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Gefahr für Antarktis Die Fresswut der Steinkrabben

Forscher aus Florida haben anhand von Unterwasseraufnahmen in der Antarktis herausgefunden, dass dort lebende Königs- und Steinkrabben ihr Habitat immer weiter nach oben verlegen. Sollten es die gefräßigen Tiefseetiere irgendwann bis auf den Kontinentalsockel schaffen, wäre das eine fundamentale Bedrohung für die dortige Fauna.

Von Dagmar Röhrlich | 29.09.2015

Eisschollen in der Antarktis
Eisschollen in der Antarktis (dpa / picture-alliance / Jim Yungel)
Über Wochen zog das Forschungsschiff Nathaniel B. Palmer vor der Westküste der Antarktischen Halbinsel ein Gestell mit Kameras und Sensoren hinter sich her. Über Kabel wurden Bilder und Daten direkt auf die Bildschirme der Forscher an Bord übertragen. So machten sie eine unerfreuliche Entdeckung:
"Wir konnten mithilfe Zehntausender Fotografien eine Bestandsaufnahme von Königs- oder Steinkrabben der Tiefseeart Paralomis birsteini machen. Die meisten fanden wir in Tiefen von 1.100 bis 1.500 Metern, aber es gab sie auch noch in 840 Metern Tiefe. Um die Antarktis herum bricht der Randbereich des Meeres, der Kontinentalsockel, in etwa 450 Metern Tiefe steil in die Tiefsee ab. Wir fürchten, dass die Tiere auf dem Weg nach oben sein könnten und bald in die empfindlichen Ökosysteme auf dem antarktischen Kontinentalsockel eindringen könnten."
Denn Steinkrabben sind höchst effiziente Räuber, erzählt Richard Aronson vom Florida Institute of Technology. Das Problem: In den Ökosysteme des antarktischen Kontinentalsockels leben nicht nur zahllose Tierarten, die es nur dort gibt, vielmehr fehlen dort auch seit 30 Millionen Jahren Spitzenprädatoren:
"Für Räuber wie Paralomis birsteini oder den Riesen-Antarktisdorsch war das Wasser einfach zu kalt. Durch die Kälte reichern sich im Blut dieser Tiefsee-Steinkrabben Magnesiumsalze an, die sie betäuben und töten. Weil das Wasser in der Tiefe etwa ein Grad wärmer war als auf dem Kontinentalsockel, waren sie sozusagen unten gefangen. In den vergangenen 50 Jahren hat sich nun das Wasser um die Antarktis durch den Klimawandel um anderthalb Grad erwärmt - und deshalb haben die Steinkrabben keine Probleme mehr mit dem Magnesium."
Tiefsee-Steinkrabben fressen alles, was sie finden können
Auf Fotos aus 840 Metern Wassertiefe wogten Rasen von Seelilien in der Strömung. Schnecken, Schlangensterne und Seegurken krochen über den Boden. Auf den nächsten Bildern jedoch war der Untergrund kahl. Dann entdeckten die Biologen den Grund: Die Tiefsee-Steinkrabben machten sich über alles her, was sie finden konnten.
"Wir haben dort auch auch Dutzende Tiere gefangen und untersucht, ob sie dort nur fressen oder sich aktiv fortpflanzen - und das tun sie."
Steigen sie weiter auf, drohen sie, die sozusagen "wehrlose" Fauna des antarktischen Kontinentalsockels aufzufressen, so Aronson. Die Messungen der Temperatursensoren bewiesen, dass - anders als gedacht - schon jetzt die Wassertemperatur bis in 200 Meter Tiefe hoch genug für Königskrabben ist. Genetische Untersuchungen und der Vergleich mit Verwandten von den subantarktischen Inseln und Südamerika sollen zeigen, woher die Population eigentlich stammt.
"Uns interessiert wirklich, ob sie erst vor kurzer Zeit in die Gewässer um die Antarktis eingedrungen sind, oder ob sie schon seit langem dort leben, und - je nachdem, wie sich das Klima veränderte und die Gletscher vorstießen oder sich zurückzogen - den Kontinentalabhang sozusagen hinauf- und hintergelaufen sind."
Für Daniela Storch vom Alfred-Wegener-Institut liegt die Bedeutung dieses Artikels vor allem darin, dass er die Verbreitungsgrenze dieser Art genau verzeichnet:
"Die Hypothese, dass die Steinkrabben einwandern können in den nächsten Jahrzehnten, besteht schon seit über zehn Jahren, das ist nichts Neues. Aber es ist interessant und wichtig, solche Bestandsaufnahmen zu haben, um dann wirklich zu sehen, wie in den nächsten Jahrzehnten sich diese Verbreitungsgrenzen der Arten verschieben. Ob die Tiefseesteinkrabben tatsächlich dann den Schelf hochwandern, das sei dahin gestellt."
Gestützt werden Aronson Beobachtungen jedoch von einer weiteren Forschergruppe in einem benachbarten Gebiet: Dort könnten anderthalb Millionen Tiefseekrabben auf dem Weg nach oben sein. Und so glaubt Richard Aronson nicht, dass irgendeine physiologische Barriere diese Krabbenart davon abhält, ins Flachwasser vorzudringen: Untersuchungen zufolge kämen sie überall klar.
Es sei ein weiteres Beispiel dafür, wie der menschengemachte Klimawandel den Planeten ärmer mache, so der Forscher.