Montag, 06. Februar 2023

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Genforschung
"Ich finde es schwierig, dass wir in das Genmaterial des Menschen eingreifen"

Nachdem das erste Baby mit dem Genmaterial von drei Elternteilen geboren wurde, hat die Publizistin Birgit Kelle Kritik an der Methode geübt. Wenn das Kind gesund sei, sei das zwar ein Grund zur Freude, sagte sie im DLF. Man müsse jedoch die Frage stellen, wie weit man bei der Entwicklung des Menschen gehen solle.

Birgit Kelle im Gespräch mit Tobias Armbrüster | 29.09.2016

    Die Publizistin Birgit Kelle
    Die Publizistin Birgit Kelle kritisierte, dass zwar viele Menschen empört seien, wenn es um genetisch veränderte Pflanzen und Lebensmittel gehe, es aber in Ordnung scheine, ins Erbmaterial von Menschen einzugreifen. (imago stock&people)
    Die Nachricht darüber, dass das erste Baby mit dem Genmaterial von drei Eltern ist in Mexiko geboren wurde, sorgte weltweit für Schlagzeilen. Der Junge wurde vor fünf Monaten geboren, seine Eltern sind Jordanier, wie das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" berichtete.
    Die Mutter des Jungen hatte Gene des Leigh Syndroms, einer tödlichen Störung des zentralen Nervensystems, in ihrem Erbgut. Deshalb wurde aus der Eizelle der Mutter der gesunde Zellkern entnommen und in eine entkernte Eizelle einer Spenderin eingesetzt. Erst dann wurde das aus der Zell-DNA der Mutter und der Mitochondrien-DNA der Spenderin zusammengesetzte Ei mit dem Sperma des Vaters befruchtet.
    Eingriff in "natürlichen Kreislauf"
    Wenn man nur die Sequenz herausnehme, dass ein gesundes Kind geboren sei, "freuen wir uns", so Birgit Kelle. Es sei aber unklar, ob es langfristig gesund bleibe. Sie sagte: "Ich finde es schwierig, dass wir im Genmaterial des Menschen anfangen einzugreifen und es handgemacht verändern." Damit griffe man "in den natürlichen Kreislauf der Fortpflanzung" ein, die Folgen seien nicht absehbar.
    Jeder möchte zwar ein gesundes Kind haben, so Kelle, aber sie wäre vorsichtig zu sagen, man sollte auf diesem Weg weitermachen. Sie warf die Frage auf: "Wollen wir alles machen, was wir können, wenn es um die Entwicklung des Menschen geht?"
    Menschen mit Behinderungen akzeptieren
    Man müsse diskutieren, was es bedeute, wenn man ein krankes Kind bekomme. "Ist dieses Kind dann fehlerhaft? Ich würde sagen: Nein." Die Diskussion, ob ein behindertes Leben lebenswert ist, wolle man in Deutschland nicht mehr führen. Jeder Mensch habe das Recht auf Leben. Sie sagte: "Ich wäre froh, wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, in der jeder akzeptiert wird."
    Wenn man an Gott glaube, so Kelle, glaube man daran, dass die Dinge perfekt seien, auch wenn man sie nicht verstehe.
    Sie kritisierte, dass zwar viele Menschen empört seien, wenn es um genetisch veränderte Pflanzen und Lebensmittel gehe, es aber in Ordnung scheine, ins Erbmaterial von Menschen einzugreifen.

    Das Interview in voller Länge:
    Tobias Armbrüster: Es war eine Nachricht, die sofort weltweit Schlagzeilen gemacht hat, wahrscheinlich auch, weil sie sich in wenigen Worten so einfach zusammenfassen lässt. In Mexiko wurde das erste Baby mit drei Eltern geboren. Weil die Mutter eine schwere Erbkrankheit hat, haben Mediziner nur einen Teil ihrer Eizelle benutzt und sie mit einer völlig intakten Eizelle einer Spenderin kombiniert, und befruchtet wurde die dann mit dem Sperma des Vaters. Biologisch-genetisch hat dieses Kind, das da geboren wurde, also zwei Mütter und einen Vater, drei Eltern also.
    Das zieht natürlich alle möglichen Fragen nach sich, medizinische, aber natürlich auch gesellschaftliche. Darüber wollen wir jetzt sprechen. Am Telefon ist die Publizistin Birgit Kelle. Sie bezeichnet sich selbst als konservativ, ist Feminismus-Kritikerin und sie setzt sich immer wieder vor allem für ein eher traditionelles Rollenmodell der Frau ein. Schönen guten Morgen, Frau Kelle.
    Birgit Kelle: Guten Morgen!
    Armbrüster: Frau Kelle, eine Mutter, die trotz Gendefekt ein gesundes Kind bekommen kann, das können wir doch zunächst mal als wissenschaftlichen Fortschritt bezeichnen, oder?
    Kelle: Wenn man das so von Weitem betrachtet, oder wenn man mal nur diese Sequenz herausnimmt und sagt, da hat eine Mutter einfach ein gesundes Kind bekommen, dann freuen wir uns natürlich grundsätzlich über jedes Kind. Aber die Frage, ob dieses Kind gesund sein wird, ist erstens mal noch nicht geklärt. Es ist jetzt erst mal auf der Welt und nur ein paar Monate alt. Und die Frage, mit welcher Methode oder auf welchem Weg diese Mutter das Kind bekommen hat, darüber muss man dann leider doch genauer sprechen, weil dann wird es leider schwer.
    Armbrüster: Was finden Sie daran schwer?
    "Natürlich möchte jeder von uns gerne ein gesundes Kind haben"
    Kelle: Ich finde es schwierig, dass wir im Genmaterial des Menschen anfangen, nicht herumzupfuschen - in diesem Sinne wollten die Ärzte ja, glaube ich, nicht pfuschen, sondern sie wollen etwas gut machen -, aber was wir faktisch tun, ist, in der Tat in das Erbmaterial des Menschen einzugreifen, es handgemacht, von Menschen gemacht zu verändern und somit direkt in den natürlichen Kreislauf der Fortpflanzung eingreifen und die Folgen nicht absehen können. Keiner kann sagen, ob dieses Kind tatsächlich gesund sein wird, oder ob man nicht vielleicht durch das, was man getan hat, jetzt aber mal diese eine Krankheit, die man eliminieren wollte, tatsächlich geschafft hat zu eliminieren, aber wer kann die Garantie geben, dass wir nicht diesem Kind möglicherweise jetzt neue Schwierigkeiten bereitet haben, die wir noch nicht mal absehen können.
    Armbrüster: Das heißt, das ist durchaus ein Bereich, den die Medizin weiter erforschen sollte, weil das Ziel, das da feststeht, ein gesundes Kind zu kriegen, ja wirklich ein sehr gutes Ziel ist?
    Kelle: Sagen wir es mal so. Natürlich, jeder von uns möchte gerne ein gesundes Kind haben. Ich würde es allerdings auch da schon vorsichtig anfangen zu formulieren, wenn Sie sagen, wir sollten unbedingt auf diesem Weg weitermachen, weil ich denke, wir sollten vorher erst mal grundsätzlich für uns als Menschen klären die Frage, ob wir eigentlich alles machen wollen was wir können, gerade wenn es um die Entwicklung des Menschen oder um die Zeugung des Menschen geht, weil natürlich die Medizin, die Wissenschaft, die hat den Forschungsdrang. Das verstehe ich, das ist auch gut für uns Menschen, weil dadurch sind auch Krankheiten eliminiert worden. Andererseits kommen wir jetzt langsam in Bereiche hinein, wo es möglich sein wird, Dinge zu tun, die vielleicht noch vor 50 Jahren für unvorstellbar galten - bis dahin, dass wir ja auch zum Beispiel an der Tatsache forschen, ob es vielleicht möglich wäre, zum Beispiel den Organhandel oder den Organmangel für Organspenden durch tierische Organe zu ersetzen. Auch daran wird geforscht. Das sind einfach Dinge, wo ich sage, da sollten wir erst mal ethisch drüber sprechen, ob wir das überhaupt wollen.
    Armbrüster: Nun ist aber ja der Wunsch, ein gesundes Kind zu bekommen, einer der größten Wünsche, den Menschen überhaupt haben können. Ist das nicht ein Feld, in dem sich diese Art von Forschung dann tatsächlich lohnt?
    "Keiner von uns ist perfekt"
    Kelle: Sie lohnt sich. Allerdings muss man forthin darüber diskutieren, was bedeutet das denn dann, wenn ich ein krankes Kind bekomme. Ist dieses Kind dann fehlerhaft?
    Armbrüster: Was würden Sie sagen?
    Kelle: Ich würde sagen: Nein! Weil keiner von uns ist perfekt. Aber wir kommen dann genau in diesen Bereich, den wir gerade in Deutschland doch sehr, sehr vorsichtig betrachten sollten, über die Frage, ob zum Beispiel ein behindert geborenes Kind eigentlich lebenswertes Leben ist, und das sind die Diskussionen, die wir eigentlich in Deutschland nicht mehr führen wollen, sondern wo wir sagen, mal davon abgesehen, dass wir auch Menschenrechtskonventionen für die Menschen mit Behinderung haben, wo wir sagen, jeder Mensch hat das Recht auf Leben und wir sind nicht die Instanz, die darüber entscheiden sollte, ob nur ein kerngesundes Leben etwas ist, worüber wir uns freuen, sondern ich wäre froh, wenn wir in einer Gesellschaft leben, die sich über jedes Kind freut und über jeden Menschen freut, weil jeder diese Würde in sich trägt, ganz egal, ob er körperlich oder geistig gesund ist.
    Armbrüster: Frau Kelle, das Besondere an diesem Fall ist nun, dass das Kind, das da geboren wurde - ich habe es gesagt -, drei Eltern hat, zwei Mütter und einen Vater. Was sagen Sie dazu?
    Kelle: Das wirft verschiedene Fragen auf: einerseits medizinisch, ob das alles gut geht. Darüber sprachen wir gerade schon. Dann ist es natürlich eine ethische Frage, ob wir den natürlichen Verlauf der Dinge verändern dürfen, ohne das Kind überhaupt zu fragen. Wissen Sie, wir forschen jetzt und wir sagen, liebes Kind, wir haben doch alles für Dich getan, weil für Dich tun wir das doch, damit Du gesund bist …
    Armbrüster: Aber ein Embryo wird ja nie gefragt.
    Kelle: Ja, ich sage ja. Deswegen müssen wir Erwachsenen darüber entscheiden, ob das gut ist für das Kind. Ob aber anschließend dieses Kind, wenn es so weit mündig ist, darüber nachzudenken, warum es eigentlich drei Eltern hat, diese Tatsache wirklich so wahnsinnig fantastisch findet, oder es für seine Identitätsfindung nicht vielleicht sogar ein größeres Problem ist, ist dann wieder eine andere Frage. Und dann kommen auch noch rechtliche Aspekte hinzu, dass man sagt, wer hat denn eigentlich "das Recht an diesem Kind".
    Sie können es ja sogar noch ein Stück weiter denken. Jetzt bei diesem medizinischen Versuch ist es so, dass dieses Kind, dieser kleine Junge ja zwei Mütter hat. Man hat Chromosomen verändert in der Eizelle, hat die DNA einer zweiten Frau eingefügt, dann hat man die Eizelle befruchtet. Wenn jetzt die Wissenschaft feststellen würde, da ist noch eine andere Krankheit, die überträgt sich allerdings über die Chromosomen des Mannes. Das heißt, wir nehmen auch das Spermium vorher, verändern auch dort möglicherweise mit der DNA eines weiteren Mannes noch mal und befruchten dann diese Eizelle, dann sind Sie schon bei vier! Wer ist dann auch rein rechtlich der Vater.
    "Die Eizellspende ist ja auch nichts anderes als ein Eizellhandel weltweit"
    Armbrüster: Aber rechtliche Dinge kann man ja alle regeln. Dazu sind Gesetze da. Und wo steht denn geschrieben, dass ein Kind tatsächlich nur eine biologische Mutter haben darf?
    Kelle: Nun sagen wir es mal so: Wenn Sie Christ sind und an Gott glauben, dann glauben Sie zum Beispiel daran, dass es möglicherweise perfekt ist, wie wir geschaffen sind, auch wenn wir die Dinge nicht verstehen. Wir erleben auch in anderen Bereichen im Übrigen, man sieht so ein gewisses Paradoxon: Gerade in Deutschland haben wir doch eine wirklich immer sehr hitzige Debatte alleine über die Frage von gentechnisch verändertem Mais. Wenn Sie über Pflanzen in Deutschland sprechen, dann gibt es bei uns Menschen, die sagen, oh mein Gott, wir dürfen nicht einmal in das Erbgut von Pflanzen eingreifen, weil wir damit das Natürliche verändern. Und wir müssen sogar Warnschilder auf dieses Gemüse kleben. Wenn wir genverändertes Essen anbieten würden oder verkaufen würden, dann muss das sogar extra gekennzeichnet werden. Das heißt, wenn wir in das Erbmaterial von Pflanzen, von Mais oder Tomaten eingreifen, um es zum Beispiel vor Schädlingen zu schützen, dann sind bei uns Menschen auf den Barrikaden, die sagen, das dürft ihr nicht machen, weil ihr verändert die Natur. Und dann soll es aber völlig okay sein, wenn wir in das Erbmaterial des Menschen eingreifen? Das ist doch eine Diskrepanz!
    Armbrüster: Sehen Sie denn die Gefahr, dass wir uns in Deutschland auch auf so eine Art von Medizin zubewegen? Zurzeit sind wir ja noch weit davon entfernt.
    Kelle: Wir sind im Moment noch weit davon entfernt, weil die Vorstufen davor sind bei uns noch nicht freigegeben - angefangen von der Eizellspende, wie das so hübsch genannt wird, die ja auch nichts anderes ist als eigentlich ein Eizellhandel weltweit, der inzwischen stattfindet unter Bedingungen. Wenn Eizellen entnommen werden müssen, ist das für die Frau eine sehr hohe Belastung, hormonell, gesundheitliche Risiken - darüber redet niemand, in Deutschland verboten! Da vorgeschaltet ist auch die Diskussion zum Beispiel über Leihmutterschaft. Auch die ist in Deutschland verboten. Das heißt, wir sind noch, sagen wir mal, viele Schritte davor. Wir sind natürlich aber nicht autark.
    Armbrüster: Frau Kelle, Sie hören es vielleicht: Die Musik kommt da schon im Hintergrund. Wir müssen hier leider aufhören. Aber ich danke Ihnen vielmals für Ihre Einschätzungen. - Die Publizistin Birgit Kelle war das zur Nachricht vom geborenen Kind mit drei Eltern. Vielen Dank, Frau Kelle, für das Gespräch.
    Kelle: Sehr gerne.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.