,
bringt ihr Tod oder das Leben?
Was nur wird das Fahrtziel sein –
Todesrachen, Neubeginnen?
Tausend gehn, nicht du allein ...
Wirst du, wirst du nicht entrinnen?
Dann der große Reisetag
– lang hast du ihn abgesehen:
Lebensernte, Schnitterschlag 
– stets wirst du nach Hause gehen!

Der Transport ging nach Westen, Ziel der Fahrt war das Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo unter den geschwächten, halb verhungerten Häftlingen Typhus ausbrach. Josef Čapek infizierte sich und starb im April 1945 - wenige Tage vor der Befreiung des Lagers. Ein Mithäftling, der seine Gedichte gesammelt hatte, kam mit dem Leben davon und überbrachte Čapeks Witwe das Konvolut der "Gedichte aus dem KZ". Schon 1946 erschienen sie im Druck.

Čapeks Gedichte strahlen Optimismus aus

70 Jahre später liegen sie nun vor uns - in der wunderbaren Übertragung von Urs Heftrich, der sich als Übersetzer des tschechischen Dichters Vladimír Holan einen Namen gemacht hat. Auch in der deutschen Fassung haben wir es hier mit gültiger Poesie zu tun. Josef Čapeks Gedichte bezeugen das Universale und Menschliche des dichterischen Worts, die Brüderlichkeit, die es zu stiften vermag, seine Fähigkeit, den Stacheldraht zu überwinden und Augenblicke der Freiheit nicht nur zu gewähren - sondern auch, sie zu bewahren. Im Nachwort schreibt Jiří Opelík dazu:

"Čapeks Gefängnisdichtung zeichnet sich überraschenderweise durch eine Art immanenten Optimismus aus, der - und dies ist ein Merkmal großen Könnens - nicht eine Wirkung rhetorischer Mittel ist, sondern das Werk der Komposition als ganzer. Diese Dichtung ist im Dunkel gefangen. Aber in diesem Dunkel entzündet sie ihre eigenen Lichtquellen."

Dem Schmerzensschrei setzt der geschundene Mensch das gebändigte Wort entgegen. Briefe an seine Frau und handschriftliche Korrekturen zeigen, wie sehr der Dichter auf Form und Klang seiner Gedichte achtete und keinesfalls bereit war, ihre formale Qualität angesichts der Umstände oder um bloßer Zeugenschaft willen aufzugeben.

Sehnsucht nach zu Hause

Josef Čapeks Gedichte würdigen die Täter keines Wortes, weil sie ganz bei den Leidenden sind. Selten hat ein Dichter seine Klage so schmerzlich mit der Sehnsucht nach Zuhause verbunden:

Schwarzes Lager, mit Schnee bespritzt wie Kalk,
Flockenkehricht bröckelt aus den grauen Wolken,
tollwütig jagt der Wind ihn zwischen den Baracken,
du mitleidloser Nord,
wenn mich dieser Husten nicht so quälte!
in Mark und Seele schneidet nasse Kälte,
der Häftling ringt nach Luft, am ganzen Leib geschüttelt:
ach, kalt, so kalt! Ach, wo ist die Wärme von daheim!

Josef Čapeks "Gedichte aus dem KZ" kehren häufig in die Zeit seiner Gefängnishaft zurück, sie evozieren den Hofgang im "Vierwändegrab", den Mithäftling, der den Verstand verlor, den mildtätigen Schlaf, der ihn für kurze Zeit sein Elend vergessen ließ. Sie beschwören vielfach die Erinnerung an den geliebten Bruder Karel und beklagen seinen frühen Tod. Immer wieder konfrontieren sie die Schönheit der Natur, der Wolken und Bäume, die Hoffnung, die der Anbruch des Frühlings auslöst, mit der Wirklichkeit des Lagers.

Ungeachtet seiner Misere führt der Mann, den das Gefängnis zum Dichter machte, einen bald expliziten, bald untergründigen Dialog mit den Großen der europäischen Literatur, mit Rilke zum Beispiel oder mit Joyce. Er verteidigt die Kultur Europas, er besteht auf ihrer Existenz und vergewissert sich seiner Zugehörigkeit.

Leser können Neuland entdecken

Erschienen sind Josef Čapeks "Gedichte aus dem KZ" in der Reihe "Bibliothek der Böhmischen Länder" im kleinen und feinen Wuppertaler Arco Verlag in einer mustergültigen zweisprachigen Ausgabe mit den Faksimiles der Originale. Kommentar, Nachwort und Editorische Notiz betten die Gedichte in die Biografie ihres Autors, in Zeit und Umstände ihrer Entstehung ein und skizzieren ihre Editionshistorie. Hier gibt es für den Leser, der nicht vom Fach ist, Neuland zu entdecken. Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur deutschen Vorstellung vom "gemeinsamen Haus Europa", in dessen Geschichte es gen Osten immer noch ziemlich viele blinde Fenster gibt.

Josef Čapek: "Gedichte aus dem KZ."
Arco Verlag, Wuppertal 2016, 190 Seiten, 26,00 €.

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