Freitag, 09. Dezember 2022

Geo-Engineering
Können Unterwasservorhänge die Gletscherschmelze verlangsamen?

Das Abschmelzen des grönländischen Eises wird den Meeresspiegel weiter ansteigen lassen. Um den Prozess zumindest zu verlangsamen, will ein Forscherteam einen Unterwasservorhang bauen, der das warme Wasser vom Eis fernhält. Die Idee ist umstritten.

Von Tomma Schröder | 10.11.2022

Grönland, Dänemark: Bunte Häuser der Küstenstadt Ilulissat im westlichen Grönland. Die Stadt liegt am Ilulissat-Eisfjord, der für besonders große Eisberge in der Diskobucht bekannt ist
Grönland, Dänemark: Bunte Häuser der Küstenstadt Ilulissat im westlichen Grönland. Die Stadt liegt am Ilulissat-Eisfjord, der für besonders große Eisberge in der Diskobucht bekannt ist (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Anstatt mit viel Aufwand und viel Material eine Mauer auf dem Meeresboden der Antarktis zu bauen, hat John Moore nun eine etwas leichtere Idee: Der Geophysiker vom Arktis-Zentrum der Universität Lappland will vor der grönländischen Küste einen Plastikvorhang ins Meer hängen. Dort, wo das Schmelzwasser sich in ein schmales Fjord ergießt.
„Grönland ist ein bisschen wie eine Schüssel. In der Mitte ist diese große Eisplatte, die ziemlich tief und von Bergen umgeben ist. Und das Eis fließt aus den sehr dicken Teilen in der Mitte durch kleine Lücken am Rand und schneidet sich in die Fjorde. Und diese Fjorde sind ziemlich tief und eng. Es gibt ungefähr fünf in Grönland, durch die die großen Eismengen aus dem Inneren abfließen“, sagt Moore.

Plastikstreifen gegen Gletscherschmelze

Von diesen Gletscherzungen brechen Eisberge ab und werden aus dem Fjord raus in den offenen Atlantik getrieben. Und genau dieses Kalben der Eisberge möchte der Klimaforscher gerne verlangsamen. Zunächst einmal in Ilulissati, im Westen Grönlands, wo Touristen gerne zum „Eisberg-Watching“ anreisen.
„Unser Ozean erwärmt sich seit ungefähr hundert Jahren. Und das hat dazu geführt, dass sich diese schnell fließenden großen Auslassgletscher immer weiter ins Landesinnere zurückziehen. Aber weil diese Täler sehr tief sind, vielleicht tausend Meter unter dem Meeresspiegel, haben die Gletscher immer noch Kontakt mit dem Wasser. Wenn es uns gelingt, die Geschwindigkeit zu verlangsamen, mit der das warme Wasser in diese Gletscher eindringen kann, dann sollte sich auch das Kalben von Eisbergen verlangsamen.“
Das wärmere Wasser soll ein Vorhang aus Plastik von den Gletschern abhalten. Am Meeresboden befestigt würde er etwa bis 150 Meter unter den Meeresspiegel reichen. Unterteilt in circa 20 Meter breite Streifen – ein bisschen wie die Vorhänge im Schwimmbad, zum Außenbereich. So könnte die Barriere idealerweise Eisberge und Nährstoffe für die fischreichen Gewässer passieren lassen. Moore und sein Team haben berechnet, dass trotzdem ein Großteil des schweren salzhaltigen warmen Wassers zurückgehalten würde und das Schmelzen der Gletscher durch einen 100 Meter hohen Vorhang halbiert werden könnte. Dass hier noch weitere Forschung nötig sei, darüber seien sich auch die Wissenschaftler und Ingenieure bei einem Workshop in Reykjavik einig gewesen, sagt Moore. Gemeinsam mit Ökonomen, Politikern sowie Vertretern der Industrie und der Indigenen hatte man sich dort im Oktober über die Idee ausgetauscht. Eine Finanzierung gibt es aber noch nicht.

Wer trägt die Kosten für einen milliardenschweren Vorhang?

„Einen Unterwasservorhang quer durch diesen fünf Kilometer breiten Fjord zu ziehen würde, grob geschätzt, vermutlich eine halbe Milliarde Euro kosten. Das klingt nach sehr viel Geld. Und natürlich ist es das, besonders im Verhältnis zur grönländischen Wirtschaft. Aber es erwartet ja niemand, dass die Grönlander oder ein armer Bauer aus Bangladesch das bezahlen. Das sind Dinge, die von den reichen Ländern der Welt finanziert werden müssen. Denn die profitieren davon, wenn sie keine Küstenschutzanlagen vor New York oder London bauen müssen.“
Damit ist Moore direkt in der Diskussion um „Loss and Damage“, die derzeit im ägyptischen Scharm-Asch-Schaich geführt wird. Wer trägt die Kosten für Klimafolgen und für Maßnahmen, die diese Folgen abmildern? Wer trägt die Kosten für einen Unterwasservorhang vor Grönlands Küsten? Allein um das System in einem kleinen norwegischen Fjord auszuprobieren und weiter zu erforschen wären einige Millionen Euro nötig.

Kritik: Viel Aufwand, geringer Effekt

Doch Anders Levermann, Physiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, hat zunächst einmal grundsätzliche Bedenken, dass dieses Geld, von wem auch immer es käme, wirklich gut angelegt wäre: „Das ist ein sehr, sehr spezifischer Ansatz für ein spezifisches Teilproblem des Meeresspiegelanstiegs.“ 
Der Großteil des Meeresspiegelanstiegs hat gar nichts mit dem Eis an den Polen zu tun, sondern damit, dass sich das Wasser in den Weltmeeren erwärmt und dabei ausdehnt, und dass Gebirgsgletscher abschmelzen. Außerdem schmilzt das grönländische Eis nicht nur unter Wasser, sondern auch an der Oberfläche. Da ist ein einzelner Gletscher in Grönland – auch wenn es der wichtigste ist – eher unbedeutend. Grundsätzlich, meint Levermann, könne er den Wunsch, Gletscher zu schützen, gut nachvollziehen. Immerhin gebe man Städte wie Shanghai, Kalkutta, New York und auch Hamburg praktisch auf, wenn man das 1,5 Grad-Ziel nicht einhält.
„Und dass man da sagt, da müssen wir was gegen tun, und da dürfen wir auch nicht davor zurückscheuen, technisch einzugreifen, Geld in die Hand zu nehmen, das sehe ich auch so. Aber die Frage, die sich stellt, ist tatsächlich: Was ist der ökologische Aufwand, der technische Aufwand, der finanzielle Aufwand? Und was ist dann tatsächlich der Gewinn, den man bekommt? Und diese Rechnung, die, die kann man durchführen als Wissenschaftler, aber die muss letztendlich die Gesellschaft unterschreiben und die Abwägung selber machen.“
Vorausgesetzt die Technik funktioniert wie geplant und man könnte sie bei allen fünf großen Auslassgletschern Grönlands anwenden, würde der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts einige Zentimeter weniger stark ansteigen, sagen Moore und sein Team. Das ist die Rechnung. Die Abwägung von Kosten und Nutzen steht noch aus.