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StartseiteForschung aktuellExperte: West-Nil-Virus wird sich weiter verbreiten28.10.2019

Gefahr durch MückensticheExperte: West-Nil-Virus wird sich weiter verbreiten

Das gefährliche West-Nil-Virus könne durch Stechmücken auf den Menschen übertragen werden, sagte der Tropenmediziner Jonas Schmidt-Chanasit im Dlf. Die Folge könnten Gehirnhautentzündungen sein. Aber momentan könne man nichts machen, außer sich vor Mückenstichen zu schützen.

Jonas Schmidt-Chanasit im Gespräch mit Arndt Reuning

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Eine Mücke sitzt auf einem behaarten Arm und sticht. (picture alliance / imageBROKER / Larry West)
Die gemeine Stechmücke (picture alliance / imageBROKER / Larry West)
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Arndt Reuning: Im Sommer 1999 fielen im Central Park in New York Vögel tot von den Bäumen. Und kurz darauf erkrankten vor allem ältere Menschen an einer Art Fieber. Bald schon wurde klar: Das West-Nil-Virus war nun in Nordamerika angekommen. Eine Tierseuche aus den Tropen, die vor allem Vögel infiziert, aber durch Mücken auch auf Menschen übertragbar ist.

Seit 1999 hat sich das Virus über nahezu den gesamten nordamerikanischen Kontinent ausgebreitet und mehr als zweitausend Menschen das Leben gekostet. In diesem Sommer wurde auch bei drei Menschen in Deutschland das West-Nil-Virus nachgewiesen. Menschen, die es nicht aus dem Urlaub mitgebracht hatten, sondern die durch einen Mückenstich bei uns infiziert wurden. Vor der Sendung habe ich telefoniert mit Professor Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Ich wollte wissen: Ist das West-Nil-Virus nun auch in Deutschland angekommen?

Jonas Schmidt-Chanasit: Ja, das ist in Deutschland angekommen, es wird jetzt auch nicht mehr verschwinden, davon gehen wir fest aus. Es war damit auch zu rechnen, weil es ja schon seit einigen Jahren eben in den Nachbarländern Deutschlands, in Frankreich zum Beispiel seit den 60er-Jahren zirkuliert, insofern war das nur eine Frage der Zeit, bis es auch zu uns kommt.

"Bei einem bestimmten Anteil der Infizierten schwere Verläufe"

Reuning: Wie gefährlich ist denn das West-Nil-Virus in unseren Breiten, wo es ja eigentlich als Tropenkrankheit gar nicht heimisch ist?

Schmidt-Chanasit: Es ist schon gefährlich, weil es eben bei einem bestimmten Anteil der Infizierten zu diesen schweren Verläufen kommen kann, also zu Gehirnentzündungen oder Gehirnhautentzündungen, ähnlich wie bei der FSME, die ja, glaube ich, vielen in Deutschland auch geläufig ist und gerade in Süddeutschland ja doch einige Fälle im Jahr hervorruft.

Insofern ist dieses Virus schon ernst zu nehmen, und wir müssen sehen, wie wir damit in der Zukunft umgehen. Es ist jetzt quasi ein nicht ungefährliches Virus, das durch Stechmücken in Deutschland übertragen werden kann. Diese Stechmücken kommen überall in Deutschland vor, das heißt man kann davon ausgehen, dass das Virus sich auch weiter verbreiten wird und dann auch überall in Deutschland potenziell vorkommen kann.

Reuning: Und welche Schutzmöglichkeiten gibt es? Kann man sich zum Beispiel impfen lassen?

Schmidt-Chanasit: Man kann sich leider noch nicht impfen lassen, es wird an Impfstoffen geforscht, es ist auch davon auszugehen, dass man so einen Impfstoff entwickeln kann, nur das Ganze benötigt noch Zeit. Wenn wir in den nächsten zehn Jahren so einen Impfstoff zur Verfügung haben - ähnlich, wie wir es eben für das FSME-Virus haben oder für die Japanische Enzephalitis. Das sehe ich eigentlich ganz positiv. Aber momentan kann man eben nichts machen, außer sich vor Mückenstichen zu schützen, das heißt, entsprechende Sprays aufzutragen, Wasseransammlungen zu vermeiden, das heißt Regentonnen umdrehen und so weiter - also individuelle Schutzmaßnahmen, um die Exposition gegenüber den Stechmücken zu verringern.

Entscheidender Faktor: Temperatur

Reuning: Welche Faktoren begünstigen denn eigentlich eine Ausbreitung des West-Nil-Virus?

Schmidt-Chanasit: Der wichtigste Faktor, den wir identifizieren konnten, ist die Temperatur. Das heißt, gerade wenn wir sehr heiße Sommer haben oder wenn es sehr früh im Jahr schon warm wird, begünstigt das die Virusvermehrung in den Stechmücken. Dann haben wir einfach viel mehr Viren in den Stechmücken, und damit steigt dann die Gefahr, dass diese Viren auch auf den Menschen übertragen werden. Die Temperatur ist hier das entscheidende Kriterium. 2018 war zum Beispiel ein wunderbares Jahr für das West-Nil-Virus in Deutschland, und darum ist es dann auch 2018 das erste Mal aufgetreten in Deutschland, weil es eben so heiß war.

Reuning: Auch ein anderes Virus befindet sich auf dem Vormarsch in Richtung Norden. In Südfrankreich wurden vergangene Woche die zwei ersten Zika-Fälle gemeldet, bei denen das Virus wohl durch eine Stechmücke übertragen worden ist. Stellt denn auch das Zika-Virus eine Bedrohung für Deutschland dar?

Schmidt-Chanasit: Na ja, eine Bedrohung nicht, man kann es auf keinen Fall mit dem West-Nil-Virus vergleichen, weil das Zika-Virus wird nicht durch einheimische Stechmücken übertragen, sondern durch exotische, importierte Stechmücken, die eigentlich gar nicht hier heimisch sind, die asiatische Tigermücke. Sie ist in bestimmten Bereichen Süddeutschlands bereits ansässig geworden, das sind aber nur sehr punktuelle Vorkommen.

Das heißt, ein flächendeckender Ausbruch wie beim West-Nil-Virus ist gar nicht möglich momentan, insofern muss man sagen, das ist eben nicht so dramatisch, weil die Erkrankung an sich auch nicht so dramatisch ist für die nicht schwangeren Patienten wie beim West-Nil-Virus. Daher muss man das deutlich eben abgrenzen von der West-Nil-Virus-Epidemie in Deutschland. Es kann zu vereinzelten Fällen kommen vielleicht in den nächsten Sommern, aber es wird keinen großen Zika-Virus-Ausbruch in Deutschland geben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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