Montag, 28.09.2020
 
Seit 12:00 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarktMenschenkenntnis und Hochspannung19.01.2020

George Eliot:"Middlemarch"Menschenkenntnis und Hochspannung

George Eliot gilt als erste moderne Schriftstellerin Englands - und "Middlemarch", die gewaltige Studie über das Leben in einer fiktiven Kleinstadt um 1830, gehört zu den bedeutendsten englischen Romanen. Zum 200. Geburtstag Eliots stellen wir eine gelungen Neuübersetzung vor.

Ein Beitrag von Antje Rávic Strubel

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die englische Schriftstellerin George Eliot (1819-1880), bürgerlicher Name: Mary Ann Evans, gezeichnet von Samuel Laurence (imago/United Archives International)
Die englische Schriftstellerin George Eliot (1819-1880), bürgerlicher Name: Mary Ann Evans (imago/United Archives International)
Mehr zum Thema

200. Geburtstag von George Eliot Als Mann berühmt - als freigeistige Frau geächtet

Pseudonyme Schreiben mit Tarnnamen

"Middlemarch", der sechste von George Eliots Romanen, wird auf ihre Zeitgenossen eine ähnliche Wirkung gehabt haben wie "Game of Thrones" oder "House of Cards" auf ein heutiges Publikum; alle reden darüber, alle fiebern der nächsten Folge entgegen. Nur wurden 1872, als Eliots Fortsetzungsroman erschien, Serien noch gelesen, und Aufstieg und Fall der Bewohner von Middlemarch hatte nicht ein Team "gescripted", sondern ein einziger Kopf erfunden.

Rütteln an den Schranken der bürgerlichen Gesellschaft

Im Zentrum stehen die junge Landaldelige Dorothea Brooks und der aufstrebende Arzt Tertius Lydgate. Beide verbindet der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Sie fühlen sich zu Höherem berufen und rütteln an den Schranken der bürgerlichen Gesellschaft. In der Parallelführung einer weiblichen und einer männlichen Hauptfigur mit ähnlichen Ambitionen zeichnet Eliot inmitten ihres großen Gesellschaftsporträts auch ein Geschlechterporträt ihrer Zeit. Während Dorothea mit ihrem Anliegen, sich zu bilden, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, zunächst in eine trostlose Ehe steuert und am Ende aufgrund der Moralvorstellungen gesellschaftlich isoliert ist, steuert Lydgate mit seinem Ansinnen, die Medizin zu verbessern und eine Spezialklinik für Fieberforschung zu eröffnen, in den Bankrott. Seine gesellschaftliche Isolation ist eine Folge wirtschaftlichen Standesdünkels und von etwas, das heute aus der Mode scheint: Lydgate wird geächtet, weil er schmutziges Geld annimmt. Sein Krankenhaus finanziert der korrupte Banker Nicholas Bulstrode, der seine kriminelle Vergangenheit hinter übersteigerter Religiosität zu verbergen sucht.

"Es war kein Wunder, dass sich bei Lydgates energischem Wesen das hoffnungslose Gefühl, dass man sein Tun falsch deutete, leicht in verbissenen Widerstand umkehrte … Er würde vor der Verleumdung nicht weichen … Er würde ihr bis zum Letzten entgegentreten, und nichts von dem, was er tat, sollte zeigen, dass er sich fürchtete. Es gehörte mit zu seinem großmütigen und trotzigen Naturell, dass er beschloss, der Welt ohne Einschränkung zu zeigen, dass er sich Bulstrode gegenüber verpflichtet fühlte, statt davor zurückzuschrecken. Zugegeben, die Verbindung mit diesem Mann war ihm zum Schicksal geworden – zugegeben, er hätte Bulstrode die tausend Pfund zurückgegeben, wenn er das Geld noch in Händen gehabt hätte …, und er hätte den Bettelstab der Rettung vorgezogen, die vom Verdacht der Bestechung befleckt war – trotzdem würde er sich nicht von diesem am Boden zerstörten Mitmenschen abwenden, dessen Hilfe er in Anspruch genommen hatte, und sich kläglich um seinen eigenen Freispruch bemühen, indem er in das Geheul gegen einen anderen mit einstimmte."

Hehren Zielen folgt Desillusion

Lydgates Streben nach Integrität wirkt heute, wo sogar demokratisch gewählte Präsidenten mit ihren niederen Instinkten protzen, altmodisch und ist von der Sturheit eines Kohlhaas. Auch andere Einwohner von Middlemarch gehen mit hehren Zielen und vornehmen Wünschen ins Leben hinaus, und beinahe alle werden desillusioniert. Wünsche, Ziele und Pläne werden ausgehöhlt, ausgebremst oder scheitern. Und obwohl die Schicksale dieser Kleinstadtbewohner eng verwoben sind, sie vom Schutz der Gemeinschaft ebenso abhängen wie von den Ein-und Ausschlussmechanismen bürgerlicher Verhältnisse, ist jeder Einzelne sehr einsam in seinem Streben und seiner Sehnsucht. Dorothea Brooks, gemeinsam mit ihrer Schwester Celia auf dem Landgut des Onkel aufgewachsen, der später als Kandidat der Reformpartei bei den Parlamentswahlen scheitert, sieht ihre einzige Möglichkeit, der einer Frau vorbestimmten Welt aus Sticken und leichter Lektüre zu entkommen, in der Unterstützung eines großen Geistes; selbstverständlich dem eines Mannes. Sie heiratet den um viele Jahre älteren, unterkühlten Vikar und Gelehrten Eward Casaubon. Casaubon arbeitet fruchtlos am "Schlüssel zu allen Mythologien". Seine trockene Verbiesterung über einer veralteten Forschung wird Dorothea erst spät klar, auch dank des leidenschaftlichen Will Ladislaw. 

"Dorothea schwieg, aber eine Träne, die mit dem Schluchzer hochgekommen war, drohte herunterzufallen. "Du bist erregt, meine Liebe. Und auch ich spüre etwas die unangenehmen Folgen zu großer geistiger Verwirrung", meinte Mr. Casaubon. Eigentlich hatte er im Sinn, ihr zu sagen, sie hätte den jungen Ladislaw in seiner Abwesenheit nicht empfangen sollen; aber er nahm davon Abstand, teils weil er spürte, dass es ungnädig wäre, im Augenblick der reuigen Erkenntnis ihrer Schuld eine neue Beschwerde aufzubringen, teils weil er in sich eine weitere Erregung durch das Reden vermeiden wollte, und teils weil er sich zu stolz war, jene Anlage von Eifersucht zu verraten, die er nicht so sehr auf wissenschaftliche Mitstreiter goss, als dass für andere Bereiche nichts mehr übriggeblieben wäre. Es gibt eine Form der Eifersucht, die nur wenig Glut benötigt; es ist weniger eine Leidenschaft als ein giftiger Dunst, der aus der wolkigen, feuchten Verzagtheit eines unsicheren Egoismus aufsteigt."

Selbsttäuschung und Illusion

In einem Brief von 1872 an Harriet Beecher Stowe erklärte George Eliot, dem vom Eifer zerfressenen Casaubon zu ähneln. Beecher Stowe vermutete, Eliot hätte für die Gestaltung von Casaubons Frau Dorothea, gefangen im Ehe-Kerker, auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen. Im Gegenteil, schrieb Eliot; die Casaubon-Hauttöne seien ihrem eigenen psychischen Teint nicht fremd. Der Nähe der Autorin zu vermutlich allen ihren Figuren ist deren Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit zu verdanken. Der weite Geist Eliots ermöglicht Einblicke in die menschliche Psyche, die so glasklar und überzeugend sind, dass man sich problemlos sowohl in Dorothea als auch in Casaubon wiederfindet.

Eliot lebte nicht in einem Ehe-Kerker. Sie war mit George Henry Lewes liiert, der sie in ihrer schriftstellerischen Arbeit unterstützte. Allerdings war Lewes verheiratet. Wegen dieser damals skandalträchtigen Beziehung lebte Eliot Virginia Woolf zufolge in einer "abgeschiedenen Villa … im Schatten allgemeiner Missbilligung", ehe sie Lewes später heiraten konnte. In "Middlemarch" verlaufen viele Ehen misslich. Der mittellose Lydgate verzweifelt an der vom sozialen Aufstieg besessenen, luxusverliebten Rosamond Vincy. Will Ladislaw wird als Sprössling einer unstandesgemäßen Ehe seiner Mutter mit einem Polen gering geschätzt. Und Banker Bulstrode hat seine Frau jahrzehntelang über seine dunklen Machenschaften getäuscht und reißt sie mit in die Schande. So ist "Middlemarch" auch ein Roman der Täuschungen. Wir täuschen uns im Anderen, weil wir über uns selbst im Dunkeln tappen. Eliot zeigt auf diesen tausend Seiten, die vor dem Horizont der beginnenden Industrialisierung spielen, unter anderem, dass Gesellschaften auf wenig mehr beruhen, als auf dem, was diejenigen im Innersten antreibt, die diese Gesellschaft sind. In diesem Fall Selbsttäuschung und Illusion.

Spannung, sprachliche Brillanz, Tiefenschärfe der Figuren

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller sagte einmal, für Bücher von mehr als fünfhundert Seiten sei ihre Lebenszeit zu kurz. Und Julia Schoch befand, dass in Deutschland Preise für Fleiß verliehen werden, womit sie auf die nicht erst seit Karl-Ove Knausgård beliebte Praxis anspielte, Bücher auszuzeichnen, weil sie dick sind. Aber wo in zeitgenössischen Werken oftmals der blasse Stoff in seiner noch blasseren Bearbeitung das viele Papier nicht rechtfertigt, verhält es sich bei "Middlemarch" anders. Das ursprünglich als Fortsetzungsroman in nur drei Jahren geschriebene Monumentalwerk besteht aus acht Teilen, wiederum in Kapitel gegliedert. Eine beinahe modern anmutende Erzählstimme sortiert das Geschehen in ironisch leichtem Ton. Handlungsspannung, sprachliche Brillanz, Tiefenschärfe der Figuren, Schönheit der Bilder und Treffsicherheit in der Schilderung unterschiedlicher Gesellschaftsschichten im England der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ergeben eine Komposition, in der jeder Satz sitzt. So sicher gebaut sind die Sätze, dass die Balance auch über längere Strecken nicht verloren geht, während Schicht um Schicht eines Gedankengangs abgetragen wird, der auf eine tieferliegende Erkenntnis zusteuert. Was für eine gewaltige Aufgabe für den Übersetzer Rainer Zerbst. Zerbst hat nicht nur den erzählerischen Ton getroffen und in der Wortwahl eine vorsichtig moderne Aktualisierung nah am Original in einem leichtgängigen Rhythmus geschaffen, sondern auch die feine Ironie Eliots bewundernswert ins Deutsche gebracht.

"Der Geist eines Mannes – jedenfalls so weit vorhanden – hat eben den Vorzug, männlich zu sein – so wie die kleinste Birke immer noch von höherer Art ist als eine noch so hochwachsende Palme – und selbst seine Unwissenheit ist von soliderer Qualität. Sir James hatte dieses Urteil nicht selber erfunden; doch eine gütige Vorsehung versorgt auch die banalste Persönlichkeit mit ein wenig Stoff und Kleister in Form von Tradition."

Subtiler Feminismus

"Middlemarch" ist kein lautes feministisches Buch. Hier bemächtigt sich keine unabhängige, den Männern auf allen Gebieten ebenbürtige Heldin der Schaltstellen der Gesellschaft. Solche Heldinnen sind ja sogar in der Gegenwartsliteratur noch so selten, dass die Tatsache ihres Auftretens jedesmal extra Erwähnung findet. Als weiblicher Romancier war George Eliot in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts selbst eine große Ausnahmeerscheinung. Nicht ohne Grund schrieb sie unter männlichem Pseudonym. Sie verstand viel von den feinen und weniger feinen Hindernissen, die der Selbständigkeit einer Frau im Weg standen. Das schlägt sich in ihrem Schreiben nieder. Elegant legt sie nebenbei die männliche Haltung, den männlichen Blick und die täglichen Demütigungen offen, denen sich manche Frau nur mithilfe einer Internalisierung der Demütigung zu entziehen vermag, wie etwa Mrs. Garth, die Frau des Gutsverwalters. Um die Entsagung ihrer eigenen Ambitionen als Lehrerin zu verkraften, eignet sie sich umso entschlossener die Rolle der Unterworfenen an. Dazu gehört, keiner anderen Frau, inklusive ihrer Töchter, irgendeine Ambition zuzubilligen, die auch nur entfernt der männlichen Sphäre entstammt. Subtil hebt Eliot die Begrenzungen hervor, die auch eine eigensinnige Heldin wie Dorothea Brooks 1830 noch davon abhalten, gesellschaftspolitisch aktiv zu werden. Und doch schildert sie sie erfrischend als eine Frau, die mit technischen Zeichnungen mehr anfangen kann als mit Babies. Heute hätte diese Dorothea mit ihrem klugen Idealismus ein politisches Amt oder eine Professur inne. In "Middlemarch" legt Eliot zugleich gedankliche Spuren, auf die Virginia Woolf ein halbes Jahrhundert später in ihrem epochalen Essay "Ein Zimmer für sich allein" zurückgreift, etwa, wenn sie von der Unsichtbarkeit und Namenlosigkeit jener weiblichen Wesen schreibt, die einen einflussreichen Mann förderten oder hervorbrachten.

"Ihr hochsensibles Wesen zeitigte immer bemerkenswerte Ergebnisse, doch wurden sie nicht weithin sichtbar. Wie jener Strom, dessen Macht Kyros brach, verbrauchte sich ihr reiches Innenleben in Kanälen, die keine großen Namen auf der Landkarte tragen. Doch ihre Ausstrahlung auf die, die in ihrer Nähe lebten, war unermesslich reichhaltig: Denn wenn die Welt immer besser  wird, so ist das zum Teil auf Taten ohne historischen Rang zurückzuführen; und dass es um den Leser und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, das verdanken wir zur Hälfte den zahlreichen Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und in Gräbern ruhen, die kein Mensch besucht."   

"Erweiterung der Sympathien"

Die Form von George Eliots Roman vergleicht Rainer Zerbst in seinem aufschlussreichen Nachwort mit einem Netz, in dem sich ein "Reichtum an Details" infolge einer seltenen Ökonomie der schriftstellerischen Mittel in einer "strengen Strukturierung" findet. Da ist nichts überflüssig. Im Detail steckt immer auch das große Ganze, und das Ganze wirkt zurück aufs Detail. Das spiegelt sich im Zusammenspiel der Figuren.

"So wenig die Einzelschicksale der Hauptfiguren losgelöst von den Schicksalen der anderen betrachtet werden können, so wenig lassen sich die Figuren aus dem Geflecht lösen, das die Gesellschaft dieser Provinzstadt ingesamt darstellt."

Dieses Ineinander von Gesamtheit und Einzelheit war für George Eliot nicht nur ein literarisches Ideal. Auch die Gesellschaft stellte für sie einen Organismus dar, in dem Details in vielfältiger Beziehung zueinander stehen und ein Ganzes ergeben. 1876 forderte sie in einem Vortrag am Girton College von den Studentinnen, sich die Konsequenzen bewusst zu machen, die jede ihrer Handlungen in einer Gesellschaft haben und wie die Gesellschaft wiederum ihre Handlungen prägt. Denn neben ihrer stilistischen Meisterschaft war Eliot eine engagierte, im besten Sinne moralische Schriftstellerin. In der "Erweiterung unserer Symphatien" sah sie den größten Nutzen der Kunst; durch die Kunst lerne man fühlen, anstatt zu generalisieren. In einem Artikel in der "Westminster Review" von 1856 trifft sie da auch einen Nerv unserer Zeit. Eliot kritisierte den verbreiteten Glauben, dass sich "alle sozialen Fragen in den Wirtschaftswissenschaften bündeln und die Beziehungen der Menschen zu ihren Nachbarn in Zahlen aufrechnen lassen". Vielmehr gelte es, die Ideen, Gefühle und Gewohnheiten der Menschen in den Blick zu nehmen, wie sie das als Schriftstellerin tat. Die Leser sollten dazu befähigt werden, sich die Schmerzen und Freuden derjenigen besser vorstellen zu können, die anders sind als sie selbst, anders in allem bis auf die Tatsache, eine irrende, geplagte Kreatur zu sein.

Menschenkenntnis und Weitsicht

Wie gewöhnlich die Kreatur, wie unbedeutend der Mensch auch sein mag - die Gefühle stoßen auf irgendeine Weise immer ans Außergewöhnliche. Sie sind zugleich einzigartig und allgemein und in ihrer Allgemeinheit in der Lage, kulturelle Unterschiede, Standes- und Klassenunterschiede zu überschreiten. Auch in dieser Beobachtung liegt das Außergewöhnliche von Eliots Meisterwerk, zumal sie es vermag, ihren Figuren nicht nur in die Seele, sondern auch auf‘s Maul zu schauen. Die Sprache der Pferdehändler wird ebenso lebendig wie die eines Auktionators, eines aufstrebenden Journalisten, eines grantigen Pfarrers oder einer verwöhnten Landadligen. Eliot selbst wuchs als jüngstes von insgesamt fünf Kindern auf einem Landgut auf. Ehe sie nach London ging und Kontakt zu intellektuellen Kreisen hatte, hatte sie Umgang mit Bauern, Pferdehändlern, Kleinstadtpfarrern und Gutsverwaltern, wie sie "Middlemarch" bevölkern. Schon in ihrem ersten Roman "Adam Bede" den sie mit 40 Jahren schrieb und der ein Bestseller wurde, stellte sie Charaktere aus dem ländlichen Leben ins Zentrum. In Middlemarch stehen diese Figuren für eine ganze Welt; nicht nur des viktorianischen Zeitalters. Eliots enorme Menschenkenntnis und ihre Weitsicht machen den Tausendseiter zum modernen "binging"-Erlebnis und einem spannungsgeladenen Spiel. Denn als Frau, die unter männlichem Pseudonym schrieb, um gelesen zu werden, stellte sich Eliot bereits vor hundertfünfzig Jahren nicht zuletzt jene Frage, die einer breiteren Leserschaft erst mit der Postmoderne vertraut wurde: Wer schreibt eigentlich?

"All jene, denen Fred Vincy und Mary Garth am Herzen lagen, werden gern erfahren, dass diese beiden … ein dauerhaftes gegenseitiges Glück erfuhren. Fred überraschte seine Nachbarn in mehrerlei Hinsicht. Er machte sich … einen Namen als Landwirt … und brachte ein Buch über den 'Anbau von Grünfutter und die Organisation der Viehfütterung' heraus, das ihm bei landwirtschaftlichen Zusammenkünften viel Beifall einbrachte. In Middlemarch hielt sich die Bewunderung eher in Grenzen: Die meisten hier glaubten, seiner Frau komme eigentlich das Verdienst an Freds Buch zu, denn sie hatten nie erwartet, dass Fred Vincy über Steckrüben und Mangold schreiben würde. Doch als Mary für ihre Jungen ein kleines Buch mit dem Titel "Geschichten großer Männer nach Plutarch" schrieb und … verlegen ließ, war jeder in der Stadt bereit, dieses Buch Fred zuzuschreiben, denn er war ja, wie man bemerkte, auf der Universität gewesen … So wurde deutlich, dass sich Middlemarch niemals täuschen ließ und dass es nicht nötig war, irgendjemanden  zu loben, weil er ein Buch schreibe, denn das wurde ja doch immer von einem anderen getan."

George Eliot: "Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz"
Neu aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz
Rowohlt Verlag, Hamburg. 1264 Seiten, 45 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk