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StartseiteKalenderblattGenie ohne Studium29.10.2008

Genie ohne Studium

Vor 225 Jahren starb der Mathematiker und Philosoph Jean Le Rond d'Alembert

Er war Mitglied in fast allen wissenschaftlichen Akademien, die Mitte des 18. Jahrhunderts, im Zeitalter der Aufklärung, in Europa die geistige Elite versammelten: die Pariser Académie des Sciences, die Londoner Royal Society, die Königliche Preußische Akademie - und das, obwohl Jean Baptiste le Rond d'Alembert, der große französische Mathematiker, nie ein formal anerkanntes Studium in mathematischer Richtung absolviert hatte. Vor 225 Jahren starb Jean Baptiste le Rond d'Alembert in Paris.

Von Irene Meichsner

Jean Le Rond d'Alembert beschäftigte sich nicht nur mit mathematischen Aufgaben. (Stock.XCHNG / Aleksandar Milosevic)
Jean Le Rond d'Alembert beschäftigte sich nicht nur mit mathematischen Aufgaben. (Stock.XCHNG / Aleksandar Milosevic)

Er war ein Mann, der die intellektuelle Auseinandersetzung liebte. Jean Baptiste le Rond d'Alembert begeisterte sich für die Ideale der Aufklärung - und träumte zugleich von einem ungestörten Gelehrtendasein. Dass er dieses Ziel überhaupt erreichte, ist fast ein Wunder. D'Alembert kam am 16. November 1717 in Paris als uneheliches Kind zur Welt. Seine Mutter setzte ihn vor der Kirche St. Jean-le-Rond aus, das Findelkind wurde von einer Ziehmutter, der Frau eines Glasermeisters, groß gezogen.

Der Junge hatte Glück. Sein Vater, ein adliger Kavallerieoffizier, sorgte für eine gute Ausbildung. 1739 legte d'Alembert seine erste mathematische Abhandlung vor. Innerhalb weniger Jahre entwickelte er sich zu Frankreichs bestem Mathematiker, trat dabei in direkte Konkurrenz zu dem genialen Schweizer Leonhard Euler, seinem ewigen Rivalen. D'Alembert befasste sich mit Differentialgleichungen, mit den Ursachen des Windes und dem Sonnensystem, speziell mit der Bewegung des Mondes. Er besuchte die Pariser Salons, mischte sich unter die - vom Impuls der Aufklärung beflügelten - Philosophen.

"Er war der herzlichste, lebhafteste und liebenswürdigste von uns allen","

schrieb der französische Schriftsteller Jean-Francois Marmontel.

""Mit seiner angenehmen, lebhaften Stimme und seinem strahlenden, aber zugleich auch festen Verstand ließ er einen vergessen, dass er ein Wissenschaftler war, und erschien ganz einfach nur als ein liebenswürdiger Mensch."

D'Alembert begegnete Rousseau, Voltaire und vor allem Denis Diderot, der den - mittlerweile in ganz Europa bekannten - Mathematiker dazu überredete, mit ihm zusammen die legendäre "Enzyklopädie" herauszugeben, mit der das Wissen der damaligen Zeit einem breiten Publikum nahe gebracht werden sollte. In der Vorrede zum ersten Band des umfassenden Lexikons schrieb d'Alembert 1751:

"Als 'Enzyklopädie' soll es, soweit dies möglich ist, die Ordnung und Verknüpfung der menschlichen Kenntnisse darlegen. Als 'Wohldurchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe' soll es in Bezug auf jede Wissenschaft und Kunst die allgemeinen Prinzipien enthalten, aber auch die wesentlichen Einzelheiten, die seinen eigentlichen Gehalt bilden."

Gegen Kritiker verteidigte d'Alembert das Projekt mit einem an Hochmut grenzenden Selbstbewusstsein.

"Es soll uns erlaubt sein, alle Meinungen zu vertreten, die nicht gegen Religion oder Staat verstoßen. Unseren Gegnern, den Jesuiten, soll es verboten sein, gegen dieses Werk zu schreiben und Gutes oder Schlechtes darüber zu sagen, anderenfalls wir das Recht haben, Vergeltungsmaßnahmen zu ergreifen."

Insgesamt schrieb d'Alembert fast 1800 Artikel für die Enzyklopädie, die meisten zu Stichworten aus der Mathematik, Physik und Astronomie. Die Niederungen der Redakteursarbeit lagen ihm weniger.

"Ich kann so etwas nicht, und ich habe nicht die geringste Absicht, mich selbst zu sechs Jahren Langeweile zu verdammen, die sich am Ende in sieben oder neun Foliobänden niederschlägt."

Als 1757 ein von d'Alembert verfasster, leicht ironischer Artikel über die Stadt "Genf" heftige Proteste beim calvinistischen Klerus auslöste, zog sich der Autor aus dem Projekt zurück.

"Ich bin erschöpft von den Verdrießlichkeiten aller Art, die diese Arbeit uns einbringt. All das und noch weitere Gründe zwingen mich, diese Arbeit für immer aufzugeben."

Diderot setzte das Werk fort, warf d'Alembert "Fahnenflucht" vor. Noch jahrelang appellierten die ehemaligen Freunde an sein philosophisches Gewissen. Voltaire schrieb in einem Brief.

"Vor der menschlichen Vernunft sind Sie für Ihre Zeit verantwortlich. Fünf oder sechs wie Ihr würden genügen, das Infame erzittern zu lassen und die Welt aufzuklären."

Doch d'Alembert ließ sich nicht erweichen, antwortete nur lapidar.

"Ich möchte gerne der Vernunft dienen, aber meine Ruhe liegt mir noch mehr am Herzen. Die Menschen sind es gar nicht wert, dass man sich um ihre Aufklärung bemüht."

Der Gelehrte konzentrierte sich wieder auf die Mathematik. 1772 wurde d'Alembert Generalsekretär der Académie Francaise, zuletzt bekam er noch eine Pension von Friedrich dem Großen, der versucht hatte, ihn als Präsidenten für seine neue Berliner Akademie der Wissenschaften zu gewinnen. Doch d'Alembert zog es vor, zu Hause in Paris zu bleiben, wo er am 29. Oktober 1783 im Alter von 65 Jahren starb.

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