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StartseiteKultur heuteKulturschaffende solidarisieren sich mit Regimekritikern06.10.2020

Gegen Repressionen in der TürkeiKulturschaffende solidarisieren sich mit Regimekritikern

Viele Regimekritiker sitzen in der Türkei im Gefängnis. Auch Kulturschaffende sehen sich Repressionen durch das Regime von Präsident Erdogan ausgesetzt. Daher haben deutsche Kulturinstitutionen wie das PEN-Zentrum und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zur Solidarität mit ihnen aufgerufen.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Porträt von Osman Kavala 2015. (laif/ Nar Photos/ Kerem Uzel)
Der Kultur-Mäzen Osman Kavala, um den sich derzeit viele Sorgen machen (laif/ Nar Photos/ Kerem Uzel)
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Am meisten vermisst Asli Erdogan ihre Muttersprache. Monatelang saß die türkische Schriftstellerin in ihrer Heimat zunächst in Untersuchungshaft. Seit drei Jahren lebt die 53-Jährige, die mit Essays und Romanen wie "Das Haus aus Stein" bekannt geworden ist, nun in Deutschland im Exil. Sie versucht, das Beste daraus zu machen.

"Ich bin ja nicht die erste Autorin, die im Exil leben muss, und wahrscheinlich auch nicht die letzte. Aber was bei mir wirklich schwer wiegt, ist das Exil von meiner Sprache. Ich merke, wie ich täglich mehr von meinem Türkisch verliere. Und das ist das Schlimmste am Exil."

Eine besondere Art von Heimweh, die Asli Erdogan Anfang des Jahres in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur beschrieb.

Kurz zuvor hatte ein Gericht in Istanbul die Schriftstellerin von allen Vorwürfen der Volksverhetzung und Propaganda für eine illegale Organisation freigesprochen. Hunderten - die Opposition spricht sogar von tausenden - Andersdenkenden in der Türkei ergeht es allerdings immer schlechter. Verfolgung, Einschüchterung, Festnahmen: Die Liste der Repressionen gegen Künstlerinnen, Schriftsteller und Journalisten ist lang.

"Appell der 101 Weisen" richtet sich an junge Leute

Deshalb erheben türkische und deutsche Intellektuelle und Literaturverbände nun erneut ihre Stimme. Am Vormittag stellten sie in Berlin den "Appell der 101 Weisen" vor - einen Aufruf, in dem die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner Willkür und Unterdrückung durch den türkischen Staat anprangern und besonders junge Menschen auffordern, ihre Stimme gegen das Erdogan-Regime zu erheben. Dieser Aufruf, den zahlreiche Oppositionelle in der Türkei unterzeichnet haben, wird hierzulande unter anderem vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und vom PEN-Zentrum Deutschland unterstützt. Dessen Vize-Präsident Ralf Nestmeyer bemüht sich seit langem um mehr Unterstützung für die türkische Opposition:

"Wir haben ja unser Programm "Writers in Exile". Mittlerweile haben wir da zwölf verfolgte Autoren aus dem Ausland, die hier in Deutschland leben, für bis zu drei Jahre ein Stipendium bekommen, und da sind auch türkische Autoren dabei - unter anderem Asli Erdogan, die in Berlin unsere Stipendiatin ist."

Das PEN-Zentrum Deutschland versucht außerdem durch Ehrenmitgliedschaften ein Zeichen zu setzen. In der Türkei werde das durchaus registriert, meint Nestmeyer:

"Die bekommen das schon alle mit. Auch jetzt Osman Kavala, dass man sich für ihn einsetzt. Im Gefängnis bekommen die Informationen und erfahren ja auch, dass es in Deutschland immer wieder thematisiert wird und man sich für sie einsetzt."

Sorge um Kultur-Mäzen Osman Kavala

Besonders in Sorge ist die Schrifsteller-Vereinigung um Osman Kavala. Der Kulturmäzen sitzt seit drei Jahren in der Türkei im Gefängnis. Er habe die Gezi-Proteste im Jahr 2013 in Istanbul mit ausländischem Geld finanziert, so der Vorwurf. Kavala hatte sich schon vor seiner Haft lange für einen friedlichen Dialog eingesetzt - sowohl im Kurden-Konflikt als auch mit den Armeniern. Ralf Nestmeyer:

"Also Osman Kavala hat nichts in irgendeiner Form getan, was ansatzweise rechtfertigen würde, ihn zu inhaftieren. Es geht da nur darum, jemanden auszuschalten. Und da zeigt die Türkei ganz deutlich, dass sie ein Unrechtsregime ist."

Die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan nehmen deutsche und türkische Intellektuelle nun zum Anlass für ihren erneuten Aufruf, der demokratischen Opposition am Bosporus den Rücken zu stärken.

"Da könnte die Bundesregierung durchaus mehr tun. Ich weiß: Die Bundesregierung setzt sich dafür ein - auch das Auswärtige Amt - auch im Fall von Osman Kavala. Aber man könnte natürlich im diplomatischen Bereich mehr Druck auf die Türkei ausüben. Aber wahrscheinlich gibt es politische Erwägungen, sich zurückzuhalten, weil man bezüglich der Flüchtlingskrise etc. dann andere Probleme fürchtet, vermute ich."

Asli Erdogan: "Wir sind Opfer einer Hexenjagd"

Für den 15. Oktober ruft das PEN-Zentrum Deutschland jetzt zu einer Mahnwache für Osman Kavala vor der Türkischen Botschaft in Berlin auf. Auch der Schriftstellerin Asli Erdogan liegt das Schicksal des Kunstmäzens am Herzen:

"Von Anfang an war es so, dass sein Fall so gelagert war wie meiner. Es war komplett unlogisch. Den Anklagepunkten fehlte jede Basis. Wir sind beide wirklich Opfer in einer Hexenjagd, wo ein Exempel für die Gesellschaft statuiert werden soll, um zu zeigen: So benehmt euch mal lieber nicht."

So erinnert sich die Autorin. Asli Erdogan verarbeitet ihre Haft in der Türkei jetzt in ihren Büchern und Essays. Viele andere Künstlerinnen und Künstler in ihrer Heimat können nicht einmal mehr das.

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