
Das EU-Parlament hat dafür gestimmt, dass Produkte aus bestimmten gentechnisch veränderten Pflanzen im Supermarktregal künftig keine Kennzeichnung mehr tragen müssen. Nach den neuen Regeln sollen zudem aufwendige Umweltprüfungen vor der Zulassung wegfallen. Kritiker sehen Verbraucherrechte geschwächt und sorgen sich um die Artenvielfalt.
Gen-Schere Crispr-Cas: Um welche Verfahren es geht
Die neuen Regeln betreffen sogenannte Neue Genomische Techniken (NGT) wie die "Gen-Schere" Crispr-Cas. Anders als bei der klassischen Gentechnik wird bei den Verfahren keine fremde DNA in Pflanzen eingebaut.
Die Genom-Veränderungen unterscheiden sich dadurch kaum von dem, was bei der Pflanzenzüchtung oder in der Natur durch spontane Mutationen stattfindet, erklärt Robert Hoffie vom Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK). In Größe, Umfang und Wirkung seien die Veränderungen identisch.
Getreide-, Obst- und Gemüsesorten mit weitreichenden DNA-Veränderungen unterliegen weiterhin den aktuellen strengeren Regeln. Das gilt auch für Pflanzen, deren Erbgut auf eine Resistenz gegen bestimmte Unkrautvernichter hin verändert wurde.
Die Änderungen wurden bereits von den EU-Staaten bestätigt und sollen voraussichtlich ab Mitte 2028 angewendet werden.
Ohne Kennzeichnungspflicht: Die Folgen für Verbraucher
Wer sich gentechnikfrei ernähren will, wird es künftig schwerer haben. Beim Einkaufen können Verbraucher dann nicht mehr erkennen, ob ein Lebensmittel geringfügig genetisch verändert wurde oder nicht. Für Produkte dieser Kategorie (NGT1) wird es keine Kennzeichnungspflicht geben.
Stärker veränderte Lebensmittel (Kategorie NGT2) müssen dagegen auch weiterhin kenntlich gemacht werden. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Gene aus einem Bakterium in eine Pflanze eingeführt wurden. Die neuen Regeln gelten für Getreide, Obst- und Gemüsesorten aus der EU und für importierte Pflanzen. Im Bio-Anbau sind keine gentechnisch veränderten Pflanzen erlaubt.
Pflanzengenetiker wie Robert Hoffie halten das Fehlen von Gentechnik-Kennzeichnungen für unproblematisch, "weil von den Pflanzen kein höheres Risiko ausgeht als von konventionell gezüchteten Pflanzen. Es ist nicht gefährlicher für Mensch oder Umwelt als klassische Züchtung."
Laut dem Experten wird das Genom von Pflanzen schon seit Jahrzehnten verändert – ohne dass es eine Kennzeichnungpflicht gebe. Das geschehe beispielsweise durch Bestrahlung oder mit Chemikalien. Bei den Verfahren werde die Mutationsrate in Pflanzen erhöht.
Klimaresistente Pflanzen? Das erhoffen sich Befürworter
Befürworter erhoffen sich von den Veränderungen im Genom Obst- und Gemüsesorten, die ertragreicher, nährstoffreicher und resistenter gegen den Klimawandel sind. Außerdem sollen die Pflanzen weniger Dünger benötigen. Das Ziel sei, Kulturpflanzen an sich verändernde Umweltbedingungen anzupassen, sagt Hoffie.
Durch die Klimaerwärmung gebe es neue Schaderreger, die Kulturpflanzen angreifen würden. Zudem wolle man Pflanzen wieder mehr anstelle von fossilen Rohstoffen nutzen. Mit den neuen Techniken könne man sie dafür "sehr gezielt" anpassen.
Patente und Kontamination: Die Sorgen der Gentechnik-Kritiker
Kritik kommt von Verbraucherschützern, Umweltverbänden und Biobauern. Sie fordern unter anderem, dass Verbrauchern eine Wahlfreiheit gelassen werden sollte, ob sie "Gen-Food" konsumieren möchten oder nicht.
Eine klare Kennzeichnung, ob Gentechnik enthalten ist, sei für informierte Entscheidungen von Verbrauchern und Landwirten nötig, erklärt Maria Noichl, agrarpolitische Sprecherin der Europa-SPD. Sie mahnt die Notwendigkeit von Risikoprüfungen und Rückverfolgbarkeit auch bei neuer Gentechnik an.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hatte die Einigung in der EU bereits im Dezember als schweren Fehler bezeichnet. Verbraucher müssten klar erkennen können, ob Lebensmittel mit Gentechnik hergestellt worden seien.
Biolandwirte kritisieren insbesondere fehlende Abstandsregeln im Ackerbau. Ihre Sorge: Gentechnisch veränderte Pflanzen könnten auch auf ihre Anbauflächen gelangen. Dabei kann es zu Kreuzungen zwischen gentechnisch veränderten und unveränderten Pflanzen kommen.
Der Europaabgeordnete Martin Häusling (Grüne) rechnet mit gravierenden Folgen für die gentechnikfreie Landwirtschaft: "Ohne wirksame Rückverfolgbarkeit und klare Schutzmaßnahmen wird es für Bio-Betriebe und andere gentechnikfrei wirtschaftende Höfe deutlich schwieriger, ihre Produktionsweise aufrechtzuerhalten und ihre Produkte verlässlich als gentechnikfrei zu vermarkten."
Die neuen EU-Regeln lassen auch Patente auf die veränderten Sorten zu. Kritiker fürchten, dass dies die Marktmacht weniger großer Saatguthersteller weiter stärken könnte. Kleinere Produzenten könnten sich die Patente häufig nicht leisten, so Martin Häusling, die Kosten für Landwirte könnten steigen. Die Entscheidung schwäche bäuerliche Betriebe und gefährde die biologische Vielfalt in Europa.
Onlinetext: Tobias Kurfer
Quellen: Agenturen, Deutschlandfunk
Quellen: Agenturen, Deutschlandfunk














