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StartseiteInterviewGefilterte Realität10.12.2009

Gefilterte Realität

Google erstellt Nutzerprofile für personalisierte Suchergebnisse

Die Internetsuchmaschine Google will künftig allen Nutzern individualisierte Suchergebnisse anbieten und speichert dazu Informationen über Suchanfragen der vergangenen sechs Monate. Constanze Kurz vom Chaos Computer Club rät dazu, die Datensammlung von Google durch angepasste Browsereinstellungen zu kontrollieren.

Constanze Kurz im Gespräch mit Sandra Schulz

Passanten vor dem  Hauptgebäude des Suchmaschinen- unternehmens Google in Mountain View im US-Bundestaat Kalifornien (AP)
Passanten vor dem Hauptgebäude des Suchmaschinen- unternehmens Google in Mountain View im US-Bundestaat Kalifornien (AP)

Sandra Schulz: Das Wort "googeln" ist seit fünf Jahren im Duden zu finden. Es steht für die Recherche im Internet per Suchmaschine. Der Anbieter Google ist seit Jahren Marktführer. Google ist für Hunderte Millionen Menschen Filter der Realität und damit auch eine Schaltstelle der Macht im Internet. Die vorderen Plätze auf der Trefferliste sind begehrt, für Unternehmen sind sie bares Geld wert, denn niemand will sich stundenlang durch die Listen klicken. Bislang waren die Treffer für alle Suchenden mehr oder weniger gleich. Wenn Sie zu Hause "Barack Obama" eingeben, dann haben Sie wahrscheinlich ähnliche Ergebnisse wie wir hier in der Redaktion. Das könnte sich aber künftig ändern, denn die Suchmaschine merkt sich künftig, wonach wir früher schon gesucht haben, und das soll uns Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, einzuordnen helfen. Guten Morgen!

Constanze Kurz: Guten Morgen.

Schulz: Was heißt dieses Google-Langzeitgedächtnis jetzt für die Nutzer?

Kurz: Zunächst wird sich vielleicht bei der Nutzung der Google-Suchmaschine nicht viel ändern, aber wenn Google einige Tage oder auch Wochen Daten sammelt, könnten sich schon die Suchergebnisse, die man dann in der Ergebnisliste erhält, ändern. Das heißt, die werden angepasst auch auf die zum Beispiel Hobbys und Vorlieben und auch die Suchbegriffe, die man an den Tagen oder Wochen zuvor angegeben hat.

Schulz: Google macht sich dann ein Bild von mir und entscheidet dann, welche Häppchen der Realität es mir anbietet?

Kurz: Ja. Es wird quasi kein allgemeines sogenanntes Ranking mehr geben, also die Art, wie ein Algorithmus bestimmt, welche Ergebnisse in welcher Reihenfolge dargestellt werden, sondern dieses Ranking, die Liste, die ich bekomme, wenn ich in Google die Suchbegriffe eingebe, wird an meine Vorlieben angepasst. Dazu kann man von maximal 180 Tagen die Daten auswerten.

Schulz: Das heißt, das ist eigentlich eine Beschränkung meines Weltbilds?

Kurz: Kann man so sagen. Das kann man positiv oder negativ sehen. Zum einen kann man sagen, okay, wenn die Suchmaschine vielleicht genauer weiß, was ich in der Regel suche - wir nehmen mal das Beispiel "Fahrrad" -, wenn die Suchmaschine weiß, dass ich, wenn ich "Fahrrad" eintippe, eigentlich immer "Elektrofahrrad" meine, dann kann mir das natürlich helfen, genauere Suchergebnisse zu finden. Auf der anderen Seite, auf der negativen Seite kann man sich natürlich sagen, okay, da sucht eine Monopolsuchmaschine, auch noch mehr Daten von mir zu erlangen.

Schulz: Google hat mit dieser Speicherung jetzt Anfang der Woche angefangen. Warum ist das eigentlich so untergegangen?

Kurz: Diese individualisierte Suche gibt es eigentlich schon sehr lange, nur dass man sich früher explizit dafür einloggen musste. Man musste so einen Google-Account haben. Heute ist es so, dass das über einen sogenannten Cookie gemacht wird. Das ist eine kleine Datei, die auf dem Rechner des Benutzers angelegt wird und dann über diese maximal 180 Tage diese Daten sammelt. Das heißt, auch ohne dass man dort einen Account hat, wird die Suche individualisiert.

Schulz: Kann es denn auch passieren, dass sich die Suchmaschine von mir ein Bild macht, ohne dass ich davon was merke?

Kurz: Ja, natürlich, denn viele von den normalen Internet-Surfern kümmern sich nicht darum, ob der Browser die Cookies speichert und wie lange. Man kann natürlich sehr einfach dagegen vorgehen, indem man etwa immer dann, wenn man den Browser schließt, auch alle Cookies wegschmeißt, also löschen lässt. Heute gibt es bei allen modernen Browsern dafür Einstellungen. Man muss also eigentlich jedem raten, sich in Zukunft mal kurz diese Einstellung anzusehen, was die Cookies betrifft, oder eben regelmäßig die Cookies zu löschen. Natürlich können generell nicht immer sehr genaue Daten über die Suchen anfallen, denn heutzutage benutzen ja viele den Rechner auch gemeinsam mit der Familie. Da hätte man natürlich auch kein genaues Profil von der Person, wenn die Kinder oder der Ehepartner den Rechner mitbenutzt.

Schulz: Kann es denn auch passieren, dass ich künftig sozusagen eine vorsortierte Wahrheit im Internet antreffe, einfach eine vorsortierte Realität?

Kurz: Das kann durchaus sein. Wenn man nämlich wirklich nie die Cookies löscht und auch sehr häufig Google benutzt, ergibt sich schon ein sehr klares Profil. Das ist schon auch eine gewisse Gefahr, dass dies ein Filter ist, dass Daten, wo die Suchmaschine eben meint, dass man die sucht, rausgegeben werden und nicht mehr allgemeine Ergebnislisten, die für jeden gleich sind.

Schulz: Ist die Entscheidung vom Anfang der Woche denn ein Dammbruch?

Kurz: In erster Linie interessiert es natürlich jetzt Menschen, die sich mit Suchmaschinenoptimierung befassen, denn es gibt ja vor allen Dingen im kommerziellen Bereich sehr viele Leute, die sich darum kümmern. Das ist ja eine ganze Industrie, die solche Suchmaschinenoptimierung macht. Es wird interessanter für den Bereich der regionalen Werbung, denn wenn man sich vorstellt, dass etwa Informationen über den Ort, an dem man sich befindet, dort mitgespeichert werden, wird es einfach spannend für diejenigen, die sich möglichst hoch in den individualisierten Ranking-Listen, also in den Ergebnislisten präsentieren wollen.

Schulz: Jetzt hat der "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher ja in seinem neuen Buch schon ohnehin beklagt, dass die Computer die Kontrolle über unser Leben übernommen hätten. Gibt diese Entwicklung jetzt ihm aktuell Recht?

Kurz: Ich denke, man sollte es nicht so ganz negativ sehen, denn am Ende hat derjenige, der seinen Browser und seinen Computer benutzt, ja die Kontrolle darüber. Ich denke, dass es vor allen Dingen auch darum gehen muss, die Menschen besser darüber aufzuklären, was die Gefahren sind, so dass sie eben die Datensammlung von Dritten wie Google selbst kontrollieren können. Das ist ja möglich. Niemand ist gezwungen, diesen Cookie auf der Festplatte anzunehmen, oder sich nicht auch darum zu kümmern und die regelmäßig zu löschen. Dann fallen da auch keine Profile an. Man muss es eben tun. Ich glaube, mit der täglichen Benutzung des Netzes haben sich viele noch nicht gut damit auseinandergesetzt, dass man sich dann eben auch um einige kleine Einstellungen immer wieder mal kümmern muss. Das ist eine Sache, die sich wahrscheinlich erst in den nächsten Jahren rumspricht.

Links zum Thema:

Informationen über Cookies beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik

Cookies löschen in Firefox - Anleitung mit Video auf "Verbraucher sicher online"

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