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Geplatzter Traum vom Olympischen Feuer

Wäre München Austragungsort der Olympischen Winterspiele geworden, hätte es Sondermittel für Verkehrsprojekte aus dem Bundeshaushalt gegeben. Ohne den Zuschlag für Olympia ist jetzt fraglich, ob einige Bahntrassen weitergebaut werden.

Von Lisa Weiß | 07.07.2011

Baupläne hängen an weiß gestrichenen Wänden, in einer Ecke liegen ein paar Ordner, eine Tafel mit den wichtigsten Informationen über die zweite Stammstrecke steht mitten im Raum. Das Bürgerbüro sieht noch ein bisschen provisorisch aus. Hier, in einem Ladengeschäft im Münchner Stadtteil Haidhausen, wollen das bayerische Verkehrsministerium und die Bahn einmal pro Woche gemeinsam Fragen beantworten über die geplante zweite S-Bahn-Stammstrecke. Und natürlich Werbung machen für das Projekt. Etwa zehn bis 15 Anwohner kommen pro Abend, die meisten macht die weit geöffnete Tür neugierig. Wie Martin. Der junge Lehrer tritt ein, schaut sich kurz um und wendet sich an eine Mitarbeiterin:

"Also ich wohn hier, direkt gegenüber - mhm - und wollt generell wissen, wie das mit der Stammstrecke ist. Und inwieweit ist die Gegend hier jetzt ganz konkret betroffen - Da können wir vielleicht mal auf den anderen Plan kucken, da sieht man's ganz gut. "

Katharina Bittner vom bayerischen Verkehrsministerium zeigt auf Baupläne, gestikuliert und erklärt: Dass durch einen zweiten S-Bahntunnel, der parallel zum bisherigen unter der Münchner Innenstadt verläuft, mehr Bahnen ins Umland fahren könnten, dass Express-S-Bahnen mit weniger Stopps geplant sind, dass die Münchner dadurch viel schneller am Flughafen wären. Sie verspricht natürlich auch, dass die Bauarbeiten gar nicht so schlimm sein werden, auch nicht in Haidhausen, wo hauptsächlich gegraben wird. Martin nickt.

"Und was kostet jetzt das alles so? - Rund zwei Milliarden - Mhm. Kann man auch viele interessante andere Dinge damit machen."

So ganz überzeugt ist der junge Mann nicht. Wer soll das bezahlen, fragt er noch, bevor er geht. Und genau diese Frage stellen sich momentan viele. Eigentlich sollen die Bauarbeiten bereits im nächsten Jahr beginnen. Geplant ist, dass Stadt, Freistaat und Bund das 2-Milliarden-Euro-Projekt gemeinsam finanzieren, über die Hälfte der Kosten soll der Bund zuschießen. In Zeiten klammer Kassen keine Selbstverständlichkeit. Seit gestern Abend, seit dem Aus für Olympia 2018 sowieso nicht mehr. Wäre München Austragungsort der Olympischen Winterspiele geworden, hätte es wohl Sondermittel aus dem Bundeshaushalt gegeben. Ohne Olympia aber hat die bayerische Landeshauptstadt keinen Vorrang mehr, muss Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer verkünden.

"Das hätte ja bei einem Zuschlag geheißen von jetzt gerechnet in 6,5 Jahren mit dem Bau fix und fertig zu sein. Was allerhöchste Anstrengung erforderlich gemacht hätte. Wenn ich jetzt sage, es geht normal seinen Gang weiter, dann kann ich jetzt nicht mit Gewissheit mich herstellen und sagen, trotzdem ist das theoretisch Ende 2017 fertig."

Der CSU-Politiker redet um den heißen Brei herum. Dass er selbst Bayer ist, spielt keine Rolle. Als Bundesverkehrsminister ist er der ganzen Republik verpflichtet - bevorzugen darf er seine Heimat nicht. Die Zeit allerdings drängt, denn das Geld für die Stammstrecke soll zum Teil aus einem Bundesprogramm kommen, das 2019 ausläuft. Ob dieser Topf wieder gefüllt wird, ist fraglich. Also - keinen S-Bahn-Tunnel für München? Keine schnelle Verbindung zum Franz-Josef-Strauß Flughafen? Platzt nach dem Transrapid ein weiteres bayerisches Großprojekt? Bayerns Verkehrsminister Martin Zeil sagt entschieden: Nein.

"Die zweite Stammstrecke wird auch ohne Olympia kommen, sie muss ohne Olympia kommen, es ist auch mit die Voraussetzung für eine gute Flughafenanbindung."

Bis vor kurzem noch hatte der FDP-Minister den Bau der Stammstrecke immer mit der Olympiabewerbung verbunden. Katzenjammer in München, denn ganz unabhängig von Olympischen Spielen - der neue S-Bahn-Tunnel wird gebraucht. Zeil hat hoch gepokert und verloren: Nicht nur das Bauprojekt in München, auch weitere in Oberbayern wie der Ausbau der Bahnstrecke nach Garmisch-Partenkirchen werden jetzt wohl auf Eis gelegt. Und einen Plan B gibt es offenbar noch nicht. Der Verkehrsminister will an einem Strang mit der Bahn ziehen, Mittel beantragen und den Bund überzeugen. Das aber könnte schwierig werden.

Zurück nach Haidhausen, wo eigentlich bald die Bagger anrollen sollen. Sechs Jahre lang Baustellenlärm und Schmutz. Bei den Anwohnern müsste normalerweise die Freude groß sein, dass mit dem Traum von Olympia eventuell auch der Albtraum der zweiten Stammstrecke geplatzt ist. Walter Heldmann ist hier zweiter Vorsitzender einer Bürgerinitiative, er kämpft seit Jahren gegen den neuen Tunnel und sagt trotzdem:

"Also wir sind uns völlig einig mit allen anderen, dass München eine zweite Stammstrecke braucht."

Nur den Tunnel, der unter Haidhausen verlaufen soll, wo Heldmann seit 30 Jahren wohnt - den will er nicht. Er sieht die Entscheidung gegen Olympia aber als Chance, denn er hofft, dass man jetzt nach günstigeren Alternativen sucht. Sein Vorschlag ist eine oberirdische Bahnstrecke, die den Ostbahnhof im Süden mit dem Münchner Westen verbindet. Ganz ohne Tunnel, fast ohne Baustellen, mit einem dichteren Takt als die Tunnelversion - und viel günstiger. Letzteres sieht die bayerische Staatsregierung anders. Warum die Politik am Tunnel festhält, ist für Heldmann klar:

"Das würde das größte Verkehrsprojekt in der Bundesrepublik. An sich war schon der Stolz auf ein Großprojekt mit auch ein Motiv. Und dann kommt natürlich hinzu der rein politische Effekt. Man hat sich mal für was entschieden, und dann möchte man eine gewisse politische Standfestigkeit beweisen."

Doch ohne finanzielle Mittel könnte diese Standfestigkeit bröckeln. Und im oberbayerischen Rosenheim giert man schon nach den Geldern, die jetzt frei werden könnten. Statt der zweiten Stammstrecke für München wünschen sich Lokalpolitiker eine Westtangente für die Stadt im Voralpenland. Und das ist nur ein Beispiel, auch andere Gemeinden melden Ansprüche an. Aber entschieden ist noch nichts.

Und daher wird Katharina Bittner weiterhin einmal pro Woche im Bürgerbüro in Haidhausen stehen. Und versuchen, für eine Stammstrecke zu werben, von der keiner mehr weiß, wann sie gebaut werden soll - und von welchem Geld.

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