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StartseiteKultur heuteAuf der Suche nach Gott29.10.2018

#Genesis an den Münchner KammerspielenAuf der Suche nach Gott

Sechs Personen suchen einen Gott und stoßen dabei immer wieder auf sich selbst: Die israelische Regisseurin Yael Ronen arbeitet sich in "#Genesis - A starting point" an den Münchner Kammerspielen am Schöpfungsmythos ab. Dabei geht sie mal humorvoll, mal mit großer Ernsthaftigkeit vor.

Von Sven Ricklefs

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Eine Szene aus "Yael Ronens #Genesis - A Starting Point" an den Münchner Kammerspielen (Münchner Kammerspiele / David Baltzer)
Eine Szene aus "Yael Ronens #Genesis - A Starting Point" an den Münchner Kammerspielen (Münchner Kammerspiele / David Baltzer)
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Wie ein riesiges Auge hängt er schräg über der Welt, die eine sich drehende Scheibe ist. Wie ein riesiges Auge Gottes hängt dieser Spiegel da über der Bühne und zeigt uns alles, was sich auf der Welt abspielt bzw. auf diese Bühne projiziert wird. Und das ist viel: Galaktische Nebel und tanzende Spermien, Neuronale Netze und biblische Szenen Alter Meister, frühe Mutterleibsstadien und endlose Lichttunnel und - darauf und darüber und darin: Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler als Gottvater und Lilith, als Adam und Eva, als Kain und Abel - in Maske und Kostüm, die ihre Komik im Detail tragen und zugleich dennoch Raum lassen für große Bilder und große Fragen.

An wen glaubt Gott?

Da werden Menschenleiber zu Bestandteilen von religiösen Mosaiken oder sie kreisen embryonal gekrümmt durchs All. Da stellt sich die Frage etwa nach dem Beginn der Schöpfung ebenso wie die nach Gott überhaupt:

"Gott ist Christ oder Wiebke?"

"Gott ist kein Christ, Gott ist Jude!"

"Nein, Gott ist gar nicht religiös, er muss nicht glauben, er ist!"

"Gott ist nicht gläubig, der ist ein Ketzer, wie ich!"

"Ein Ketzer, wer ist ein Ketzer, Gott ist ein Ketzer?"

"Ketzerei würde ja bedeuten, dass er sich selbst verleugnen muss, das macht er gar nicht, ich sage ja nur, dass er nicht an sich glauben muss."

"Du glaubst, Gott glaubt nicht an sich?"

"An wen, glaubst du, glaubt Gott?"

"Glaubst Du, Gott glaubt an andere Götter?"

"Hä??"  

Sechs Personen suchen einen Gott und stoßen dabei immer wieder auf sich selbst. Oder umgekehrt. Yael Ronen und ihr Ensemble haben verschiedene Motive aus der Genesis herausgelöst und arbeiten sich aus ihrer eigenen Gegenwart heraus daran ab. Da geht es um den Sündenfall ebenso wie um das Verschwinden der Urmutter Lilith oder um die Erschaffung der Frau aus der Rippe des Mannes. Da zieht man sich schnell mal die Maske über, die blonde Perücke oder den Nacktsuit und diskutiert derweil über Geschlechterkrieg, Diskriminierung von Frauen oder Schwulen oder über die verzweifelte Suche nach Anerkennung, die beim eigenen Vater beginnt und bei Gottvater endet, dem man wiederum eine sehr menschliche Biografie einredet.

"Und er, völlig am Boden zerstört, alleingelassen mit einer gesamten Welt, um die er sich kümmern musste und ein paar gerade erst erschaffenen Menschen. Und ich sag mal, er war jetzt nicht so der Typ: alleinerziehender Gott, ja."

Pathos und Respektlosigkeit

Mit sehr viel Humor aber auch mit einer großen Ernsthaftigkeit arbeitet sich Yael Ronen mit ihrem Ensemble an unserem Schöpfungsmythos ab, diesem Urgrund unserer Kultur, der in unsere Gene eingeschrieben unleugbar Einfluss nimmt und deswegen immer wieder hervorgeholt, interpretiert und auch um- oder überschrieben werden muss. Dabei zeigt sie den Mut zum Pathos großer Bilder ebenso wie zugleich die notwendige Respektlosigkeit, um für heilige Mythen überraschende Varianten zu finden, wie etwa für die - eigentlich als Symbol der Vollkommenheit geltende - sich in den Schwanz beißende Schlange.

"Thorsten sagte so etwas wie: Wenn Du verstehen willst, wie ein Gott sich fühlt, dann musst Du versuchen, Dir selbst den Schwanz zu lutschen."

Es ist eines der Grundprinzipien von Yael Ronen, immer auch aus den jeweiligen biografischen Hintergründen ihrer Schauspielerinnen und Schauspieler zu arbeiten, und das tut sie nun wieder bei "#Genesis" an den Münchner Kammerspielen. Da kommt die Beziehung zu den jeweiligen Vätern ebenso zur Sprache wie die Beziehung etwa zu Gott selbst. Und so erweitert dieses Theater wieder einmal den Blick aus dem Privaten auf das Allgemeine, das Politische oder in diesem Fall das Kulturelle und zeigt so einen unmittelbaren und nachvollziehbaren Weg auf, über verschiedene biografische Details Zugang zu erhalten zum großen Ganzen. Mit großartigen Bildern. Sehr komisch und sehr berührend.

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