Dienstag, 24. Mai 2022

Long Covid
Was wir über Langzeitfolgen von Covid-19 wissen

Viele Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert waren, leiden auch Monate später an Symptomen wie Erschöpfung und eingeschränkter Leistungsfähigkeit. Welche Spätfolgen können wie lange auftreten, welche Ursachen und Behandlungen gibt es? Und schützt die Impfung vor Long Covid? Ein Überblick.

14.04.2022

Eine Frau sitzt mit geschlossenen Augen auf dem Sofa vor ihrem Laptop und hat ihre Hand auf die Stirn gelegt. Symbolbild.
Erschöpfung und Müdigkeit treten teils noch lange nach einer Covid-19-Infektion auf (imago / photothek / Thomas Trutschel)
In seinem täglichen Corona-Lagebericht weist das Robert Koch-Institut auch die Zahl der genesenen Personen aus. Derzeit gelten demnach circa 20 Millionen Menschen in Deutschland als genesen – also als nicht mehr ansteckend (Stand April 2022). Tendenz stark steigend.
Einige der in der Statistik auftauchenden Menschen, die eine Covid-19-Erkrankung eigentlich überstanden haben, klagen aber über bleibende Symptome. Halten die Beschwerden länger an als vier Wochen nach der ursprünglichen Infektion oder Erkrankung oder treten sie dann erst auf, spricht man von Long Covid oder auch Post Covid. Verlässliche, repräsentative Daten zum Anteil der Erkrankten mit Langzeitfolgen liegen laut Bundesministerium für Gesundheit noch nicht vor. Es ist auch nicht abschließend klar, ob bestimmte Virusvarianten eher zu Long Covid führen als andere.

Welche Symptome können auftreten?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat im Oktober 2021 erstmals eine Fallbeschreibung von Long Covid veröffentlicht. Zu den häufigsten Covid-Langzeitfolgen gehören demnach Erschöpfung, Kurzatmigkeit und kognitive Beeinträchtigungen. Hinzu kommen eine Vielzahl weiterer Beschwerden wie Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Muskelschmerz, Druckgefühl auf dem Brustkorb, Depressionen und Angstzustände. Sie alle wirken sich auf das Alltagsleben der Betroffenen aus.
Der bevölkerungsrepräsentativen Mainzer Gutenberg-Covid-19-Studie zufolge berichten sechs Monate nach der Infektion rund 40 Prozent der Genesenen über mindestens eins dieser von der WHO klassifzierten Symptome. Befragt wurden Personen, die zwischen Oktober 2020 und Juni 2021 positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Sie gaben als häufige Symptome Geruchs- und Geschmacksstörungen, Abgeschlagenheit und Müdigkeit, Gedächtnis-, Schlafstörungen oder Atemnot und Kurzatmigkeit an.
Auch nach einer chinesischen Studie, die Ende August 2021 in der Fachzeitschrift "The Lancet" erschien, war fast jeder Dritte auch zwölf Monate nach einer Covid-19-Erkrankung noch kurzatmig, jeder Fünfte fühlte sich noch schlapp, mehr als jeder Vierte litt an Angststörungen oder Depressionen.
Allerdings berichten Nicht-Infizierte in der Gutenberg-Studie in einem ähnlichen Ausmaß von solchen Beschwerden, insbesondere von Abgeschlagenheit, Freudlosigkeit oder Stimmungsschwankungen. Die Studienautoren und auch andere Forschende weisen deshalb darauf hin, dass die Belastung durch die Pandemie-Situation in der Bevölkerung generell hoch ist. Viele Long-Covid-Symptome sind daher zum Teil schwer zu trennen von sozialen Folgen der Pandemie. Hier sind weitere klinische Untersuchungen notwendig.

App-Studie zeigt Nachwirkungen für drei Monate

Klare Unterschiede zwischen Infizierten und Nicht-Infizierten konnte ein Team um den Komplexitätsforscher Marc Wiedermann vom Institut für theoretische Biologie der Berliner Humboldt-Universität aufzeigen. Menschen, die eine Corona-Infektion durchgemacht haben, haben demnach oft drei Monate lang einen höheren Ruhepuls, außerdem ist die Schlafdauer drei Monate lang erhöht, die Bewegungsaktivität hingegen drei Monate reduziert. Bei Geimpften hatte eine Infektion schwächere Nachwirkungen, sie hielten dann zudem auch nicht so lange an. Ob die Menschen sich mit Omikron oder Delta infiziert hatten, spielte für die Nachwirkungen hingegen keine große Rolle.
An der Studie, die im April 2022 veröffentlicht wurde, haben Hunderttausende Menschen teilgenommen. Sie haben ihre Vitaldaten über handelsübliche Fitnessarmbänder erfasst und über eine App an die Wissenschaftler übermittelt. Die Menschen haben sich freiwillig für die Studie gemeldet, sie wurden also nicht zufällig und auch nicht repräsentativ ausgewählt. Vor allem jungen Menschen haben teilgenommen, für über 65-Jährige ist die Studie daher nicht so aussagekräftig.
Daten von US-Veteranen und aus Australien zeigen zudem, dass es innerhalb eines Jahres nach einer Corona-Infektion häufiger zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommt, insbesondere zu Herzmuskelentzündungen. Auch der Zwischenbilanz eines Forschungsprojekts der Universitätsklinik Ulm zufolge leiden 20 Prozent der Patienten der dortigen Long-Covid-Sprechstunde unter Organschäden und vor allem unter Herzmuskelentzündungen.

Symptombild Chronic Fatigue

Viele Beschwerden, die im Zusammenhang mit Long Covid auftreten, erinnern an ein anderes Krankheitsbild, die Myalgische Enzephalomyelitis (ME), auch bekannt als Chronic Fatigue Syndrom (CFS) oder chronisches Erschöpfungssyndrom.
"Der Begriff chronische Fatigue bezeichnet im weitesten Sinne Erschöpfung, aber eine krankhafte Erschöpfung, die nicht erklärbar ist durch eine normale Belastung", erklärte die Leiterin des "Chronic Fatigue Centrums" an der Charité in Berlin, Carmen Scheibenbogen, im Deutschlandfunk. Die Fatigue könne einhergehen mit vielen weiteren Symptomen. "Das ist noch nicht automatisch CFS", betont die Forscherin. Charakteristisch an der CFS sei eine Belastungsintoleranz: Patienten können sich kaum noch anstrengen, haben Konzentrationsstörungen und Muskelschmerzen. "Man kommt oftmals tagelang nicht mehr vom Sofa hoch." Der Fachbegriff hierfür lautet "post-exzeptionelle Malaise". Scheibenbogen zufolge ist sie das Hauptsymptom von CFS. Zugelassene Medikamente gegen CFS gibt es bislang nicht, sagte die Medizinerin im Dlf.
ME/CFS, so die Sammelabkürzung, tritt auch nach anderen Vireninfektionen als der mit dem neuen Coronavirus auf. "Wir vermuten, dass es sich bei Long Covid nicht primär um eine neue Erkrankung handelt, sondern um eine altbekannte Erkrankung, verursacht durch einen neuen Erreger", eben SARS-CoV-2, sagte der Ulmer Ambulanz-Leiter Johannes Kersten. Schon 2012 bei der Schweinegrippe-Pandemie wie auch bei Erkrankungen durch das Eppstein-Bar-Virus, dem Pfeifferschen Drüsenfieber, seien genau jene Beschwerden bereits beschrieben worden, die man jetzt bei Long Covid sehe, also Müdigkeit, Atemnot, Lungenfunktionsveränderungen. Dementsprechend ist eine These der Experten, dass die Erkrankung ME/CFS bei Covid-19 dem bereits von anderen Virenerkrankungen her bekannten postinfektiösen Chronic Fatigue Syndrome entspricht.

Welche Ursachen haben die Symptome?

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dazu, welche Ursachen hinter Long Covid stecken. Zum einen nimmt man an, dass noch Virusbestandteile oder ganze Viren im Körper sind, die eine andauernde Entzündungsreaktion hervorrufen. "Dann gibt es die Gruppe an Patienten, die durch die initiale Covid-19 Erkrankung organische Schäden davongetragen haben", berichtete Johannes Kersten von der Ulmer Long-Covid-Ambulanz im Dlf. Zum Beispiel treten Lungenarterienembolien gehäuft bei Covid-19-Patienten auf. Die Beschwerden davon können lange fortdauern. Ein weiterer Erklärungsansatz für Long Covid sind Entzündungsprozesse, die ähnlich Autoimmunerkrankungen noch fortbestehen können, sagte Kersten. Dafür gibt es zwar erste Ansätze in Laborversuchen, aber noch keine stichhaltigen Beweise.

Welche Patienten sind von Langzeitfolgen betroffen?

Potentiell sind alle Altergruppen und Geschlechter von Long Covid betroffen. Es haben sich aber inzwischen einige Risikofaktoren gezeigt:
  • Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer.
  • Wer schwer an Covid-19 erkrankt war, hat auch ein höheres Risiko für Long Covid.
  • Das Alter spielt eine Rolle.
  • Die Immunantwort spielt eine Rolle: Wer wenig Antikörper gebildet hat, leidet später häufiger an Long Covid.
  • Asthma-Patienten sind gefährdeter als andere.
Insbesondere der Zusammenhang zwischen einem schweren Verlauf der Erkrankung und Langzeitfolgen ist gut belegt. Long Covid kann aber auch Patientinnen und Patienten mit leichten Verläufen betreffen. Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, erklärte im Dlf, das Immunsystem nehme zum Teil auch bei leichteren Fällen einen härteren Kampf auf und könne dabei nachhaltig verändert werden. "Die Zusammensetzung der weißen Blutkörperchen hat sich in solchen Fällen mehr verändert, als wir das gedacht hätten", so Falk. Man gehe davon aus, dass fast zehn Prozent der Long-Covid-Patienten zu den eigentlich leichten Covid-19-Fällen gehören. Darunter sind "vor allem Frauen, vor allem Frauen unter 55 Jahren". Diese zeigten ein spezielles, sehr komplexes Long-Covid-Geschehen, das mit dem Chronic Fatigue Syndrom verknüpft sei.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

In vielen Städten gibt es mittlerweile Long-Covid-Ambulanzen. Johannes Kersten von der Ambulanz am Universitätsklinikum Ulm zufolge gibt es aktuell nur Therapieansätze, die noch unter klinischer Prüfung stehen. Zugelassene Medikamente gibt es nicht "und das wird es auch auf absehbare Zeit wahrscheinlich nicht geben", so Kerstens Einschätzung.
Es gibt allerdings erste Versuche, die Folgen von Long Covid mithilfe von Medikamenten zu lindern. Erfolgreich war das etwa in einem individuellen Heilverfahren, berichtet Bettina Hohberger im Dlf. Sie ist Fachärztin an der Augenklinik des Universitätsklinikums Erlangen und war an einem Heilversuch einer Forschungsgruppe der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg beteiligt. Den genauen Mechanismus des Medikaments kenne man noch nicht, so Hohberger. Das müsse nun weiter mit klinischen Studien untermauert werden.
Die Ärztin Beate Jäger praktiziert in Mülheim an der Ruhr und bietet dort ein Blutwäsche-Verfahren an, das gegen Long-Covid helfen soll. Dabei sollen geronnene Eiweiße aus dem Blut gewaschen und Spike-Proteine entfernt werden. Doch die Behandlung ist extrem teuer, etwa 1000 Euro kostet eine Sitzung. Und vor allem fehlen bisher wissenschaftliche Nachweise für die Wirksamkeit. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen die Therapie daher nicht.
Jäger verweist auf Erfolge, die sie mit der Therapie bei zahlreichen Patienten erzielt habe. Ob die Methode tatsächlich geronnene Eiweiße oder Spike-Proteine aus dem Blut filtert, sei nicht belegt, betont Julia Weinmann-Menke, Sprecherin der deutschen Gesellschaft für Nephrologie. Die Behandlungserfolge seien nicht zwingend auf die Therapie zurückzuführen. Bei Blutwäsche-Verfahren gebe es zudem oft hohe Placebo-Effekte.

Je länger die Symptome dauern, desto schwieriger wird die Therapie

Eine Behandlung werde immer schwieriger, je länger sich ein Zustand schon chronifiziert habe, sagte die Long-Covid-Expertin Jördis Frommhold aus der Rehaklinik Heiligendamm im Dlf. "Gerade was den Bereich Atemmechanik, Schonatmung, Leistungsminderung angeht, haben wir wirklich gute therapeutische Ansatzpunkte. Schwieriger wird es, wenn die neurologisch-kognitiven Einschränkungen sehr stark sind. Da muss man manchmal noch neurologische Diagnostik hinzuziehen oder auch spezifische Verfahren, und da ist es schon so, dass manche Patienten auch nicht in ihren alten Beruf und in ihr altes Leben zurück können."
Der Essener Kardiologe Oliver Bruder rät nach einer sorgfältigen körperlichen Untersuchung Long-Covid-Patienten meist dazu, Sport zu treiben. Entscheidend sei, dass am Anfang eine umfangreiche Diagnostik stehe und dann maßgeschneiderte Trainingspläne erstellt würden. Gerade bei dem häufigsten Symptom von Long-Covid, dem Chronic Fatigue Syndrome, ist körperliches Training allerdings umstritten. Ältere Studien zu Sport und CFS würden inzwischen kritisch gesehen, sagte die Medizinerin Carmen Scheibenbogen im Dlf. Entscheidend sei, dass es mehrere Arten von Erschöpfung gebe. Besonders vorsichtig sollten Menschen mit einer Belastungs-Intoleranz sein. Hier sei Sport die falsche Empfehlung. Stattdessen empfiehlt sie das sogenannte Pacing: Aktivität ja, aber nur im Rahmen der eigenen beschränkten Möglichkeiten.
Die Bundesregierung unterstützt mit einem weiteren Programm die Erforschung der Langzeitfolgen von Covid-19-Erkrankungen. Für zehn Forschungsvorhaben werden insgesamt 6,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Sie befassen sich unter anderem mit Behandlungsansätzen.

Schützt die Impfung vor Long Covid?

Bei den Studien zur Zulassung der Impfstoffe hat Long Covid keine Rolle gespielt. Die Corona-Impfung schützt aber der "Zoe Covid Study" zufolge offenbar auch vor Langzeitfolgen einer Infektion im Falle eines Impfdurchbruchs. Zweifach geimpfte Erwachsene, die sich mit dem Coronavirus infizieren, haben demnach ein um 47 Prozent geringeres Risiko, an Long Covid zu erkranken. 
Die Impfung hilft auch Menschen, die bereits Long-Covid-Symptome aufweisen. Patienten hätten nach einer Impfung mit den zugelassenen Impfstoffen eine Verbesserung der Beschwerden erreicht, berichtet der Leiter der Ulmer Post-Covid-Ambulanz Johannes Kersten: "Das setzt an dem Punkt an, wo man sagt, dass die Long-Covid-Erkrankung durch Virusbestandteile oder noch bestehende Viren im Körper verursacht wird. Dann kann man sich natürlich vorstellen: Wenn das Immunsystem diesbezüglich noch mal gepusht wird, müssten die Beschwerden zurückgehen." Sollte aber eine fehlgeleitete Immunantwort verantwortlich sein, könnte die Impfung laut Immunologin Akiko Iwasaki von der Yale Universität das System wieder in den Ursprungszustand zurück bringen.
Eine Impfung könnte also für Long-Covid-Patienten sinnvoll sein. Allerdings: Sie scheint nur einem Drittel der Betroffenen helfen, zwei Drittel müssen weiter auf symptomatische Therapien und vor allem auf die Zeit setzen.
Quellen: Volkart Wildermuth, SMC, Nina Voigt, pto