Samstag, 24. Februar 2024

Wirtschaftssysteme
Worum geht es bei der Gemeinwohl-Ökonomie?

Wohlstand erwirtschaften und dabei Umwelt und Demokratie schützen: Das ist das Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie. Wie das Konzept für ein nachhaltiges Wirtschaftssystem funktioniert – und wo seine Grenzen liegen.

12.01.2024
    Eine Hand hält eine kleine Erdkugel aus Glas vor einem Feld mit jungen Sätzlingen.
    Die Gemeinwohlökonomie hat einen anderen Begriff von Wachstum und Wohlstand als der Kapitalismus. (picture alliance / Chromorange / Michael Bihlmayer)

    Was bedeutet Gemeinwohl?

    Der Begriff Gemeinwohl stammt aus der Philosophie der griechischen Antike. Das Wort bezeichnet die gemeinsamen Interessen möglichst vieler Mitglieder einer Gesellschaft. Im Gegensatz zu Partikularinteressen einzelner Gruppen geht es also darum, so zu handeln, dass es für die Allgemeinheit von Vorteil ist.
    Das Gemeinwohl ist auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert. Dort heißt es in Artikel 14: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
    Laut Bundesverfassungsgericht ist das Gemeinwohl außerdem das Ziel jedes staatlichen Handelns. Bund, Länder und Kommunen sind deshalb dem Gemeinwohl verpflichtet. Das heißt, sie sollen sich bei all ihren Entscheidungen an den Interessen der Allgemeinheit orientieren.

    Was ist Gemeinwohl-Ökonomie?

    Die Gemeinwohl-Ökonomie ist einer von mehreren Entwürfen für ein alternatives Wirtschaftssystem. Erfunden hat das Konzept der Österreicher Christian Felber. Sein gleichnamiges Buch wurde im Jahr 2010 veröffentlicht.
    Eine von Felbers Grundannahmen lautet: Die Ziele des bestehenden, globalisierten Wirtschaftssystems widersprechen den Grundwerten einer demokratischen Gesellschaft. Bei ihrem wirtschaftlichen Handeln konzentrierten sich Unternehmen ausschließlich auf den finanziellen Gewinn. Dabei entstünden aber hohe Folgekosten wie Umweltbelastungen und psychischer Stress, die nicht die Firmen selbst, sondern die Allgemeinheit bezahlen müsse.
    Die Gemeinwohl-Ökonomie will das ändern. Die Idee: Anstatt nur auf die Vermehrung von Geld zu achten, sollen sich alle wirtschaftlichen Akteure auch am Gemeinwohl orientieren. Ziel ist ein Wirtschaftssystem, das Anreize für ethisches Handeln schafft und rücksichtsloses, gewinnorientiertes Verhalten bestraft.
    Die Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich nicht als fertiges Wirtschaftsmodell, sondern als Konzept, das offen für Entwicklungen ist. Es soll in Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stetig weiterentwickelt werden. Die Unterstützerinnen und Unterstützer der Gemeinwohl-Ökonomie stehen im Austausch mit Mitgliedern anderer Ansätze für eine nachhaltigere Wirtschaft – etwa der Donut-Ökonomie.

    Wie funktioniert die Gemeinwohl-Bilanz?

    Die Gemeinwohl-Bilanz ist das wichtigste Instrument in der Gemeinwohl-Ökonomie, um das wirtschaftliche Handeln von Unternehmen, Kommunen oder Personen zu messen. Anders als bei rein finanziellen Bilanzen soll dadurch nicht nur der Gewinn, sondern auch der Nutzen eines Unternehmens für die Gesellschaft beurteilt werden.
    In der Gemeinwohl-Bilanz werden die wirtschaftlichen Akteure nach den Kriterien Menschenwürde, ökologische Verantwortung, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung und Transparenz bewertet. Überprüft wird zum Beispiel, wie nachhaltig die Produktion abläuft, wie Gewinne verteilt werden oder wie viel Mitspracherecht Mitarbeitende haben. In den verschiedenen Kategorien der Gemeinwohl-Bilanz werden Punkte verteilt. Für erwünschte Aspekte wie Umweltschutz und gute Arbeitsbedingungen erhalten die Firmen Pluspunkte. Abzug gibt es zum Beispiel für Umweltbelastungen oder Personalabbau. Alle Punkte zusammengerechnet ergeben die Gemeinwohl-Bilanz einer Institution.

    Wer arbeitet mit der Gemeinwohl-Ökonomie?

    Seit der Veröffentlichung des Buchs „Gemeinwohl-Ökonomie“ vor 14 Jahren hat sich eine weltweite gleichnamige Bewegung gebildet. In Deutschland ist sie als eingetragener Verein organisiert. In Nordrhein-Westfalen gibt es außerdem eine gemeinnützige Stiftung Gemeinwohl-Ökonomie Sie bemüht sich um Fördermittel, um Gemeinwohl-Projekte in dem Bundesland zu fördern.
    Nach eigenen Angaben umfasst die Bewegung aktuell 11.000 Mitglieder in 35 Ländern, dazu zählen demnach auch über 1000 Unternehmen und 44 Kommunen (Stand Januar 2024). Die Mitglieder verpflichten sich, eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen und diese zu veröffentlichen.
    In Deutschland gibt es derzeit acht zertifizierte Gemeinwohl-Gemeinden. Dazu zählen unter anderem Kirchanschöring in Oberbayern sowie die Städte Steinheim, Brakel und Willebadessen im Kreis Höxter. Wie sich die Gemeinden für das Gemeinwohl einsetzen, kann von Fall zu Fall unterschiedlich sein, je nachdem, welche Kriterien für das Engagement ausgewählt wurden. Beispielsweise hat die Stadt Brakel einen Bürgerbus eingerichtet, um den Autoverkehr zu reduzieren. Andere Gemeinden investieren in innerstädtische Grünflächen, Sportstätten oder eine nachhaltige Energieversorgung.

    Wo liegen die Grenzen der Gemeinwohl-Ökonomie?

    Die Gemeinwohl-Ökonomie ist derzeit noch kein Massenphänomen, sondern eher eine Nischenbewegung. Darin liegt auch einer der größten Kritikpunkte an dem Konzept: Bisher basiert das System der Gemeinwohl-Bilanz auf Freiwilligkeit. Um wirklich effektiv zu sein, müssten die Gemeinwohl-Kriterien aber auf das gesamte weltweite Wirtschaftssystem angewendet werden. Das würde allerdings tiefgreifende Veränderungen voraussetzen.
    Kritiker des Konzepts halten die Unterstützer der Gemeinwohl-Ökonomie deshalb für weltfremd. Die Wirtschaftskammer Österreich kritisiert außerdem in einer Stellungnahme, die Gemeinwohl-Ökonomie schränke Eigentumsrechte und die unternehmerische Freiheit ein. Außerdem wird vor dem bürokratischen Aufwand gewarnt, den die Gemeinwohl-Bilanzen und ihre Kontrollinstanzen mit sich brächten: Dies könne hohe Kosten verursachen.

    kau