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StartseiteBüchermarktWitzig, scharfsinnig, pointiert29.06.2017

Georg Christoph LichtenbergWitzig, scharfsinnig, pointiert

Er konnte komplexe Gedanken in ein, zwei anschaulichen Sätzen zuspitzen: Was Georg Christoph Lichtenberg in seinen Aphorismen und "Sudelbüchern" formuliert hat, gehört zu dem bedeutendsten Ertrag seiner Epoche. Zu seinem 275. Geburtstag beschäftigen sich gleich zwei Veröffentlichungen mit dem Philosophen, Physiker und großen Aufklärer.

Von Matthias Kußmann

Skulptur von Georg Christoph Lichtenberg in Göttingen (imago stock&people)
In Göttingen, wo Lichtenberg Physik, Mathematik und Astronomie studierte und später als Physik-Professor lehrte, steht auch seine Skulptur. (imago stock&people)

"Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller."

"Wenn er eine Rezension verfertigt, habe ich mir sa­gen lassen, soll er allemal die heftigsten Erektio­nen haben."

"Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?"

Drei Aphorismen von Georg Christoph Lichtenberg. Hier zum Thema Literatur, wir sind ja im "Bücher­markt". Doch der Philosoph und Aufklärer dachte auch auf anderen Feldern unbestechlich scharf. Er konn­te kom­plexe Gedanken in ein, zwei Sätzen zuspitzen, die ebenso verständlich wie an­schau­lich sind. In sei­nen berühm­ten "Sudel­­büchern" gibt es hun­derte da­von, dazu Reflexionen, Por­träts, Satiren, Wort- und Ge­dankenspiele - rund 8000 Notizen sind erhal­ten.

"Die Anregungskraft dieser Bücher ist ex­orbitant"

"Das ist eine Philosophie des Alltags, groß und klein, und das ist noch lange nicht alles ausgeschöpft. Das ist auch der Grund dafür, warum wir ihn heute noch lesen. Er hinterlässt uns immer noch Lücken zum Nach­denken, zum Weiter­denken. Die Anregungskraft dieser Bücher ist ex­orbitant."

Der Germanist Ulrich Joost beschäf­tigt sich seit Jahrzehnten mit Lich­tenberg. Er hat zahlreiche Werke von ihm heraus­­­gegeben.

"Es ist die Summe eines 33- oder 35jährigen Nach­denkens, die uns da vorliegt - wirklich hoch­karäti­ges Nachdenken über alle Bereiche des Lebens, der Wissen­schaft, der Welt."

Jetzt hat Joost einen kommentierten Band mit Lich­ten­berg-Texten he­raus­gegeben. Er heißt "Wenn ein Buch und ein Kopf zu­sammen­sto­ßen…" und bietet eine gute Auswahl aus den "Sudel­büchern", dazu Notate zu deren Ent­stehung, satiri­sche Passa­gen aus Briefen und Ta­schen­kalendern - und gleich 300 Notizen zu wissen­schaftli­chen The­men. Denn Lich­ten­berg war nicht nur Philo­soph, son­dern auch ein bedeu­tender Physi­ker, was heu­te we­nig bekannt ist.

Großer Geist in buckligem Körper

Georg Christoph Lichten­berg wird am 1. Juli 1742 im hessischen Ober-Ram­stadt ge­boren. Sein Vater ist pro­testan­ti­scher Pfarrer, doch der Sohn tut sich schwer mit Re­ligion und Kirche und greift sie in seinen Texten oft an.

"Ich glaube kaum, dass es möglich sein wird zu er­weisen, dass wir das Werk eines höchsten Wesens, und nicht vielmehr zum Zeitvertreib von ei­nem sehr unvoll­kommenen sind zusammengesetzt worden."

Der große Geist Lichtenbergs wohnt in einem klei­nen verwachsenen Körper mit einem Buckel. Er leidet an der damals häufigen Krankheit "Rachitis".

"Er war am Ende nicht viel größer als 1 Me­ter 44. Durch diese Rachi­tis, von der er das hatte, war sein Oberkörper so ver­dreht, dass er lebenslang un­ter einer zu­nehmenden Lungen- und danach einer Herz­insuffizienz gelitten hat: kurzatmig, ein krampf­artiges Asthma, was ihn begleitete."

Mischung aus Scharf­sicht, Spott, Me­lan­cholie und Humanität

1763 geht Lichtenberg nach Göttingen und studiert Physik, Mathe­matik und Astro­nomie. Im Studium be­ginnt er, Notizen zu ver­schie­densten The­men zu ma­chen - die später so genann­ten "Sudel­bücher". De­ren Mischung aus Scharf­sicht, Spott, Ironie - auch Selbstironie -, Me­lan­cholie und Humanität ist einma­lig in der deutsch­en Philosophie. Doch er publiziert sie nicht.

Lichtenberg: "Ich habe schon lange an einer Geschichte meines Geis­tes so wohl als elenden Körpers geschrieben, und das mit einer Aufrichtigkeit, die vielleicht man­chem eine Art von Mit-Scham erwecken wird (…). Nach meinem Tod wird es der bösen Welt wegen erst herauskommen."

Große hochschuldidaktische Leistung

1775 wird Lichtenberg in Göttingen Physik-Professor. Er ist sehr be­liebt bei den Studen­ten, denn es knallt und raucht in seinen Vor­lesungen - damals etwas völlig Neues.

Joost: "Das ist seine große hochschuldidaktische Leistung. Lichtenberg hat von Anfang an versucht, seinen Physikunterricht mit "fortlaufendem Experiment" zu begleiten. Man hat bereits 1790 ungefähr 600 Ex­peri­mente pro Semester bei ihm gezählt."

Also rund fünf Experimente pro Stunde.

Lichtenberg: "In Colegiis über die Experimentalphysik muss man etwas spielen; der Schläfrige wird dadurch erweckt, und der wachende Vernünftige sieht Spielereien als Gelegenheiten an, die Sache unter einem neuen Gesichtspunkt zu betrachten."

Vielseitige Persönlichkeit

Lichtenbergs Studien leben von seiner Krea­tivität und Genauigkeit. Natur­wissen­schaftliche Er­kenntnis sei nie sicher, man müsse sie immer wieder prüfen. Auch davon han­deln die wissenschaftlichen Noti­zen, die Ulrich Joost in seinem Band gesammelt hat.

Lichtenberg: "Zweifle an allem wenigstens einmal, und wäre es auch der Satz: zweimal 2 ist 4."

Lichtenberg ist unglaublich vielseitig. Er arbeitet als Astronom, heute ist ein Teil eines Mondkraters nach ihm benannt. Er ent­deckt, wie sich die Bipo­larität der Elektrizi­tät nach­wei­sen lässt. Und er fördert die Entwicklung des Blitz­­ableiters, nicht zuletzt, weil der Physiker Angst vor Ge­wittern hat. Doch da­mit nicht genug. Er redi­giert zudem den "Göttinger Taschen Ca­lender", des­sen Bei­träge er zum großen Teil auch verfasst.

Großer, populärer Aufklärer

Joost: "Damit stellt er sich in die kleine Reihe der großen Aufklärer, und zwar der populären Aufklärer. Lichten­berg versucht also, dem bürgerlichen Lese­publikum, und da vor allem auch dem weiblichen Lesepubli­kum, die Erfindungen und Entde­ckungen seiner Zeit in verständlicher Sprache nahe zu bringen: physika­lische Entdeckungen, astro­no­mische Ergebnisse. Er erklärt in einer Folge von Aufsätzen das Weltgebäude. Er hat eine Rubrik "Irrtümer und neue Entde­ckungen" - wo er dann irgend etwas, was man so landläufig glaubt, auch oft bis heute glaubt, enthüllt als einen alten oder neuen Aberglauben. Es ist sehr witzig, pointiert, klar formuliert."

Lichtenberg stirbt 1799 in Göttin­gen. Sein Grab be­findet sich auf dem Bartholomäus-Friedhof, neben dem seiner Frau Mar­garete, mit der er acht Kinder hatte. Doch sie war nicht seine große Liebe. Einige Jahre vor ihr lernte er ein 12jähriges Mädchen aus einfachem Haus ken­nen, zwei Jahre später nahm er es zu sich. Nach damaligem Recht war das Mädchen "heiratsfähig". "Wir waren ständig beisam­men", schrieb er einmal.

Joost: "Zwei Jahre später starb sie ihm, und das war wohl der größte persönliche Verlust, den er in seinem Leben gehabt hat, wie man seinen Briefen ent­neh­men kann."

Lichtenberg: "O du großer Gott! Und dieses himmlische Mädchen ist mir am vierten August 1782 abends mit Sonnen-Untergang ge­storben. Ich hatte die besten Ärzte, alles, alles in der Welt ist getan worden. (…) Es ist mir unmöglich, fort­zufahren…"

Das Zitat findet man in dem Band "Unser Lichten­berg" von Inge und Hans Traxler. Der bekannte Zeich­ner und sei­ne Frau haben Apho­rismen und Briefe Lichten­bergs gesammelt - und Trax­ler kom­mentiert sie zeichnend auf lässige Art: ein Ver­gnü­gen. Man sieht etwa zwei dicke Nil­pfer­de bei der Paarung, beobachtet von zwei zarten Flamingos.

Einer der beiden zitiert einen Aphorismus Lichten­bergs: "Schlankheit gefällt wegen des besseren Anschlusses beim Beischlaf, und der Mannigfaltigkeit der Bewe­gung."

Mit Zitaten aus: 

Georg Christoph Lichtenberg: "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen…: Aphorismen und andere Sudeleien", hrsg. und kommentiert von Ulrich Joost. Wallstein Verlag, 214 Seiten, 20 Euro.

Inge und Hans Traxler: "Unser Lichtenberg". Insel-Bücherei, 102 Seiten, 14 Euro.

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