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StartseiteMusikjournalStaatsoper Hamburg hilft Long-Covid-Patienten17.05.2021

Gegen die AtemnotStaatsoper Hamburg hilft Long-Covid-Patienten

Nach einer Corona-Infektion haben etwa fünf Prozent der Patienten noch über lange Zeit Probleme mit dem Atmen. Ein Pilotprojekt der Staatsoper Hamburg mit der Universitätsklinik Eppendorf eröffnet mit gezieltem Atemtraining einen neuen Weg der Therapie.

Von Marcus Stäbler

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Sängerinnen und Sänger der Staatsoper Hamburg arbeiten mit Long-Covid-Patienten. (imago images | Eibner)
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"Dann machen wir bitte jetzt noch einmal die schnelle Einatmung durch die Nase und die schnelle Ausatmung durch den Mund auf "Ffff". Und achten Sie auf eine gute Spannung in den Lippen, Kussmund oder Fischmund. Eine Hand auf den Solar plexus, die andere in die Seite."

Die Mezzosopranistin Kristina Staneck steht im Parkettfoyer der Staatsoper Hamburg an einem runden Tisch, vor sich einen Tabletcomputer. Über ein Onlineprogramm gibt sie ein Atemcoaching für Ivan Kirr, einen 54-jährigen Mann, der unter den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion leidet.

"Die Corona-Erkrankung ist im November gewesen, die dauerte dreieinhalb Wochen."

Doch nach diesen dreieinhalb Wochen hatte er zwar das Schlimmste überstanden, war aber noch längst nicht wieder wirklich fit. Ivan Kirr, ein ehemaliger Leistungssportler und kräftiger Mann, scheiterte schon am Versuch, einen Stuhl zu tragen.

Eine Frau sitzt mit geschlossenen Augen auf dem Sofa vor ihrem Laptop und hat ihre Hand auf die Stirn gelegt. Symbolbild. (imago / photothek / Thomas Trutschel) (imago / photothek / Thomas Trutschel)"Long Covid" - Was wir über Langzeitfolgen von Covid-19 wissen
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Online-Training mit Profi-Sängern

"Da musste ich mich übergeben!", bekennt Kirr, dem noch im Januar vierzig Prozent seines Lungenvolumens fehlten. Seit April bekommt er zweimal die Woche digitalen Einzelunterricht bei Kristina Staneck, die seit dieser Spielzeit zum Ensemble der Staatsoper gehört, aber noch kein einziges Mal vor Publikum im Saal aufgetreten ist.

Normalerweise macht sie die Online-Sitzungen von zuhause aus, diesmal ist sie für einen Medientermin in die Staatsoper gekommen, damit ihr einige Fernseh- und Radiojournalisten bei der Arbeit mit dem Patienten zuhören und zuschauen können. Die Sängerin leitet spezielle Übungen an, um den Atemapparat zu trainieren. Darunter eine, bei der ein Silikonschlauch in den Mund genommen und dann in eine mit Wasser gefüllte Flasche getaucht wird.

"Den Schlauch nicht tiefer als bis zum zweiten Strich in die Flasche stecken. Flasche vor die Brust halten und auf "U" reinblubbern."

"Das ist der Lax Vox-Schlauch, der wurde von einer finnischen Logopädin in den 90er-Jahren entwickelt. Der wird hauptsächlich in der Stimmtherapie eingesetzt. Viele Sänger und Schauspieler verwenden den oder Moderatoren, um die Stimme frisch zu halten. Und mit Herrn Kirr habe ich den hauptsächlich verwendet, weil es für Entspannung den gesamten Stimmapparats sorgt und man darauf die Ausatmung verlängern und trainieren kann."

Seit Beginn seiner Online-Sitzungen mit der Sängerin Kristina Staneck spürt Ivan Kirr eine deutliche Verbesserung.

"Und das hat mir nochmal Kraft gegeben dran zu bleiben, bis ich wieder vollständig genesen bin."

Kirr ist ein halbes Jahr nach der Covid-19-Erkrankung sowohl physisch als auch im Gesamtbefinden auf einem guten Weg. Wie groß der Anteil der Coachings an seinem Genesungsprozess ist, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Der Lungenarzt Hans Klose, Leiter der Pneumologie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, möchte erst die Auswertung zu Ivan Kirr und derzeit sieben Patientinnen und Patienten abwarten, die an den Coachings mit Sängerinnen und Sängern der Staatsoper teilnehmen.

"Das ist eine sogenannte Pilotstudie, so würde ich sie mal nennen. Die begleiten wir wissenschaftlich. Wir werten die Patienten aus und gucken, ob wir einen Hinweis bekommen auf eine Effektivität. Mehr als eine Idee und einen Hinweis können wir aus so wenigen Patienten nicht herausbringen. Aber wenn wir den Hinweis haben, wären wir natürlich froh, wenn wir Unterstützer hätten, die größere Projekte möglich machen."

Vorbild England

Größere Projekte wie das Programm "Breathe", das die English National Opera in Kooperation mit dem Imperial College in London für Covid-Patienten entwickelt hat. Dieses Programm ist in England mittlerweile zu einem nationalen Angebot für bis zu tausend Patientinnen und Patienten angewachsen.

"Und das haben wir mitbekommen über Pressemitteilungen", sagt Hermann Reichenspurner, Direktor des Herzzentrums am Universitätsklinikum.

"Und haben dann intern gesprochen und haben gesagt, das wäre doch sinnvoll, auch für unsrer Long-Covid-Patienten zu machen. Und ich habe privat sehr gute Connections in die Hamburger Staatsoper und deshalb meinen Freund, den Intendanten Georges Delnon angerufen, der sofort begeistert war von so einer Möglichkeit, so etwas hier an der Staatsoper umzusetzen.

Für Opernintendant Georges Delnon ist es ein zentrales Anliegen, während der Pandemie aktiv zu sein und sich zu zeigen.

"Als große Institution ist man eh auf dem Prüfstand in so einer Pandemiezeit und muss sich überlegen: was mache ich, was mache ich künstlerisch, wie nehme ich Teil an dieser ganzen Relevanzdiskussion und Prioritätenfrage: wo ist die Kunst, wo ist die Kultur in dieser Situation."   

Sinnvolle Aufgabe für die Sängerinnen und Sänger

Und da bietet das musikalisch-medizinische Projekt eine gute Möglichkeit, sich einzubringen. Die Staatsoper und ihre Sängerinnen und Sänger, die seit langer Zeit wenig bis gar keinen Kontakt zu ihrem Publikum haben, finden mit den Coachings eine sinnvolle Aufgabe. Sie können ihre Kompetenzen für die Gesellschaft nutzen – wenn auch anders als gewohnt.

"Dass man da nochmal ein neues Fenster aufmacht und sagt, wir können auch direkt helfen, finde ich schon sehr, sehr wichtig. Und ich würde sogar soweit gehen und sagen: dieses Projekt wird auch Teil unserer Identität sein in dieser Pandemiezeit."

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