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StartseiteKultur heuteDie Orte des Bauhauses, neu erzählt20.04.2019

Gemeinschaftsprojekt in DessauDie Orte des Bauhauses, neu erzählt

In den Dessauer Jahren des Bauhauses entstanden etliche Gebäude mit unterschiedlichen Funktionen, unter ihnen die Wohnhaus-Siedlung Törten. Anlässlich des 100jährigen Jubiläums wurden die Bauten originalgetreu wieder hergerichtet und dem Publikum zugänglich gemacht.

Von Carsten Probst

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Blühende Blumen auf der Wiese vor dem Konsumgebäude in der Bauhaus-Siedlung Dessau-Törten, das 1928 von Walter Gropius entworfen wurde (picture alliance / Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild / dpa)
Die Bauhaus-Siedlung Dessau-Törten, die 1928 von Walter Gropius entworfen wurde. In ihr vereinen sich unterschiedliche Typen sozialen Wohnungsbaus. (picture alliance / Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild / dpa)
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Wenn im September das neue Bauhaus-Museum in Dessau eröffnet, dann wird das historische Bauhaus-Gebäude von Walter Gropius kein Museum mehr sein, wie bislang, sondern selber Ausstellungsstück. Erstmals seit Jahrzehnten kann man es deshalb jetzt in einem Zustand ohne Einbauten sehen, so wie es die Bauhäusler selbst damals gesehen haben. Zum Beispiel die neuerdings wunderbar restaurierte Weberei im ersten Stock:

"Es ist unfassbar, wie lichtdurchflutet und wie original in seiner Qualität erscheint. Deshalb rede ich immer von einer Sensation, obwohl er leer ist, und man kann sich wirklich vorstellen wie ich früher gearbeitet und gewerkt wurde."

Vom "Kornhaus" zur Gartenstadt

Die Begeisterung von Frank Assmann, dem Leiter der Bauabteilung des Bauhauses,  über  die ganz neuen Raumeindrücke in der historischen Werkhalle ist vollkommen berechtigt: Insgesamt zwölf große und kleinere Bauhaus-Gebäude gibt es über ganz Dessau verteilt, und sie sind nun teilweise erstmals überhaupt, so wie auch das Bauhaus-Hauptgebäude von Walter Gropius oder die Meisterhäuser, öffentlich zugänglich. Ein Erlebnis moderner Topografie besonderer Art: Von Walter Gropius' Arbeitsamt aus dem Jahr 1928/29, einem halbkreisförmigen Flachbau mit dreigeschossigem Kubus, der immerhin schon zu DDR-Zeiten unter Denkmalschutz gestellt worden ist bis zur Gaststätte "Kornhaus" von Carl Fieger, die auch heute noch ein beliebtes Restaurant in Dessau ist.

Sehenswert vor allem aber auch die Reihenhaussiedlung Dessau-Törten am Stadtrand, die vermutlich bislang die Wenigsten gesehen haben, eine von Walter Gropius geplante Bauhaus-Gartenstadt mit unterschiedlichen Typen sozialen Wohnungsbaus: einem Prototyp mit Stahlgerüst von Georg Muche und Richard Paulick, Reihenhäusern und Konsummarkt von Walter Gropius und Laubenganghäuser seines Nachfolgers Hannes Meyer.

Was das Bauhaus antrieb, war die Wohnungsnot

Gerade Törten entspricht dem, was in Dessau und darüber hinaus die eigentliche Funktion des Bauhauses war: Lösungen zur Bekämpfung der eklatanten Wohnungsnot in der Weimarer Republik zu entwerfen – keine Weltkulturerbestätten, sondern nach wie vor genutzte Zeugnisse der "sozialen Moderne". Claudia Perren, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau:

"Das ist sozusagen programmatisch, dieses prototypische Arbeiten im Alltag, draußen in der Stadt, ist schon etwas, was diese Schule auch sehr bezeichnet, und wir wollten versuchen, diese Architekturen vor allen Dingen durch sich selbst wirken zu lassen und sie nicht durch andere Ausstellungsarchitekturen zu verbauen."

Kurze Filme führen die Besucher künftig vor Ort in die Geschichte der Häuser ein. Es lohnt sich aber auch, den Blick über Dessau hinausgehen zu lassen. Die Topografie der sozialen Moderne lässt sich in allen größeren Städten Sachsen-Anhalts hervorragend erleben und wurde mit gewaltigem Engagement in den letzten Jahren aufbereitet. Die erstaunlichen Siedlungsbauten aus den 1920er Jahren in Magdeburg zum Beispiel wurden damals trotz knapper Kassen gebaut, um die Arbeiter aus ihren Elendsquartieren zu holen, entworfen und gestaltet vom damaligen Baustadtrat Bruno Taut oder vom Architekten Karl Krayl, die, wissend um die Monotonie der Architektur, sie gleich auch mit einem bunt-expressiven Anstrich versorgten. Das alles wird auch gerade in einer schönen Ausstellung im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg dokumentiert. Aber man muss kein Spezialist sein, um zu erkennen: Die Reformstadt der Moderne ist auch heute stadtpolitisch brandaktuell.

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